Erster Auftritt Philip Marlowe

General Sternwood ist steinalt, steinreich und hat zwei schöne, wilde Töchter. Die aufreizende Carmen wird erpresst, und Privatdetektiv Philip Marlowe soll die Sache aus der Welt schaffen. In einer wunderschönen Neuausgabe von Diogenes gibt es seit kurzem den ersten Fall des berühmten Detektives zu lesen.

Erster Auftritt Philip Marlowe

Kalifornien, 30er Jahre

Ein kleines, schäbiges Büro in Hollywood, ein paar leidliche Kontakte und ganz viel Loyalität – so startet Privatdetektiv Philip Marlowe seine literarische Karriere. Die Figur ist mittlerweile zum selbsterklärenden Klassiker aus der Hard-boiled Schule geworden. Clever, kampfbereit und notfalls mit flinker Flinte (naja, meist sind es eher Revolver) hat er sich seinen Platz in der Kriminalliteratur erobert. In „Der große Schlaf“ treffen wir ihn als jungen Ermittler, zynisch, aber bis zum Äußersten der eigenen Moral verpflichtet.

Und die wird von den Töchtern seines neuesten Klienten nicht nur einmal auf die Probe gestellt. General Sternwood hockt auf einem beachtlichen Vermögen, aber, wie es aussieht nicht mehr lange. In reiferem Alter hat der Öl-Magnat noch zwei Töchter gezeugt, die ihm nun das Leben schwer machen. Vivian, die ältere, hat einen Schnapsschmugler geheiratet, der mittlerweile vermisst wird und spielt um Summen, über die sie eigentlich nicht verfügen kann. Carmen, die jüngere, stellt ihr Schwester noch in den Schatten. Völlig enthemmt torkelt sie durch das Nachtleben von LA. Nun wird sie bereits zum zweiten Mal erpresst. Das ist auch der Grund, warum der besorgte Vater Marlowe engagiert. Der soll sich nun um den Urheber eines beachtlichen Schuldscheins kümmern.

In dessen Antiquariat werden allerdings pornographische Bücher verliehen, statt betagte Klassiker gehandelt. Und den Chef erwischt er dort auch nicht. Also ab zu dessen Heim. Noch bevor Marlowe die Szenerie betreten kann, fallen Schüsse. Der Gesuchte ist tot. Auf einem Sessel im Wohnzimmer findet sich dafür Carmen Sternwood – nackt, völlig zugedröhnt und komplett ahnungslos.

Auch heute noch zeitgemäß

Irgendwie hat Raymond Chandler es geschafft, so zu schreiben, dass man über weite Strecken des Buches auch heute noch, über 70 Jahre später, das Gefühl einer gewissen Aktualität bekommt. Überraschende Wendungen, moralische Dilemma, beißender Witz und rasante Action – Chandler bietet in seinem Erstling mehr als mancher gestandene Autor am Höhepunkt seines Schaffens. Vollkommen zu recht ein Klassiker des Genres!

Gisela Stummer (academicworld.net)

Raymond Chandler. Der große Schlaf
10,90 Euro. Diogenes


Stand August 2013
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