Ein Stück irische Geschichte in „Ein verborgenes Leben“

Was steckt hinter der Geschichte der hundertjährigen Patientin Roseanne McNulty, die schon vor Jahrzehneten in die Irrenanstalt eingeliefert worden ist? Der Roman „Ein verborgenes Leben“ des irischen Schriftstellers Sebastian Barry wurde mehrfach ausgezeichnet und das zu Recht.

Die alte Dame im Irrenhaus

dtv Verlag, 2011

Als die Irrenanstalt Roscommon in kleinere Räumlichkeiten verlegt wird, ist es an Dr. Grene, zu entscheiden, welche Patienten umziehen und welche entlassen werden können. Bei seinen Untersuchungen fesselt besonders die hundertjährige Roseanne McNulty, die schon vor vielen Jahrzehnten eingewiesen wurde, seine Aufmerksamkeit. Doch Roseanne zeigt sich seinen Fragen gegenüber verschlossen und so muss Dr. Grene aus Akten und Unterlagen ihren Fall rekonstruieren, während die alte Dame die Geschichte ihres Lebens im Geheimen zu Papier bringt.

Zwei Versionen eines Lebens

Der besondere Reiz des Romans „Ein verborgenes Leben“ des irischen Schriftstellers Sebastian Barry liegt in der Duplizität des Erzählstrangs. Auf der einen Seite steht Roseannes Version, die zwar von der im Mittelpunkt stehenden Person selbst stammt, deren Glaubwürdigkeit aber durch ihr hohes Alter und das mögliche Krankheitsbild beeinträchtigt wird. Ihr Gegenüber die Aktenlage, deren Wahrheitsgehalt ebenfalls in Zweifel gezogen werden kann. Der Autor verflicht beide Stränge gekonnt zu einem Bild, dass sich dem Leser nur nach und nach offenbart und nicht selten mehr als eine Interpretationsmöglichkeit lässt.

Private und politische Geschichte

Wie in vielen seiner Werke setzt sich Barry auch in diesem Roman mit der historischen Vergangenheit seines Heimatlandes auseinander, Roseannes privates Schicksal ist untrennbar mit der politischen Lage verwoben. Für Leser, die mit der Geschichte Irlands nicht vertraut sind, mag manches unverständlich bleiben, aber dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch. Und für jene, die es genauer wissen wollen, bietet der Anhang Aufklärung in Form einer chronologischen Liste.

Fazit: „Ein verborgenes Leben“ ist mehrfach nominiert und ausgezeichnet worden, und zu Recht. Dieses Buch ist nicht nur die Schilderung eines tragischen und berührenden Lebens, es ist auch ein Stück irische Geschichte, ein Stück gesellschaftliche Studie, aber vor allem ein Stück Literatur, das sich zu lesen lohnt.

(Katharina Baumfeld; academicworld userin)

400 Seiten
Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Mai 2011)
Preis: 9,90 Euro


Stand: Juli 2011

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