Elf Semester Jura. Standortbestimmung eines suchenden Studenten.

Nach fünfeinhalb Jahren Jurastudium ist vieles nicht mehr, wie es einmal war. Du betrachtest das Leben plötzlich aus einer anderen Perspektive. Nichts ist mehr einfach schwarz oder weiß, sondern es kommt plötzlich immer darauf an. Doch was geschieht, wenn du feststellst, dass du gar nicht weisst, ob du das wirklich willst?

aboutpixel.de - Hilfe © Rainer Sturm.jpg
Bildquelle:aboutpixel.de – Hilfe © Rainer Sturm.jpg

 

17. Januar 2011, 16 Uhr:

Augenscheinlich völlig erschöpft, psychisch und physisch am Ende, trat ich als letzter der Prüflinge aus dem Raum, in dem gerade meine mündliche Prüfung, als Abschluss des ersten juristischen Staatsexamens, stattgefunden hatte. Meine ganzen Freunde erwarteten mich mit großen Augen. Ihrem Blick entnahm ich Unsicherheit. Hat dieses nervliche Wrack die Prüfung wenigstens einigermaßen erfolgreich hinter sich gebracht? Ich nahm kaum war, was um mich herum geschah. Ich schien entrückt in eine andere Welt.

Die letzten fünf Jahre zogen im Geiste noch einmal an mir vorüber. Die vielen Hausarbeiten, Klausuren oder Übungsklausuren am frühen Samstagmorgen, gefühlte tausend, die vielen Stunden, die ich im Seminar verbracht hatte, um mich auf das juristische Staatsexamen vorzubereiten. Ich dachte an die vielen Rückschläge auf meinem Weg dahin. Ich denke, ich durchlebte in diesem Moment eine Art Jenseitserfahrung?

Die Waffe der Juristen; © McLeod (CC BY-SA 3.0)

Got it!

Ich kann es kaum glauben, aber ich scheine es tatsächlich geschafft zu haben. Gerade eben hat der Prüfungsvorsitzende nach einer dreistündigen, in meinem Fall wohl als Martyrium zu bezeichnenden, mündlichen Prüfung verkündet, dass ich mein erstes juristisches Staatsexamen bestanden habe. Nicht überragend zwar, aber in diesem Moment spielte das nur eine untergeordnete Rolle. Langsam nehme ich die „Crowd“ um mich herum bewusster wahr. Sie wollen wissen, wie die Prüfung gelaufen ist. „Ganz ordentlich“, habe ich wohl erwidert.

Meine Freunde freuen sich für mich. Sektkorken knallen und es kommen noch mehr Leute dazu. Ob ich persönlich mich gefreut habe, kann ich Stand Heute nicht mehr genau sagen. Ich glaube ich war einfach nur froh, dass es endlich vorbei war. Aber nach feiern war mir nicht zumute. Stattdessen rief ich schnell meine Eltern an. Ich konnte hören, wie ihnen ein riesiger Stein vom Herzen fiel. Jetzt könnte ich stolz auf mich sein und erst einmal einen drauf machen. Ein Freifahrtschein zum Trinken? Mir war nicht danach. Vielmehr fühlte ich mich in diesem Moment unendlich müde. Wie kann man sich mit 25 Jahren eigentlich so alt fühlen? Das ist mir immer noch ein Rätsel. Lasst mich doch einfach nur Schlafen.

 

18. Januar 2011, 7.12 Uhr:

Früh am Morgen wachte ich schweißgebadet auf. Hatte ich das Alles etwa nur geträumt? Steht mir die mündliche Prüfung immer noch bevor? Ein Blick in mein Zimmer belegte das Gegenteil. Da hing es noch ? mein Prüfungsoutfit.  Ein anthrazitfarbener Anzug, ein schweißgetränktes, ursprünglich mal weißes, Hemd und eine blau-gold gestreifte Krawatte. Ein Gefühl der Erleichterung, stellte sich bei mir ein. Ein klein bisschen stolz war ich jetzt doch. Diplomjurist! Immerhin.

