Empört Euch!

Folgendes Interview mit irgendeinem einigermaßen bekannten deutschen Fotomodel habe ich letzte Woche in einem Hochglanzmagazin bei meinem Zahnarzt gefunden. Es ist für mich ein Sinnbild unserer gerade sehr kranken Welt.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin © Foto, privat

Zeitung: Was war bisher Dein aufregendster Job?
Model: Ich finde es immer total aufregend für ein Shooting an einem tollen Ort gebucht zu werden, vor allem bei Bikiniaufnahmen kommt man an die schönsten Strände der Welt. Einmal hatte ich ein Shooting mit einer Würgeschlange, aber ich wollte es natürlich unbedingt gut hin bekommen. Das war eine tolle Erfahrung, ach war ich nervös.

Zeitung: Wie kleidest Du Dich privat?
Model: Lässig bis chick.

Zeitung: Du bist ja hübsch und begehrt? Was ist Dir außer Mode sonst noch wichtig?
Model: Ich verbringe viel Zeit mit Freunden und meiner Familie, Menschen die mich gerne haben. Ich brauche das zum Ausgleich für die vielen Reisen.

Zeitung: Es wird ja oft behauptet, dass Models nicht richtig essen?
Model: Andere müssen sich sicher runter hungern, um Erfolg zu haben. Bei mir sieht das glücklicherweise anders aus. Ich achte auf meine Ernährung und treibe viel Sport – solange man das mit dem Süßkram nicht übertreibt, ist das sicher auch mal erlaubt.

Zeitung: Was möchtest Du nach Deiner Modelkarriere machen?
Model: Ich habe mein eigenes Modelabel gegründet. Somit bleiben andere Möglichkeiten, falls es mal mit dem Modeln irgendwann vorbei sein sollte.

Zeitung: Bist Du eine Fashionista?
Model: Ich finde es schon immer erschreckend wie viel Geld ich schon wieder für Klamotten ausgegeben habe, wenn ich meine monatlichen Kontoauszüge checke. Mein letzter Kauf: Schuhe – was sonst (lacht).

Und natürlich hat sie als Kind eine Zahnspange getragen und die Jungs haben sie immer geärgert, weil sie so groß und dünn war….

Hätte dieses Mädchen ein durchschnittliches Aussehen, würde sich über ihre Oberflächlichkeit wohl nur ihr nächstes Umfeld ärgern. Doch dieses offensichtlich dumme, uninteressante Mädchen ist eines der Vorbilder in unserer Kultur: Shoppen, sich mit Freunden treffen, gut aussehen. Irgendwo zwischen: „Hach, was bin ich natürlich“ und „was hab ich als Model für ein tolles Leben“ (viel Geld, viel Aufmerksamkeit und das alles ohne Diät…).

Wir leben in einem System, dass Frauen und Männer an solchen Mädchen misst: Mit jeder Werbeanzeige, mit jedem Klatschmagazinbeitrag, mit jedem Blockbuster (der Models als Selbstverständnis an der Seite jedes wirklichen Helden beschreibt).

Gutes Aussehen ist sicher etwas, was die Menschen schon immer beachtet haben: Es ist ein Element in unserem hierarchischen Denken, unserer Weltbewertung, die wir brauchen zur Orientierung und für stabile Gruppenstrukturen, also zum Überleben. Aber gutes Aussehen war noch nie so ausschließlich, universell und dogmatisch, wie heute. Schuld daran sind die großen Modekonzerne und eine globale Schönheitsindustrie, die mit ihren Vorgaben Bedürfnisse schafft, indem sie bei den Konsumenten Komplexe erzeugt. Früher gab es verschiedene Geschmäcker, individuelle Ausrichtungen. Heute gibt es Models mit einheitlichen Maßen und ihren immer wieder beschriebenen Leben im oberflächlichen Rausch von Bewunderung und Konsum und einer pseudomäßigen Leichtigkeit ohne Problemzonen und Alter – als wäre es möglich für immer Kind zu sein, dass sich die ganze Welt um einen dreht, ohne eigene Leistung einfach so Anerkennung und Liebe zu erfahren.

Meine Frage: Warum glauben wir den Mist? Warum wollen wir ihn immer wieder lesen und lassen uns dermaßen veräppeln? Warum lassen wir uns an Werten messen, die diese Welt zu Grunde richten? Warum regen wir uns nicht mehr darüber auf? Empört Euch! Denn genau für solche Mädchen schwärmen die meisten Investmentbänker …

…und an alle meine Kritiker, die mir so gerne schreiben: Gerade weil ich jahrelang selber Model war, weiß ich wovon ich hier schreibe. Ich habe hunderte von diesen Mädchen kennen gelernt – sie taugen nicht als Vorbilder. Sie taugen vielleicht dazu ein männliches Selbstwertgefühl für eine begrenzte Zeit künstlich aufzupusten. Und es ist dieses „nach außen etwas scheinen wollen, durch angeblich tolle Markenartikel und Markenmenschen“, das uns immer weiter weg treibt von der Wahrheit eines erfüllten Lebens. Die Schönheitsindustrie wird solange ihre Macht behalten, solange wir uns an ihren äußerlichen Vorgaben orientieren, ihr Konsumglück glauben und Komplexe einreden lassen. Die Macht liegt nicht in der Hand der Protagonisten auf den Plakaten, sie liegt (wie schon immer) letztlich in der Hand der Masse, der globalen Jedermanns – wenn sie sich nicht mehr ausbeuten lassen wollen!

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de


Stand: Herbst 2011

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