Eine Reise um die Welt – und darüber hinaus

„Ein verlorener Sohn auf der Suche nach einem verlorenen Vater, der wiederum auf der Suche nach einer verlorenen Geliebten war.“ Diese Aussage von Enzo alias Loren, einem der drei Bestandteile dieser chaotischen Konstellation trifft es eigentlich ziemlich gut.

Ein Buch über den Griff nach den Sternen und was er manchmal kostet. aboutpixel.de /starcatching © Hanna B

Vom Finden, verlieren und suchen
Der Leser folgt drei Menschen dabei, wie sie mal mit mehr mal mit weniger Geschick und Plan durch ihre Leben navigieren. Er erlebt, wie sich die drei Lebenslinien kreuzen und berühren, finden und verlieren. Meisterhaft inszeniert von Nicholas Christopher.

Es ist Lorens zehnter Geburtstag. In diesen zehn Jahren hat er schon mehr verloren als manch anderer in einem ganzen Leben. Geblieben ist ihm nur noch Alma, die Schwester seiner Adoptivmutter. Zu seinem Ehrentag will sie ihm eine Reise zu den Sternen schenken und ahnt nicht, dass diese zum Motto ihrer beider Leben werden wird. Es wird sich schließlich herausstellen, dass dieser lebensverändernde Besuch im Planetarium schon eines der vielen repetitiven Momente dieses Romans ist. Auch sein – noch völlig unbekannter Vater, der wiederum von der Existenz des Sohnes nichts ahnt – hat als Kind an einem solchen Ort den „Kontakt“ zur Mutter verloren. Nun ist es Loren, der seine letzte lebende Bezugsperson einbüßt, als er am Ausgang des Planetariums von Alma getrennt und entführt wird.

Inseln bestimmen das Leben von Alma/Mala. aboutpixel.de / Inselparadies © Karl Backes

Die verschlungenen Pfade des Schicksals
Eine Reise zu den Sternen hat Alma dadurch aber, unwissentlich, für Loren und seinen Vater und auch für sich selbst möglich gemacht. Wiederfinden werden sich die beiden getrennten aber erst fünfzehn Jahre später und mit neuen Namen in neuen Rollen – quasi als neue Menschen.

Viele dunkle Tage muss vor allem Alma, die sich nach dem Verlust von Loren Mala nennt, erleben, um aus ihrer eigenen „Unterwelt“ zurück ans Licht zu finden. Vor allem als sich der Verlust des Jungen im Verlust ihrer großen Liebe Geza, nach ähnlich kurzer gemeinsamer Zeit, spiegelt, verliert sie ihren Leitstern etwas aus dem Blick. Ihr Leben wird zu einem einzigen Schwanken zwischen Rausch und Askese. Die Balance dazwischen sucht sie lange Zeit vergebens.

Loren wird im Planetarium im Auftrag eines alten Mannes namens Samax entführt, der ihm offenbart sein Großonkel zu sein. Außerdem heiße er nicht Loren, sondern Enzo, Enzo Samax. Im Haus – genauer gesagt Hotel – des alten Mannes in Las Vegas erfährt der Junge viel Aufmerksamkeit und eine fast humanistische Bildung durch vielerlei wunderliche Gestalten aus dem Dunstkreis seines „Onkels“. Wiederkehrende Elemente sind hierbei vor allem die Philosophie, die Astronomie und Architektur, sowie immer wieder das Thema Gedächtnis und Entdeckung. Viele dieser Bereiche sollen auch in Almas/Malas Leben von entscheidender Rolle sein.

Die Kraft der Symmetrie und Metaphorik
Diese Geschichte vom Verlieren und Wiederfinden – von Dingen, Menschen und Überzeugungen – ist nicht nur schön erzählt und stringent auf das Ende hin durchkonzipiert. Nichts, so scheint es, was die beiden erleben, ist letztlich ohne Bedeutung, ohne größeren Zusammenhang. Vor allem die Botschaft „Greif nach den Sternen“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, was sich auch in der fast schon ausufernden Sternenmetaphorik widerspiegelt.  Apropos Spiegel: immer wieder, wie bereits angesprochen, gibt es auffällige Spiegelungen, Parallelen und Berührungspunkte in den einzelnen Schicksalen.

Verbotene und einsame Orte ziehen sich durch die Geschichte, genauso wie einsame Menschen – teils in selbstgewähltem, teils in erzwungenem Exil. Daher werden auch Kommunikationsprobleme zu einem zentralen Thema. Genau wie das Erbe – in der ein oder anderen Form – meist nicht ohne Generationskonflikte. „Eine Reise zu den Sternen“ ist eine bemerkenswerte, phantastisch anmutende Liebesgeschichte. Nicht nur von der Liebe zwischen zwei Partnern, sondern auch zwischen Freunden, Familienmitgliedern und zur Forschung und Wissenschaft.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Buchcover zu „Eine Reise zu den Sternen“ © dtv Verlag

672 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2011)

9, 95 €

 

 

 


Stand: Sommer 2011

Share.