Die nächste größere Hürde nach dem Abitur ist jetzt genommen. Meine größte Herausforderung in naher Zukunft würde es sein, meine Tage zu füllen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man sich nach anderthalb Jahren Examensvorbereitung plötzlich überlegen muss, wie man sich den ganzen Tag beschäftigt.

 

Justitia – Personifikation des Rechtswesens

Existentielle Fragen?

Was mache ich nun mit der vielen Zeit? Ein Luxusproblem? Mag sein, aber das gute Gefühl, dass man anfangs beim Gammeln noch hatte, verschwindet zu bald. Man realisiert, dass ein ausreichendes Staatsexamen nicht unbedingt das ist, was einem für die berufliche Zukunft alle Türen öffnet. Dazu packt einen plötzlich der lange Jahre so vermisste Ehrgeiz. „Dann lern ich halt wieder ein bisschen was“, dachte ich mir. Mir fiel sowieso nicht ein, was ich stattdessen machen sollte. Es kam also, wie es kommen musste. Ich habe mich umgehend für den Verbesserungsversuch gleich im März angemeldet.

Doch schon am darauffolgenden Tag kamen mir Zweifel. Warum tue ich mir das noch einmal an? Will ich das denn wirklich? Dazu kamen ganz existentielle Fragen. Stehe ich wirklich noch hinter dieser ganzen Jura-Geschichte. Soll ich nach meinem Verbesserungsversuch tatsächlich ab April ins Referendariat, wie es der normale, vorgezeichnete Weg zum Volljuristen ist?

Bedenken, die schon alsbald nach Studienbeginn aufkamen, aber hinten angestellt wurden, sind plötzlich wieder da und lassen sich nicht länger unterdrücken. Ich muss mich fragen, ob ich meine Entscheidung – das Studium, trotz Zweifeln, durchgezogen zu haben – inzwischen bereue.

 

Studienentscheidung mit Folgen

Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre, hätte ich mein Studium wahrscheinlich relativ früh abbrechen müssen. Klausuren, die ich nur knapp oder gar nicht bestanden hatte. Meinungsstreits, die sich mir nie erschließen sollten und für die ich auch nicht den Hauch von Interesse aufbringen konnte. Warnsignale gab es genug. Aber die wollte ich nicht wahrnehmen. Das Studium abbrechen? Diese Möglichkeit stand für mich nie wirklich ernsthaft zur Debatte. Damit hätte ich mir ja ein persönliches Versagen eingestehen müssen. Und darin war ich noch nie gut. Wer ist das schon?

Erinnerungen, wie es zu meiner Entscheidung für das Jurastudium kam, wurden wach. Mir ging es ursprünglich so, wie vielen anderen, jungen Abiturienten in Deutschland. Ich wusste einfach nicht, was ich nach dem Abitur machen soll. Spezielle Talente, die man unbedingt fördern sollte, hatten sich in meiner schulischen Laufbahn nicht herauskristallisiert.

Man ermittelt seine Berufsvorstellungen anhand einer Negativmethode und fertigt eine Liste mit Berufen an. Schaut, was man alles nicht mag, streicht das von der Liste und guckt dann, was übrig bleibt. So habe ich das auch nach dem Abitur gemacht. Die Naturwissenschaften waren mir immer ein Rätsel. Damit fällt schon eine Reihe von Berufen weg. Räumliches Vorstellungsvermögen besitze ich einfach nicht. Lehrer wollte ich nie werden. Also blieb nicht mehr so viel übrig. Ich lese gerne, schreib ganz gern. Hmm, Frauen, Sport und Partymachen mag ich auch, aber wie zum Teufel sollte mir das bei meiner Berufswahl helfen.

Dazu kam die Vorstellung von einem Berufszweig, der Ansehen in der Bevölkerung genießt und bei dem man dazu noch ein bisschen was verdienen kann. Und schon war ich beim Jurastudium angekommen.
Außerdem sagt man doch immer: Jura ist eine super Grundlage für Alles. Das mag soweit schon stimmen. Das Problem ist jedoch, dass dadurch das Studium nicht erträglicher wird?

