Eskandar

Sheikh Lotfollah Moschee in Isfahan, Foto: Fabien Dany

„Eskandar“ erzählt die Lebensgeschichte eines Iraners zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Auf dramatische und doch sensible Art und Weise wird uns die persische Kultur vorgestellt. Nicht nur unsere Welt ist dem Fortschritt unterworfen, auch die Iraner müssen lernen sich anzupassen.

Entbehrungen

Der junge Eskandar wohnt in einem Dorf ohne Namen. Alle Wasserquellen sind längst versiegt, seine Mutter kurz vor dem Tod. Das ehemals so fruchtbare Land um das Dorf ist ausgetrocknet. Den Bauern wurde so jede Lebensgrundlage geraubt. Nur noch wenige Menschen können in diesen Lebensbedingungen ausharren, nach und nach stirbt das Dorf.

Die Entdeckung von Neuem

Nach dem Tod seiner Mutter, macht sich Eskandar auf dem Weg über den verbotenen Berg. Keinem ist die Überquerung der Kante des Berges gestattet. Mit Horrorgeschichten versuchten die Mullahs die Bevölkerung hörig zu machen. Eskandar wagt es dennoch, zu verlieren hat der Junge nichts. Sein Vater ist in Folge der Dürre gestorben, ebenso seine Mutter.

Hinter dem Berg entdeckt er ein Camp der Farangi (Ausländer), hier gibt es Essen  und Trinken im Überfluss. Mister Richard, ein kanadischer Ingenieur, schließt den Jungen in sein Herz und beschließt ihn im Camp zu behalten. Fortan spült er das Geschirr, deckt den Tisch, putzt Schuhe und erlernt spielend die englische Sprache.

Er ist es, der den Amerikaner zeigt, wo sie nach Naft, Petroleum, suchen müssen und ist dabei als zum ersten Mal das schwarze Gold aus dem Boden sprudelte.

Mister Richard schenkt dem Jungen eine Ausbildung in der nächsten Stadt bei einem Geistlichen. Dort erkennt man schließlich welche Magie Eskandar mit seinen Erzählungen versprüht, so wird er zum Geschichtenerzähler und zum Ausrufer guter und schlechter Nachrichten.

Untergebracht ist er bei einer Geliebten von Mister Richard und ihrer Mutter. Diese trägt ein Kind von ihm aus, durch den Umzug Eskandars kann er der jungen Frau Geld zukommen lassen, ohne sich öffentlich bloß zu stellen.

Eskandar empfindet tiefste Zuneigung zu dem Kind und kümmert sich fortan um das Geschöpf, da die Mutter schwer erkrankte. Dem Kind gibt er schließlich den Namen Roxana. Von nun an ist es Eskandars Kind und steht unter seiner Obhut.

Kampfjahre

Nicht alles verläuft gut im Iran. Immer mehr Iraner wünschen sich  eine Verfassung und ein Parlament, sofern sie wissen was das überhaupt ist. Dennoch weis auch die Landbevölkerung, dass einzig der König und seine englischen und russischen Verbündeten vom Öl profitieren. Großteile der Bevölkerung leben in bitterer Armut und können weder lesen noch schreiben.

Eskandar gelangt schließlich in die Truppen vom Großen Khan Hodjat. Der im Untergrund für die Unabhängigkeit des Irans kämpft. Auch dort kommt er seiner großen Leidenschaft dem Geschichten erzählen nach und zieht mit den Kriegern von Kampf zu Kampf.

Jahre der Sünde

Über Umwege gelangt Eskandar in die Gefolgschaft des großen Palang-Khan, auch der Tiger genannt. Er ist für allerlei Dinge zuständig, auch für die sexuellen Begierden von Mahrokh-Khanun, die jüngste Ehefrau des Tigers. Sie nimmt sich der kleinen Roxana an und verführt den jungen Eskandar. Er hegt keinerlei Verdacht, als sie ihm befiehlt für ein Jahr Teheran zu verlassen, um Palang- Khan nicht weiter zu reizen.

Eskandar macht sich noch in der gleichen Nacht auf den Weg in den Norden, kehrt aber nicht wie gefordert nach einem Jahr zurück. Selbst wenn er zurückgekehrt wäre, hätte er seine geliebte Roxana dort nicht mehr vorgefunden. Mahrokh-Khanun reiste nur einige Tage nach seiner Abreise ins Ausland und kehrt nur zu besonderen Anlässen in den Iran zurück.

