Eine Branche unter Beobachtung

Die Consulting-Branche in Deutschland ist wohl jedem ein Begriff. Namhafte Akteure wie Roland Berger, McKinsey und die Boston Consulting Group prägen das Bild der Consultants. Ganz im Stillen hat sich im Laufe der letzen Jahre noch eine andere Branche unter dem Stichwort „Beratung“ in Deutschland daran gemacht, den Markt zu erobern: die Coaching-Branche wächst und wächst. Für beinahe jede Lebenslage stehen inzwischen Coaches mit Rat und Tat zur Seite. Doch wie gelingt es seriöse Anbieter von den Scharlatanen zu unterscheiden? Wer kann einem tatsächlich helfen und muss gutes Coaching wirklich teuer sein? Erik Lindner liefert mit „Coaching Wahn – Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen“ einen fundierten Überblick über eine boomende Branche, die es schwer macht den Überblick zu wahren.

Coaching Wahn Cover

„Coaching“ –Versuch einer Begriffsbestimmung
In Zeiten der Krise profitiert die Coaching-Branche von der Unsicherheit der Leute. Waren die Kunden in der Vergangenheit vorwiegend Unternehmen, die ihr Top-Management professionell schulen ließen, ist das Nutungsspektrum inzwischen deutlich ausdifferenzierter. Doch was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff „Coaching“?

Hier setzt Erik Lindner an und zeigt auf, dass Bereits die Begriffsbestimmung sehr schwierig ist. Jeder interpretiert etwas anderes in diesen Begriff herein und auch die Branche tut sich mit einer einheitlichen Definition schwer. Letztlich richtet es sich wohl danach, was der betreffenden Kunde von dem jeweiligen Berater erwartet. Verallgemeinerungsfähig ist jedoch, dass es sich beim Coaching um „eine prozessorientierte, personenbezogene Gesprächsform unter vier Augen handelt, die den Klienten anregen soll, eigenständige Lösungen zu finden.“

Coaching für Alles und Jeden

Rund 40.000 Coaches bieten laut einer Schätzung derzeit in Deutschland ihre Dienstleistung an. Was die Kunden für ihr Geld bei dem jeweiligen Coach erwartet variiert stark. Da der Begriff des „Coaches“, wie der des „Journalisten“ nicht geschützt ist, darf sich grundsätzlich jeder auch Coach nennen. Daraus resultiert eine große Bandbreite von Anbietern, deren Palette vom Management Coaching über das Coaching zwecks Burrnout-Prävention, dem Art Coaching, dem Aufräum-Coaching bis zum Lama-Coaching reicht. Doch woran erkennt man einen guten Coach? Welche Arten von Anbietern gibt es? Welchen Hintergrund bringen diese Anbieter mit? Gibt es einheitliche Qualifikationen, die ein Coach unbedingt mitbringen muss? Welche Methoden wenden die Coaches an? Kann ein Coach möglicherweise sogar einen Therapeuten ersetzen.

All diesen Fragen geht Erik Lindner in seinem Buch nach und versucht sie zu beantworten. Schnell wird dem Leser klar, dass eine einheitliche Charakteristik der Branche nahezu unmöglich ist. Der Erfolg oder Misserfolg eines „Coaching“ hängt von so vielen unterschiedlichen Faktoren ab, dass viele Fragen nicht klar beantwortet werden können.

Anschauliche Darstellung
Erik Lindner gelingt mit „Coaching Wahn“ ein eindrucksvolles Porträt einer Branche, die mit ihren teilweise skurrilen Ausprägungen den Leser des Öfteren schmunzeln lässt. Warum tut man sich etwas derartiges an, fragt man sich das ein oder andere Mal. Kann ein Seminar im Stile eines Boot-Camps tatsächlich zur Stärkung des Team-Spirits beitragen? Anschaulich zeigt Erik Lindner die Schwierigkeiten auf diese Branche zu fassen. Einheitliche Qualifikationen? Fehlanzeige.

Die schier unermessliche Bandbreite an Angeboten. Das Fehlen eines Verbandes, der einheitliche Mindeststandards fürs Coaching festlegen könnte. Vieles ist nicht unproblematisch und wird sogar zur Gefahr, sobald der Coach als Ersatztherapeut fungiert. Hier ist erhöhte Vorsicht angezeigt. Darüber hinaus bleibt die Feststellung, dass, die Frage der Effizienz des Coachings abschließend ungeklärt bleibt. Vielleicht beschreibt es die Aussage von Volker von Courbière, einem Routinier der Branche, ganz gut: „Coachen hilft. Und sei es, sich selbst besser zu kennen.“ Es liegt somit an jedem selbst zu entscheiden, ob einem ein Coach wirklich helfen kann oder nicht. Vorsicht ist auf jeden Fall angezeigt. Schaumschläger lauern an jeder Ecke.

Fazit: Interessantes Porträt einer Branche, der in Deutschland inzwischen eine nicht unwesentlichen Bedeutung zukommt. Amüsante Beispiele und konkrete Anhaltspunkte und Namen, die Menschen helfen können, die sich beruflich oder privat für die Branche interessieren.

(Thomas Hepp, academicworld-User)

Erik Lindner: Coaching Wahn

18,00 Euro. Econ Verlag


Stand: Herbst 2011

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