Eine zerrüttete Familie und eine rätselhafte Krankheit: Der Roman „In deiner Haut“

Dana Carlson kehrt nach 16 Jahren in ihre alte Heimat nach Minnesota zurück, da ihre Schwester eine neue Niere benötigt. Und sie ist nicht die einzige, die an einer geheimnisvollen Krankheit leidet.

„Wie sollte man sich vor etwas schützen, das man nicht kommen sehen konnte?“ (S.73)

16 Jahre ist es her, seit Dana Carlson ihrer alten Heimat Black Bear, Minnesota den Rücken zugekehrt hat. Sie lebte dort zusammen mit ihrer geliebten älteren Schwester Julie und niemand konnte so recht verstehen, weshalb sie eines Tages Hals über Kopf ohne ein Wort verschwand und nie wieder zurückkehrte. Als Dana aber nach all dieser Zeit einen Anruf von ihrer Nichte Peyton erhält und erfährt, dass Julie dringend eine Nierenspende benötigt, macht sie sich umgehend auf den Weg nach Black Bear. Dort findet sie heraus, dass Julie nicht die einzige ist, die in der näheren Umgebung an einer Nierenerkrankung leidet. Allen Widerständen zum Trotz beginnt sie nach der Ursache zu forschen…
 

Gelungene Erzählart und glaubhafte Emotionen

Der Beginn der Geschichte ist vor allem dadurch interessant, dass man zwar weiß, dass die Schwestern getrennte Wege gehen, aber lange im Dunkeln tappt, wie es überhaupt dazu kam. Die Geschichte um Dana und ihrer aus den Augen verlorenen Familie wird aus einer zweigeteilten Sichtweise erzählt: Zum einen begleiten wir Dana in der Gegenwart und erfahren auch mit der Zeit, wie es in der Vergangenheit zu dem großen Bruch kam, zum anderen erleben wir das aktuelle Geschehen aus Peytons Sicht. Die Rückblicke zeichnen nach und nach ein Bild von den Hintergründen der beiden Schwestern, geben Antworten, werfen aber auch immer wieder neue Fragen auf, wodurch neue Spannung entsteht.

Die klare Stärke von „In deiner Haut“ ist die gelungene Charakterzeichnung. Gedanken, Gespräche und Gefühle der auftretenden Personen werden dem Leser offenbart und die Charaktere verhalten sich durchweg nachvollziehbar. Hierbei werden selbst starke Emotionen glaubhaft rübergebracht und regen zum Mitfühlen an. Probleme zwischen den Protagonisten sorgen schon früh für eine spannende Ausgangssituation und setzen den Fokus des Buches immer wieder auf das Zwischenmenschliche.

Carla Buckley, In deiner Haut, Rezension

Bilderreiche Umgebung und bildende Einleitungen

Darüber hinaus versteht es die Autorin, die Umgebung sprachlich eindrucksvoll zu gestalten. Mit zahlreichen knappen, aber einprägsamen Beschreibungen erschafft sie gekonnt Bilder im Kopf des Lesers – sei es nun ein Apfelbaum, der den Himmel in zahlreiche blaue Rauten zerlegt, oder ein abrissreifes, staubiges Gebäude, in dem ein wenig vertrauenserweckendes Treppenskelett weilt.

Ein schönes Extra sind die einleitenden Abschnitte in den Kapiteln, die aus Peytons Perspektive erzählt werden. Auf etwa einer Seite findet man hier zahlreiche faszinierende Informationen zum Meer und seinen Bewohnern. Bleibt einem anfangs der Zusammenhang zur Geschichte unklar, stellt sich schon bald heraus, dass Peyton fasziniert ist von der Meeresbiologie. Außerdem lassen sich viele der Fakten, speziell die geschilderten Eigenschaften unterschiedlichster Meeresbewohner, unmittelbar auf Situationen und Personen im Buch übertragen.

Unausgereiftes Ende

Leider führen all diese vielversprechenden Ansätze mit der Zeit zu einem unglaubwürdigen und überspitzten Schlussteil, der im Vergleich zum restlichen Buch schlecht durchdacht scheint. Wie aus heiterem Himmel verrät eine Person die Lösung und setzt damit vollkommen grundlos und daher unglaubwürdigerweise seine Zukunft aufs Spiel. Zuvor aufgebaute Ansätze werden völlig fallen gelassen, obwohl sie weiterhin Spannung hätten aufbauen können. Und der abschließende Höhepunkt ist nicht nur völlig überspitzt, hektisch und knapp, sondern passt auch in keiner Weise zu der zuvor eher emotional ausgelegten Geschichte. Insgesamt erscheint das Buch mit seinen 480 Seiten auch um mindestens 100 Seiten zu lang, wobei im frühen Mittelteil kaum etwas passiert, während sich zum Schluss hin die Ereignisse regelrecht überschlagen.

Fazit

Zusammengefasst ist „In deiner Haut“ also ein Roman, der sich durch seine starken Emotionen auszeichnet und sowohl sprachlich als auch inhaltlich zahlreiche gelungene Ansätze aufweist, letztendlich aber wegen der plötzlichen actionreichen Auflösung die zuvor aufgebauten hohen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Jenny Wunsch, academicworld-Rezensentin

Carla Buckley. In deiner Haut.
Rowohlt. 16,95 Euro.

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