Jahre voller Abenteuer

In den vielen Jahren, die er wie eine Flucht empfindet, erlebt er allerhand Abenteuer und lernt schließlich den Fotografen und Kaufmann Nossrat kennen, der ihn als seinen Gehilfen anstellt. Seine Reise bringt Eskandar schließlich nach Teheran zurück, wo er sich nach seiner ehemaligen Geliebten Mahrokh-Khanun und seiner Ziehtochter Roxana erkundigt und erfahren muss, dass sie schon lange nicht mehr im Iran leben.

Nossrat überredet ihn in der Stadt Schiras eine Anstellung als Händler zu übernehmen. Dort verliebt sich schließlich die Tochter des Händlers, Aftab, in Eskandar. Schließlich heiraten sie.

Leider sind ihnen keine Kinder vergönnt, dennoch führen sie eine äußerst harmonische Beziehung. Um seiner Frau die Möglichkeit zur Regenration nach mehreren gescheiterten Schwangerschaften zu bieten, ziehen sie schließlich in die Hauptstadt, wo sich die Unruhen zwischen Mossadegh ? Anhänger, der Gegenspieler des jungen Schah Mohammad-Resa und den königstreuen Truppen immer mehr zuspitzen. Eskandar erzählt ergreifend, wie zunehmend Schlägertrupps beauftragt werden, um die Leute einzuschüchtern, bis er und seine Frau selber davon betroffen sind.

Auf einer Demonstration wird seine Frau Aftab so schwer verprügelt, dass sie stürzte und schließlich tot getrampelt wird.

Eskandar verfällt in Lethargie, aus dieser ihn nur seine Roxana helfen kann. Diese traf er zufällig mit seiner ehemaligen Geliebten in einem Cafe. Er zieht für einige Zeit in ihr herrschaftliches Anwesen und tankt neuen Mut bei seiner Ziehtochter. Schließlich fühlt er sich stark genug und geht in seine alte Wohnung zurück. Dort lernt er ein angebliches Geschwisterpaar kennen. Er heiratete zum zweiten Mal und wird bald mit einer Schwangerschaft belohnt.

Mit der Zeit stellt sich jedoch heraus, dass seine Frau eine Hure ist, die nur von ihrem vermeintlichen Bruder zu Spionagezwecke mit Eskandar verheiratet wurde. Er nimmt das Kind und entflieht der untragbaren Situation. Unterschlupf finden er erneut bei seiner Ziehtochter. Er bezieht mit seiner Tochter in das Gärtnerhäuschen und die Zeit nimmt ihren Lauf.

Als jedoch die Ausschreitungen zwischen Royalisten und Republiksympathisanten verstärken, kommt es zum Bruch innerhalb der Familie. Der Sohn Roxanas und die Tochter Eskandars verkünden ihre Liebe und entfliehen gemeinsam. Jahrelang hören Roxana und Eskandar nichts von ihren Kindern, bis sie auf einer Kundgebung aufeinander treffen. Eskandar ist bereits Großvater und nimmt sich seiner Enkelin liebevoll an, als seine Tochter ermordet wird.

Gemeinsam erlebte die Familie im Hause Roxanas viele schreckliche Tage der Angst und Ohnmacht, nicht nur im Kampf für die Iranische Republik.  Am Ende stirbt Eskandar rund hundertjährig, im Hause seiner Ziehtochter. Ein Leben voller politischer Umbrüche, die leider nur selten dem Volk zu Gute kamen

Fazit

Das Buch ist so umfangreich, dass man nicht alle Stationen in Eskandars Leben skizzieren kann. Doch genau diese vielen Beschreibungen machen das Buch so lesenswert. Sprachlich kann die Autorin leider nicht brillieren, was bei dieser Form der „Erzählung“ auch sicher nicht das vorrangige Ziel war. Man erlebt, wie Verzweiflung, Hoffnung, Angst und Demütigung eng in einander greifen.

Neben der historischen Dimension erfährt man auch viel über den Alltag in der iranischen Welt. Gut wird der Modernisierungskampf des Shas dargestellt, in dem aber auch die Situation der Frau in der Gesellschaft nicht zu kurz kommt.

Doch beschreibt das Buch auch den unbändigen Freiheits- und Gerechtigkeitswunsch des iranischen Volkes. Nicht nur durch die aktuellen Ereignisse erhält das Buch eine besondere Brisanz. Es liefert auch einiges an Grundwissen für das Verständnis der iranischen Entwicklung und Geschichte.

„Im Leben meines Helden Eskandar spiegelt sich die dramatische Geschichte, all die Wünsche, Träume und verpassten Chancen meiner Heimat Persiens im letzten Jahrhundert.“ so Siba Shakib

JD

Siba Shakib

Eskandar
512 Seiten
19,95 Euro

C. Bertelsmann

Stand Oktober 2009

Share.