Ein Egomane als Biedermann

Gutes braucht nicht verbessert zu werden. Solche Alltagsweisheiten gelten freilich nicht in Hollywood, wo man einem profitablen ersten Film gerne einen zweiten Teil folgen läßt. Oft schwächer als das Original. Der CGI-Animationsstreifen „Ich – Einfach unverbesserlich 2“, ab 4.7. im Kino, bildet da (leider) keine Ausnahme.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

Gru und Lucy. Was fehlt: Ein bisschen subversives Gedankengut

Wiederholung des Vertrauten

Mit den ersten beiden „Ice Age“-Filmen (2002, 2006), „Robots“ (2005) oder „Horton hört ein Hu!“ (2008) hat der amerikanische Produzent Chris Meledandri ein Gespür für skurrile Animationskunst bewiesen, die immer ein bisschen aus dem Rahmen erzählerischer Klischees und optischer Konventionen fällt. „Ich – Einfach unverbesserlich“ (2010) stellt in diesem Zusammenhang einen weiteren Höhepunkt dar: die Story vom egomanischen, beziehungsgestörten, misanthropischen Superschurken Gru, der eigentlich den Mond stehlen will und plötzlich drei kleine Waisen adoptiert hat. Dass seine Wandlung zum Beinahe-Gutmenschen keineswegs süßlich-belehrend, sondern herrlich schräg und abenteuerlich verläuft, ist nicht zuletzt der Regie von Chris Renaud sowie Pierre Coffin zu verdanken mit ihrem wunderbaren ’Anti-Political-Correctness’-Touch.

Für die Fortsetzung hat sich das gleiche Produktions- und Regie-Team wieder eingefunden. Das weckt Hoffnungen, die nie eingelöst werden. Die originelle Grundidee kann nicht mehr aufgewärmt werden – Gru ist jetzt nun mal nett geworden –, trotzdem dominieren Wiederholung des Vertrauten und Übertreibung des Bekannten. Wie eigentlich immer in derartigen Fällen. Hollywood läßt ausgesprochen schwer los, wenn es einen Goldesel gefunden zu haben glaubt.

Mangel an Subversion

Diesmal ist das Drehbuch von Cinco Paul und Ken Daurio erkennbar mit Mühe und Not zusammengeschustert worden. Gru hat sich inzwischen als glücklicher, überbesorgter Papa eingerichtet, seine drei Adoptivtöchterlein sind selig mit ihm, die Nachbarn scheinen ihre schrulligen Stadtbewohner akzeptiert zu haben. Da sucht eine Geheimorganisation in Gestalt von Agentin Lucy Wilde Grus Rat. Ein neuer, bislang anonymer Mega-Bösewicht bedroht die Welt, und wer könnte ihn wirkungsvoller bekämpfen als ein mit allen kriminellen Wassern gewaschener Ex-Strolch? Also begibt sich Gru auf die Jagd nach diesem Phantom, wobei ihm Lucy bald enger zur Seite steht als geplant. 

Auch die kleinen gelben Helferlein, die Minions, sind wieder zur Stelle. Mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs und dem unfehlbaren Instinkt für größtmögliche Planlosigkeit gesegnet, fungieren sie gewissermaßen als dramatischer Außenbordmotor einer Handlung, die im Innersten hohl und vorhersehbar bleibt. Das ist bedauerlich, zumal sich der Vorgängerfilm gerade durch prächtige Subversion auszeichnete, sowohl im visuellen Detail wie auch in der anarchischen Grundhaltung.

Alle sind furchtbar lieb

Die groteske Cartoon-Note beim Character- und Productiondesign, beeinflusst vom Werk Charles Addams’ sowie Edward Goreys, wurde für den zweiten Teil zwar beibehalten, doch die Narration weicht häufig auf das legitimiert-liberale Terrain der milden Parodie aus. Im Prinzip ist aus Gru ein rechter Spießer mit sozialtauglichem Familiensinn geworden. Auch wenn beim Kindergeburtstag raffinierterweise Bärenfallen ausliegen und Morgensterne geschwungen werden, bleiben die klassischen ’family values’ unangetastet. Gru und Co. mögen etwas sonderbar sein, ihre Integration in die Gesellschaft ist längst vollzogen. Wie öde! Und schlimmer: Um seine neue Position zu rechtfertigen, soll Gru auch noch den nächsten kommenden Top-Fiesling aufhalten. Kein Wunder, dass Dr. Nefario, Grus uralter, schwerhöriger Wissenschaftler, die Seiten wechselt. Allerdings nur kurzzeitig, denn: Wir sind ja alle furchtbar lieb geworden…

Um das etwas abzumildern, werden allerlei lustige Sachen gesagt, kommt viel Situationskomik zum Tragen, gibt es jede Menge visuelle Gags und wird ein optisch rasantes, durch den 3D-Effekt akzentuiertes Tempo vorgelegt. Das ist schnell – und ebenso schnell wieder vergessen, fehlt doch die gewisse freche Pfiffigkeit. Dafür tritt das Kalkulierte offen zutage. Gru ist nurmehr pseudo-grantig und vom aktiven Anführer zum passiven Tollpatsch degradiert, die Kleinen sind ultra-niedlich, Lucy wirkt hyper-fiebrig, die Minions brabbeln und werkeln chaotischer vor sich hin denn je. Schließlich sollen explizit letztere wieder die Begeisterung des Kinopublikums entfachen, wenigstens bis 2014, wenn sie in ihrem eigenen Film auftreten. Wilkommen in den unendlichen Weiten des Franchise-Universums!

Synchronisation als Genuss

Es ist die Aufgesetztheit der persiflierenden Aspekte und der Mangel an ehrlichem Nonkonformismus, der „Ich – Einfach unverbesserlich 2“ vom ungleich kreativeren Original unterscheidet. Neben der bemühten Haupthandlung wird sich auf den üblichen Nebenschauplätzen einer biederen amerikanischen Familienkomödie herumgetrieben. Während Gru die ersten Verehrer seiner ältesten Tochter zu vergraulen sucht, wird er von den hysterischen Nachbarinnen selbst zum Verkupplungsobjekt erkoren und muß Katastrophen-Dates durchstehen. Wenigstens wohnt er noch in seinem kuriosen Gothic-Haus, das so unverschämt genial die Suburbia-Idylle torpediert.

Nebenbei bemerkt: „Ich – Einfach unverbesserlich 2“ ist einer jener wenigen Filme, die man sich unbedingt in der synchronisierten Fassung anschauen sollte. Oliver Rohrbeck höchstselbst, herausragender Sprecher und als Justus Jonas von den ’Drei Fragezeichen’ längst Hörspielkult, intoniert Gru mit einem waffenscheinpflichtigen Russenakzent. Seine brillante Leistung gibt dem Film eben jenes spielerisch-anarchische Moment zurück, das ansonsten im quietschbunten Animationsgetümmel unterzugehen droht.


ICH – EINFACH UNVERBESSERLICH 2 (3D)

Deutsche Stimmen: Oliver Rohrbeck, Martina Hill, Sonya Kraus
Regie: Chris Renaud & Pierre Coffin
Kinostart: 4. Juli 2013

Im Verleih von Universal Pictures International Germany      

  

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