Eine Ehe ist eine Ehe ist eine …

Wir leben in einer Gesellschaft, in der quasi alles möglich ist, nur eines scheinbar nicht: Dass emanzipierte Frauen auch ohne Quoten erfolgreich sein können. A.S.A. Harrisson verpackt das mal literarisch in eine Ehe und garniert das Ganze mit einem Mord.

Jodi und Todd leben in einer typischen Beziehung: Seit Jahren miteinander unterwegs im Leben, aber nicht verheiratet. Sie stellt ihr Berufsleben etwas zurück, um sich um ihn zu kümern, während er Häuser instand setzt und dann verkauft. Sie haben sich, eine schicke Wohnung in der City, jeder einen Job und einen Hund. Ebenso Standard: Todd betrügt sie mehr oder minder regelmäßig, bis aus einer Affaire eine zweite Beziehung hervorgeht. Er hat die Tochter eines gemeinsamen Freundes Geschwängert. Das gibt Drama, Baby und vor allem: Baby!

Todd verlässt Jodie und reißt ihr damit den Boden unter den Füßen weg. Da sie nicht verheiratet sind, will er Jodi alles wegnehmen und ihr nichts geben – es wäre ihr totaler Ruin. Wie gut, dass sie immer mit einem Fuß beim Wahnsinn steht und sich selbst die Realität zurecht lügt – bis das nicht mehr geht und Jodi kopfüber in die Realität stürzt.

Die Kritik

Die Kapitel werden untereilt in „er“ und „sie“ – das allein ist schon eine wunderbare Parodie auf eine amerikanische Eigenart, die gerne auf scheinbar perfekte Pärchen angewendet wird. Da sieht man in kitschigen Hollywoodfilmen ja schon mal „his“ und „hers“ auf den beiden Autos eines Pärchen stehen – die natürlich das gleiche Modell sind. Ganz so krass sind Todd und Jodi nicht.

Dadurch, dass sie nicht verheiratet sind, stellen die beiden ein modernes Pärchen dar. Die Entscheidung gegen eine Hochzeit geht auf Jodi zurück, damit ist sie die Vertreterin einer selbstbewussten, emanzipierten Frau der Gegenwart. Die in ein geradezu altertümliches Problem läuft – der Mann hat eine andere, verlässt sie und raubt ihr damit ganz easy ihre Lebensgrundlage. Ein Spiegelbild für die Gesellschaft, die glaubt, wenn Frauen nur etwas emanzipierter werden, würde das schon ausreichen, um ihre Position in sich zu verbessern. Dazu gehört aber offenbar mehr.

Ein Buch, das sehr unaufgeregt daher kommt. Die Hauptprotagonistin ist natürlich Jodi und die lebt in ihrer eigenen Welt. Tendenziell neigt sie sogar, die Realität für sich so weit zu verfälschen, dass sie damit zurecht kommt. Zu viel Einbildung ist aber ein fragiles Fundament für die Zukunft, die platzt sehr schnell in tausend Scherben – das stellt auch Jodi fest. Und wandert seelenruhig barfuß darüber.

Ein Manko gibt es: Die Stille Frau ist ein klassischer Fall des falschen Klappentextes. Minutiös geplante Rache? Mitnichten. Das würde nicht nur wesentlich mehr Emotionen erfordern, als Jodi zulässt. Außerdem ist dem einfach nicht so. Den Großteil des Buchs ist sie damit beschäftigt, nicht auszuflippen, ihren Alltag gebacken zu bekommen und die Wahrheit zu verleugnen.

Fazit: Sehr gut geschrieben, sehr subtile Kritik an der heutigen Gesellschaft und psychologisch auch sehr interessant. Wer ruhige Bücher und die Beobachtung von Menschen mag, wird diese Geschichte sehr gern lesen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

A.S.A. Harrison. Die stille Frau.
9,99 Euro. Berlin Verlag.

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