Eine individuelle Gruppenreise

Diese Woche habe ich in München einen Reisebus gesehen, auf dessen Seite folgender Werbeslogan stand: „Wir gestalten Gruppenreisen individuell…“. Also entweder es ist eine Gruppenreise. Oder es ist eine individuelle Reise. Eine individuelle Gruppenreise ist doch ein Widerspruch in sich. So scheint es jedenfalls erstmal.

 Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Doch dieser Werbeslogan zeigt sehr schön, was der Soziologe Gerhard Schulze 2001 in seinem Aufsatz „Inszenierte Individualität – Ein modernes Theater“ so beschrieben hat: „Das Erträumen des Außergewöhnlichen ist eingebettet in ein Ambiente gemütlicher Normalität.“ Demnach befindet sich der moderne Mensch im Spannungsfeld zwischen „einerseits Distanzierung vom Massenhaften und Verherrlichung persönlicher Eigenart, andererseits Flucht aus der Vereinzelung und Suche nach Gemeinschaft.“ Gleichzeitig wird das eine wie das andere kritisch bewertet: Wir werden zu trögen Massen, im gleichen Maß, wie wir immer mehr vereinsamen.

Dieses gemeinschaftliche Individuum zeichnet sich dadurch aus, dass es jedem neuen Trend der vorgeblichen Individualität hinter her rennt, weil es Angst hat, sonst ausgeschlossen zu sein, von der Anerkennung der Gruppe. Unser absolut diesseitiges Leben soll einerseits so ausgelebt und selbst-gestaltet wie möglich sein, doch genau durch diesen allgemein vorgegebenen Wert wird es massenhaft gesteuert in immer neuen Erfüllungsvorgaben und Trends. 

Doch was ist dann echte Individualität? Schulze schreibt dazu: „Selbstverwirklichung ist anstrengend, Inszenierung von Selbstverwirklichung ist entlastend.“ Denn der wirklich individuelle Mensch muss die Einsamkeit aushalten, die Unsicherheit, die der  Pseudo-Individuelle gut verdrängen kann. Psychologisch deckt sich das mit der Unterscheidung von psychischer Unreife (Infantilität) und psychischer Reife. Psychisch Erwachsene können alleine sein und fühlen sich trotzdem nicht einsam; sie haben das richtige Gleichgewicht zwischen ihrer Selbstverwirklichung und der Bindung zu anderen Menschen. Kinder können nicht alleine sein. Sie würden alleine sterben. Sie brauchen die erwachsenen, die anderen Menschen, um in der Interaktion ihr (psychisches) Überleben zu sichern. Es gibt für Kinder kein schlimmeres Gefühl als Verlassenheit; Ausgrenzung bedroht ihr Leben; Zuwendung und Bestätigung macht sie sicher. Doch damit bleiben sie immer abhängig von den geltenden Regeln der Anerkennung der Gruppe.

Schulze schreibt, dass „die Opportunitätsfallen der inszenierten Individualitätsschablonen immer perfekter werden.“ Die eigenen Lebenslügen lassen sich immer besser vor sich selbst verstecken: Man ist doch wer, da muss man sich nicht mehr fragen und tun, was man eigentlich will. Das Risiko zu versagen, scheint zu bedrohlich; das einzige diesseitige Kinder-Leben könnte an der mangelnden Anerkennung der anderen scheitern – das ist wohl die größte Furcht. Vielleicht sollte man anfangen, das Versagen zu lieben. Denn wie Tolstoi schon in Anna Karenina anfangs bemerkte: Glückliche Menschen sind immer auf dieselbe Art und Weise glücklich, unglückliche Menschen dagegen auf höchst unterschiedliche Art und Weise. Vielleicht sollen wir uns der Opportunitätsfalle des anerkannten Glücks entziehen und höchst fröhlich individuell etwas anders, eigenes sein mit viel ausgehaltener Angst und tollen Scheiter-Projekten. Es lebe das individuelle Versagen!

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