Eine Ostlegende im Test: der Melkus Rennwagen MT77

Nicht erst seitdem der Melkus RS 2000 mit seinem Erscheinen auf unseren Straßen die Blicke auf sich zog, oder der Mythos Melkus RS 1000 Flügeltürer, der die breite Masse eines besseren belehrte, wissen die Menschen, dass hinter dem Eisernen Vorhang in einer kleinen Tuning Schmiede mit viel Liebe und Engagement richtig formschöne Sportwagen gebaut wurden.

Nun steht der Name Melkus nicht nur für den Bau von straßentauglichen Sportwagen, sondern geht in seinen Wurzeln auch auf die Entwicklung und den Bau erfolgreicher reinrassiger Rennwagen zurück: Angefangen mit „Heinz Melkus“, der sich noch mit unserem alten Bergkönig Hans Stuck wahre Straßenschlachten lieferte, über „Uli Melkus“, den mehrfachen Gewinner der Osteuropäischen Meisterschaft, bis hin zu „Peter und Sepp Melkus“, die der Familientradition bis heute treu geblieben sind. Der wohl Erfolgreichste in der langen Reihe der Rennwagen, ist der Melkus MT77. Dieser fuhr seit seinem Erscheinen 1977 bis Mitte der Achtziger Jahre fast alle nationalen und internationalen Titel im ehemaligen Ostblock ein.

Die Teststrecke: Der Salzburgring

Circa 40 Fahrzeuge wurden im Laufe der Jahre in verschiedenen Entwicklungsetappen von der Firma Melkus in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fahrern montiert. Nun hatten wir das Glück, einen Melkus MT77-1, der das erste Mal 1979 seine Runden drehte, auf dem legendären Salzburgring zu testen. Ein sonniger Herbsttag und die Schafe, die am Rand der Strecke die Wiesen abweideten, empfingen uns.

In weniger als 4 Sekunden von Null auf 100

Ideales Wetter, um den auf profillosen Sliks stehenden MT77-1 vom Transporter rollen zu lassen. Kurze Zeit später röhrte der 1300 ccm Vierzylindermotor zum Warmlaufen durch das ruhige Tal. Kurze Eckdaten über die Technik lieferte uns der Besitzer des circa 450 Kilogramm leichten Melkus. Die ursprüngliche Leistung des 1300ccm Ladamotors wurde von 69 auf etwa 130 PS erhöht. Ein Renngetriebe mit wechselbaren Übersetzungen bringt die Leistung, angepasst an die jeweilige Strecke, optimal auf die Straße, sodass eine Beschleunigung von unter vier Sekunden auf 100 Km/h und eine maximale Höchstgeschwindigkeit von 260 Km/h zu erreichen sind. Vier Scheibenbremsen, hinten innen liegend, sollten auch wieder alles zum Stehen bringen. Den nötigen Halt in den Kurven bringen die wuchtigen 10 Zoll breiten Sliks. Die Karosserie aus Fiberglas, die den Gitterrohrrahmen verkleidet, wurde damals an der TU Dresden im Windkanal optimiert.

Ohne Mut geht es nicht

Ein etwas mulmiges Gefühl hatte unser Tester schon, als er in den feuerfesten Rennanzug stieg und langsam in den Melkus glitt. Fest angeschnallt, mit dem obligatorischen Sechspunkt Sicherheitsgurt, fast liegend in einem Sitz, der gleichzeitig auch der Tank ist – die ganze Situation machte nicht eben einen vertrauenswürdigen Anschein. Die Bewegungsfreiheit sei schon recht eingeschränkt, war der erste Kommentar unseres Testfahrers. Die Füße fanden aber doch recht schnell die vorne in der Spitze sitzende Pedaleinheit und die rechte Hand den Schaltknauf, der das Viergang-Getriebe im Heck des Boliden betätigt. Nachdem er mit einigen sicherheitsrelevanten Komponenten vertraut gemacht wurde, wie Feuerlöschanlage und Nothauptschalter, startete er über Knopfdruck den Motor. Helm und Handschuhe aufgesetzt und schon konnte er Richtung Strecke rollen. Ein Aufheulen des Motors und er entschwand unseren Blicken Richtung Nordsteinkehre, um kurz darauf auf der langen Passage bergauf Richtung Fahrerlagerkurve zu erscheinen.

Ein Knochenjob

Die erste Runde war geschafft und wir erhielten in der Boxengasse einen kurzen Bericht über das Feeling. Ein Knochenjob – nicht nur durch die ungedämpfte Auspuffanlage, dem offenen Ansaugtrakt, dem Wind, der am Helm zerrt und dem Asphalt, der unter dem Hintern zu spüren ist. Aber schon liegt der Finger wieder am Startknopf, um das Röhren durch das Tal schallen zu lassen. Nach einigen Runden kam ein verschwitzter, aber glücklicher Fahrer in die Boxengasse gerollt. Nach den anfänglichen Unsicherheiten hatte er sich schnell an die liegende Position und das puristische Fahrgefühl gewöhnt. Sein Urteil: Faszinierende Kurvengeschwindigkeiten und das Gefühl, sich voll und ganz auf das Fahrwerk, die Bremse und das Triebwerk verlassen zu können, überzeuge und mache Lust auf mehr.

Fazit des spektakulären Tages

Dieser Lust konnte er dann noch zur Genüge nachkommen. So ging ein recht spektakulärer Tag zu Neige, zufrieden rollten wir den Melkus MT77 in den Transporter. Fazit des Tages: Das Herz muss man schon am rechten Fleck haben, um so eine Rennmaschine bewegen zu können. Ein Schuss Verrücktheit, um 10 cm über den Boden liegend über den Asphalt zu rasen, schadet dabei wahrscheinlich auch nicht. Den Gedanken an einen Unfall sollte man auch weit von sich weisen. Die Sicherheitsstandards, die die heutigen Formelfahrzeuge aufweisen, wo Fahrer in einer fast unzerstörbaren Kohlefaserbox sitzen, haben diese puristischen Maschinen aus der Vergangenheit des Rennsports nicht.
Diese Standards waren im Osten wie Westen der damaligen Technik entsprechend ziemlich identisch und die Verletzungsrate unter den Fahrern entsprechend hoch. Doch gestern wie heute bereiten diese Fahrzeuge den Fahrern und den Fans an der Strecke viel Freude. Dank sei der Familie Ludwig, die uns den Melkus77 zu Verfügung stellte. 1980 wurde Klaus Ludwig mit diesem Fahrzeug DDR Meister in seiner Klasse. Ralph Ludwig fuhr ihn Anfang der Achtziger Jahre und nun, nachdem der Melkus 2009 komplett neu aufgebaut wurde, im Historischen Rennsport.

Das Fahrzeug steht momentan bei der Firma Formula GT zur Besichtigung und zum Verkauf.

HAIGO – Die Historische Automobilsport Interessengemeinschaft Ostdeutschland hat sich die Restaurierung von Rennsportwagen, im Sinne der Zurückversetzung in den Originalzustand, auf die Fahne geschrieben. Und genauso haben es die Mitglieder der HAIGO auch beim von uns getesten Melkus Rennwagen MT77 gehalten, der Wagen wurde liebevoll in Schuss gehalten, damit unser Rennsportredakteur, dieses unvergleichliche Zusammenspiel von Präzision und Handwerkskunst erleben durfte. Für die unvergleichbaren Runden in Salzburg bedankt sich ganz herzlich die Redaktion von HI:TECH CAMPUS bei der HAIGO und ihren Mitgliedern, Freunden und Förderern.

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