Eine Lanze für Lanz

Selten hat jemand, über den ich hier geschrieben habe, so viel Verteidigung und Zuspruch bekommen wie Markus Lanz. Sämtliche meiner Leser und Bekannten, die je mit ihm zu tun hatten oder Kameramänner, Redakteurinnen, ehemalige Gäste kennen, die mit ihm zu tun hatten, haben ihn verteidigt.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin und ältere Frau

Herr Lanz muss demnach ein sehr belesener, sympathischer, an anderen Menschen interessierter Mann sein, dem es völlig an Arroganz mangelt und der (was mich am meisten gefreut hat) sich sehr gerne mit älteren Frauen austauscht. Das spricht für einen starken Charakter, da ältere Frauen (und ich zähle mich mit Mitte Vierzig auch dazu) gerne mal die Wahrheit sagen.

Das ältere oder älter werdende Frauen gehäuft aussprechen, was viele andere Menschen sich nicht trauen oder übersehen, liegt wohl daran, dass Frauen im allgemeinen die Erfahrung machen, dass ihre Weltsicht in jungen Jahren ziemlich beschränkt war, um nicht zu sagen: völlig falsch. Jungen Frauen wird in der Regel eine Menge Blödsinn erzählt, entweder um sie zu beeindrucken oder um sie zu bevormunden oder beides. Das liegt daran, dass wir in dieser Kultur mit Barbie und Twilight, bis hin zu Shades of Gray, der Davidoffparfüm-Werbung und so ziemlich jeder amerikanischen Love Romance oder aber Formel 1-Heldengeschichte, immer noch in erster Linie vermittelt bekommen: Männer müssen Frauen erobern, um Männer zu sein; Frauen sind eine Spezies, für die man sich anstrengen muss, um mit ihnen Sex oder sogar eine Beziehung zu haben (wenn man nicht gerade ein Superheld ist); sie sind rätselhaft und sprunghaft, verrückt nach Duftkerzen, Schaumbädern und vollen Einkaufstüten von hochrangigen Designern; sie sind sehnsüchtig nach Versorgt-werden, Komplimenten und bekommen ihren Wert durch Männeraugen zugewiesen. Diese infantilen Frauenmuster werden in unserer Kultur als Weiblichkeit verstanden. Wenn Frauen aus nicht ganz glücklichen Kindheiten kommen, nehmen sie sie gerne als Hoffnungsträger an. Diese Sehnsuchtsbilder unreifer Frauenpsychen werden aber auch Männern als Weiblichkeit verkauft. Und gerade unsichere, unreife Männer, die ebenfalls aus nicht ganz glücklichen Kindheiten kommen, halten sich daran fest, suchen darin Orientierung.

Jedenfalls geht das Leben dann weiter, und da es für Frauen in dieser Kultur immer auch dazu gehört, sich mit sich auseinander zu setzen und sich zu verbessern, macht die ein oder andere, trotz aller Widerstände, eine Entwicklung zur Reifung durch (anfangs versucht sie es mit Tarrot-Karten, dann mit Coaching und Lebenshilfebüchern und in einigen Fällen merkt sie, dass sie eine professionelle Therapie braucht). Dann  versteht sie plötzlich, was ihr da in jungen Jahren für ein Stuss erzählt wurde – von der Werbung, der Gesellschaft und den umwerbenden Männern, mit ihrem Interesse an Sexyness. Denn in erster Linie legt unsere Kultur darauf Wert, dass Frauen für andere, vor allem für Männer, attraktiv sein sollen. Patriachale Strukturen sind in der westlichen Kultur nicht ausgestorben, nur weil die Frauen nicht mehr an den Herd gezwungen werden. Dazu kommt, dass ältere Frauen zunehmend raus fallen aus dem Beuteschema der unsicheren Männer und daraufhin bemerken müssen, wie wenig starke Männer es gibt, die sich wirklich (über die Hülle und ihre eigene Bestätigung hinaus) für die berühmten und oft veralberten inneren Werte eines Menschen interessieren.

Die meisten Menschen, Frauen und Männer, gelangen zu der Einsicht, dass letztlich diese berühmten, oft veralberten inneren Werte zählen, wenn sie ihre sogenannte Jugend langsam verlassen. Die Enttäuschungen über Menschen, die (zwanghaft, panikartig) ihren Vorteil suchen und deren Freundschaft/Liebe nichts taugt, wenn sie etwas geben oder mal zurückstecken müssen oder gar kritisiert werden, häufen sich mit den Jahren. Und wenn man kann, das heißt, wenn man selbst reif genug geworden ist, um mit reifen Menschen funktionierende Beziehungen zu führen, verlässt man das Feld der falschen Schmeicheleien, Hoffnungen und Fassadenputzer, sobald man sie nach (immer kürzerer Zeit) durchschaut hat.

