Ein kleiner ganzer Kerl: „Wickie und die starken Männer“

Vor zwei Jahren hat Michael Bully Herbig mit „Wickie und die starken Männer“ einen freundlich witzigen Kinderfilm gedreht, der auch Erwachsene unterhalten konnte. Jetzt kommt die Fortsetzung mit gleichem Ensemble, aber anderem Regisseur: „Wickie auf großer Fahrt“, ab 29.9. im Kino.

Wickie auf großer Fahrt … in 3D am Walchensee © Constantin Film

Am Set von Wickie © Constantin Film

Von Abenteuern…
Wickie (Jonas Hämmerle) ist die größte Freude und die größte Sorge von Häuptling Halvar (Waldemar Kobus), steckt doch mehr im Köpfchen seines kleinen Sohnes als in dessen Fäustchen. Auch eine raue Wikinger-erziehung mit gelegentlichen Raubzügen, konnte bisher nicht die gewünschte stählende Wirkung erzielen.

Als Halvar aber vom Schrecklichen Sven (Günther Kaufmann) entführt wird, erweist sich Wickies Findigkeit als äußerst nützlich. Unter seinem zunächst etwas unsicheren Kommando, stechen die verbliebenen Starken Männer in See, um nicht nur Halvar zu befreien, sondern ebenfalls einen sagenumwobenen Schatz zu finden.

Ihr Weg führt sie vorbei an der Insel der Walküren, die für die wilden Recken gerne mal ihr letztes Hemd opfern, bis hin zum Kap der Angst, weiter zur Schlucht des Odin und zu einem gewaltigen Eispalast, wo die ultimative Herausforderung wartet. Zuletzt aber, soviel sei verraten, wird alles gut.

Im Prinzip unterscheidet sich die Storyline des Sequels – Entführung, Rettungsmission, unerwartete Abenteuer, Happy-End – kaum vom Vorgänger. Das muss jedoch nicht stören, schon gar nicht ein Kinderpublikum, wird es schließlich mit einer dramatisch ordentlich aufgemischten Geschichte amüsiert, die obendrein ein paar nette Botschaften transportiert: Denk nach, sei vorsichtig, zuvorkommend, friedliebend, hebe dir den Mut für wichtige Situationen auf, und wenn es ernst wird: Verhandle! Mit dem Schwert herumfuchteln kann jeder dämliche Wikinger, aber gezieltes Überlegen erfordert ganz andere Kräfte.

…Geschichten…
Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter gibt seinem hübsch ausgestatteten Film herzhaften Schwung mit und einen Mehrwert an Action, sowie Schaueffekten – wie eben üblich bei Fortsetzungen. In Bezug auf 3D war die Mühe freilich umsonst.

Ob so ein wackeliger, mehrdimensionaler Eisstalaktit jetzt direkt ins Gesicht des Zuschauers baumelt oder daran vorbei, bleibt unerheblich, solange der Film die narrative und dramaturgische Tiefe nicht vernachlässigt. Einen Raum kann man sich vorstellen, eine Geschichte muss einem erzählt werden. Glücklicherweise gibt es viel zu erzählen, vor allem mit dem rechten Quäntchen Humor, etwas Slapstick und einem frischen, nie hektischen Rhythmus, der ideal mit Wickies fixer, sich in buntem Ideenreichtum äußernder Cleverness harmonisiert.

Ebenfalls tragen die munter agierenden Darsteller zum positiven Gesamteindruck bei, etwa Christoph Maria Herbst, der wieder als servil-debiler Scherge Pokka mit schrägem Overacting glänzen darf. Anders als im ersten Teil werden die Nebenrollen insgesamt jedoch leicht vernachlässigt, was bedauerlich ist, haben schließlich gerade Halvars wüste Mannen ein wirklich ulkiges Potential.

Gerne hätte man beispielsweise den Lyraspieler Ulme (Patrick Reichel) nochmals mit Lockenwicklern gesehen oder den starken Faxe (Jörg Moukaddam) als schüchtern Verliebten. Stattdessen muss man sich mit Svenja (Valeria Eisenbart), einer minderjährigen Amazone, zufriedengeben, die schwer an ihrem Vaterkomplex trägt, sich im Endeffekt aber nicht der schlauen Liebenswürdigkeit Wickies verschließen kann.

…und Tänzen
Ja, Wickie ist schon ein reizend-gewitztes Kerlchen, erfunden von Autor Runer Jonsson für seine Kinderbuchreihe, die in den 1970er Jahren auch als Zeichentrick-Fernsehserie Erfolg brachte. Während Michael Bully Herbig den nostalgischen Klassiker 2009 in seiner Realverfilmung ein bisschen zur sympathischen Persiflage umdeutete, ist Christian Ditter mehr an einem geradlinigen, dezent spannenden Jugendabenteuer mit Fantasy-Touch interessiert.

Gleichwohl sind dessen beste Momente auch die herrlich sinnfrei persiflierenden. Dass echte Wikinger mehr drauf haben als Helme tragen und kämpfen, war bekannt. Überraschenderweise müssen ihnen jetzt sogar Entertainment-Qualitäten zugestanden werden, seit sie als Gaukler verkleidet in Svens Burg eine gewöhnungsbedürftige, gleichwohl kesse Sohle aufs Parkett zu Klängen von „Ein bisschen Frieden“ hingelegt haben.

Schade, dass der selbstverliebte Ramon Martinez Congaz, vom königlich-spanischen Depeschendienst aus Teil eins, nicht mehr dabei ist. Tanzende Wikinger – das wäre mal eine Nachricht gewesen!

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Wickie auf großer Fahrt

Regie: Christian Ditter

Darsteller: Jonas Hämmerle, Valeria Eisenbart, Waldemar Kobus, Nic Romm, Christian A. Koch, Olaf Krätke, Mike Maas, Patrick Reichel, Jörg Moukaddam, Eva Padberg, Ella-Maria Gollmer, Hoang Dang Vu, Sanne Schnapp, Mercedes Jadea Diaz sowie Günther Kaufmann und Christoph Maria Herbst u.v.a.

im Verleih der Constantin Film

Kinostart: 29. September 2011


Stand: Sommer 2011

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