 

Paragraphendschungel..

Markt der vielen Möglichkeiten

Es gibt Tage, da habe ich mir jemanden gewünscht, der mich, wie ein Kind, an die Hand nimmt und mir sagt, was das Richtige für mich ist. Warum gibt es diesen Jemanden nicht, frag ich mich gelegentlich in einem Anflug kindlicher Naivität, die ich eigentlich dachte abgelegt zu haben. Aber meine Eltern haben da wohl schon recht. Diese Entscheidung kann mir keiner abnehmen. Das muss ich schon selbst mit mir abklären. In unserer pluralistischen Welt, die so viele Chancen aber auch Risiken birgt, ist das allerdings nicht mehr so einfach. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Vergleichbar einer Karte in einem thailändischen Restaurant, das ich vor kurzem besucht habe. Die Angebotsvielfalt in dieser Karte – allein sechs verschiedene Sorten Curry zur Auswahl – hat mich beinahe erschlagen.

Dazu kommt der gewaltige Erwartungsdruck. Ein gutes Abitur verpflichtet. Was ist man heute schon noch ohne Studium? Der Druck kommt allerdings nicht nur von Außen. Eigentlich mache ich mir immer selbst den größten Stress. Wie halte ich meinen Lebensstandard? Was geschieht, wenn der Dauerauftrag von Papa plötzlich nicht mehr kommt?

 

Orientierungsphase – „Eat, Pray, Love“ in München?

In dieser Phase der Orientierung habe ich mich entschieden ein Praktikum zu machen, dass absolut nichts mit Jura zu tun hat. Ich denke, es tat mir gut ein wenig Abstand von zu Hause zu bekommen und in einer großen, pulsierenden Stadt wie München auf andere Gedanken zu kommen. Diese Zeit hat dazu beigetragen, dass ich meine Situation inzwischen vielmehr als Chance begreife. Ich habe festgestellt, dass mir journalistisches Arbeiten viel Freude bereitet. Darüber hinaus habe ich jedoch erkannt, dass es speziell der Abstand von der Uni und der Einblick in den Berufsalltag ist, der mir gut tat.

Ich komme jedoch nicht umhin mich zu fragen, ob rückblickend eine andere Herangehensweise an meine Berufswahl angezeigt gewesen wäre. Ich muss mich dem Vorwurf stellen, dass ich die Zeit nach dem Abitur besser hätte nutzen können. Vielleicht hätte ich ein Jahr ins Ausland gehen sollen, um mich dort zu orientieren und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Meine Wahl schnellstmöglich ein Studium aufzunehmen, hinter dem ich vielleicht gar nicht so richtig stehe, scheint nicht unbedingt die cleverste Entscheidung gewesen zu sein. Aber muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen? Kurz nach dem Abitur besitzt man vielleicht einfach noch nicht die nötige Reife.

 

Neue Perspektive

Sechs Jahre später hat sich mein Horizont etwas erweitert. Ich habe viel erlebt, neue Menschen kennengelernt, eine fremde Stadt in all ihren Facetten entdeckt und wahrscheinlich viel zu viel Alkohol getrunken. Und auch wenn diese Zeit des Studiums nicht immer nur schön war, will ich diese Erfahrung nie missen. Eines will ich jedoch zu bedenken geben: Mir ist bewusst, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und daher viele meinen sich diesen Druck beugen zu müssen und gleich anfangen zu studieren, ohne zu wissen was man eigentlich wirklich machen will. Das kann funktionieren. Es gibt diese Menschen, die feststellen, dass sie sich genau richtig entschieden haben und in ihrem Studium plötzlich voll und ganz aufgehen.

Es gibt aber auch viele Andere, denen es geht wie mir. Nach fünfeinhalb Jahren Studium steht ihr plötzlich da und seid so weit, wie zu Beginn…

(Thomas Hepp, academicworld-User)

 

Feedback an den Autor oder andere an eigenen Erfahrungen teilhaben lassen:

http://www.facebook.com/academicworld

Share.