Es kommt mir allerdings so vor, als wäre die Täuschung und Selbsttäuschung bei Frauen größer, als würden sie in unserer Werteordnung (und auch den vorherigen Werteordnungen aus Kaiserreich und Bürgertum) noch mehr veräppelt, als die Männer. Da ein größerer Haufen Mist deutlicher zu sehen ist, setzt die Einsicht (unterstützt vom Druck der biologischen Uhr) auch früher ein: Frauen fallen früher raus aus dem Kanon der falschen Hoffnungen und Selbstlügen – was zur Folge hat, dass sie länger Zeit haben, die Wahrheit zu suchen, zu begreifen und zu sagen. Und da die Wahrhaftigkeit allen unreifen Menschen mit infantilen Glaubens- und Orientierungsmustern weh tut, mögen viele Männer keine älteren Frauen. Ich glaube ernsthaft, dass die Männer weniger Probleme haben mit Falten und/oder zunehmender Collagenschwäche bei Frauen, als mit ihrer zunehmenden Wahrhaftigkeit. Denn Wahrhaftigkeit ist immer attraktiv – auch wenn man aus eigener Schwäche davor zurück schreckt. (Es gibt allerdings auch genug Frauen, die sich  in Trotz und Frust einrichten, weil ihr körperlicher Verfall ihnen den einfachen Zugang zu Zuwendung und Anerkennung zunehmend verwehrt. Das hat aber natürlich nichts mit Wahrhaftigkeit zu tun – auch wenn  die Betreffenden sich das nicht eingestehen. „Alle Männer sind Schweine“ – weil sie mir nicht (mehr) einfach so  geben, was ich glaube verdient zu haben – das ist auf den Punkt gebracht die Grundlage dieser Weltsicht.)

Wozu das Ganze, was dem ein oder anderen Leser hier vielleicht als klischeehafte Vereinfachung vorkommt?

Alice Schwarzer hat letzte Woche dazu aufgerufen, Prostitution unter Strafe zu stellen, das heißt, Männer rechtmäßig zu verurteilen, die für Sex Geld zahlen. Eine Welt ohne Prostitution wäre möglich, in ihren Augen. Der Spiegel hat dazu aufgerufen, in diesem Zusammenhang mal zu klären, warum Männer überhaupt zu Prostituierten gehen. Ich finde also, dass Markus Lanz der Richtige wäre, da er wohl ein wahrhaftiger Mann ist und mit älteren Frauen gut kann, Alice Schwarzer in seine Sendung einzuladen, um diese wirklich interessante Frage mal zu klären.

Ich glaube Männer gehen zu Prostituierten, aus demselben Grund, warum sie vor wahrhaftigen, älteren Frauen zurückschrecken: weil sie sich an ihren unreifen, infantilen Mustern und Frauenbildern fest halten, um in ihnen eine kurzfristige einfache Selbstbestätigung zu finden. Sexuelle Vorlieben entstehen durch die Lust- und Frusterfahrungen in der Kindheit, die Beziehung zu den ersten Bezugspersonen, die Art wie sie mit der Hilflosigkeit und den Bedürfnissen der Kinder umgehen. Später wiederholt man beim Sex die Erfahrungen – an sich oder am Partner. Man will mächtig sein, die Kontrolle haben über das herbeigesehnte Objekt der Begierde oder man will die Kontrolle abgeben. Beides wird beim Kauf von Sex bedient: Endlich Kontrolle, endlich keine Angst vor Selbstentwertung. Sexuelle Bedürfnisse machen ohnmächtig, denn man braucht jemanden, der auf diese Bedürfnisse eingeht, sie befriedigt. Huren können das Ego nicht verletzen. Das ist für den schwachen, männlichen Selbstwert (eingestanden oder uneingestanden) das eigentliche Ziel.

Oder können Sie sich einen psychisch reifen, wirklich integren Mann, jemand der sich mit den Zusammenhängen in der Welt und Richtig und Falsch und seiner Verantwortung und seinem Lebenssinn wirklich auseinander gesetzt hat, bei einer Prostituierten vorstellen? Was soll der da? Er wird das vorgespielte Interesse, was viele Männer dort so gerne sein lässt, die falsche Umwerbung, kaum glauben. Spätestens wenn er es einmal ausprobiert hätte, wüsste er um diesen Selbstbetrug. Das selbstbestätigende Machtgefälle und das Gefühl „hier krieg ich, was ich bestellt habe“ oder „hier muss ich mich nicht schämen, für das was ich will und mich sonst nicht traue zu erfragen“ wird ihm unsinnig erscheinen. Seine Triebbefriedigung kann er immer besser bei der Frau finden, die er liebt, da diese (dem psychischen Gesetz für Partnerschaften im selben Reifegrad entsprechend), auch einen gesunden Umgang mit Sex hätte.

Leider glaube ich, dass eine Welt ohne Prostitution genauso wenig möglich ist, wie eine Welt voller starker, wahrhaftiger reifer Menschen je wahrscheinlich ist. Menschen, die sich veräppeln lassen, die glauben sie wären toll Menschen, weil andere ihnen (gegen oder für Sex) zur Verfügung stehen, wird es immer geben – sowohl bei jungen unerfahrenen Frauen, als auch bei Puffbesuchern.

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