Dschihad For Dummies: Four Lions

’Terrorismus’ ist eines der Schlagworte des 21. Jahrhunderts. Egal, was man damit verbindet, ob globale Bedrohung, politisches Kalkül oder gesellschaftliche Hysterie, über eines besteht offenbar Konsens: Lachen darf man darüber auf keinen Fall. Obwohl… warum eigentlich nicht?

 

 

Foto © Capelight

Es dürfte den wenigsten bekannt sein, aber Sheffield ist das heimliche Zentrum des britischen Dschihad. Unter der Führung von Omar (Riz Ahmed), einem ansonsten nett integrierten, pakistanisch-stämmigen Engländer, hat sich eine klitzekleine isolierte Terrorzelle gebildet, deren Mitglieder den Gotteskrieger in sich entdeckt haben. Gut, die unerschrockenen Herren sind durchweg gewöhnungsbedürftig, etwa der selbsternannte Bombenexperte Faisal (Adeel Akhtar). Seit Jahren kauft er in einer nahen Drogerie literweise Peroxid für seine Sprengsätze, verstellt dabei immer seine Stimme oder gibt sich wahlweise als Frau aus. Tarnung ist alles in einem so heißen Geschäft wie dem Terrorismus.

Waj (Kayvan Novak) wiederum, enger Freund von Omar, hält mit seinem grenzenlos naiven Gemüt den Heiligen Krieg für ein spaßiges Abenteuerevent und besitzt einen sprechenden ?Bet-Teddy?, der vertretungsweise für ihn den Koran herunterbrummen kann. Tendenziell befremdlich unter den ansonsten arabisch wirkenden Männern mutet Barry (Nigel Lindsay) an, der weiße Islamkonvertit. Das macht er jedoch mit Ultra-Allüren mehr als wett, beispielsweise mit skandalumwitterten Auftritten bei öffentlichen Islam-Diskussionen sowie seinem Look im angesagten Mudschaheddin-Style: Käppchen, Bärtchen, Röckchen, als zu vernachlässigendes Accessoire ein typgerechtes Hirnchen, dem auch sein angenommener islamischer Name entsprungen sein dürfte: Azzam al Britani. Kein Zweifel, da kommt etwas zu auf die westliche Welt. Nur was genau?

 

Märtyrer ohne Plan

 

Auch die vier Löwen, untereinander ständig in verbale Streitigkeiten verstrickt, scheinen sich darüber nicht ganz im Klaren zu sein. Jeder von ihnen huldigt eigenen, völlig konfusen Prinzipien, die weder politisch noch religiös Sinn machen, dafür den unschätzbaren Vorteil besitzen, daß man sie ihnen aufgrund solcher Abwegigkeit nie ausreden könnte. Einig sind sich diese Meister des fanatisierten Dilettantismus nur, daß irgendwo im kapitalistischen Westen irgendwie auf den Werten und Überzeugungen der Muslime herumgetrampelt wird und daß dagegen irgendetwas unternommen werden muß. Was den Möchtegern-Terroristen an Logik fehlt, ersetzen sie durch Aktionismus. Und hierfür hat sich allzuviel Denken stets als kontraproduktiv erwiesen.

Während es den fiktiven Protagonisten an Verstand mangelt, offenbaren die Filmemacher intelligente Gewitztheit, allen voran Regisseur und Co-Drehbuchautor Christopher Morris. Im englischen Fernsehen und Radio ist er berühmt, eher berüchtigt für Nachrichten-/Doku-Parodien (?The Day Today?, ?Brass Eye?); jetzt hat er mit ?Four Lions? seinen ersten Spielfilm gedreht und eine ebenso provokante wie erquickliche Antwort auf politisch-religiösen Extremismus gefunden: Gib ihn der Lächerlichkeit preis! Monty Pythons hintersinnig-anarchische Absurdität trifft auf pechschwarzen britischen Humor, die agressive Bissigkeit einer geistreichen Satire auf die Lust am Nonsens von moderner Comedy, um im unverschämt köstlichen Zusammenspiel als Terrorismus-Parodie und Narren-Posse, ebenso als Gesellschafts-Groteske zu funktionieren.

Um allen Betroffenheitsjunkies gleich den Wind aus ihren fadenscheinigen Segeln zu nehmen: Nein, der Film ist kein beleidigendes, kulturrassistisches Machwerk. Der Islam selbst wird in keinster Weise diffamiert, nur dessen pseudo-religiöse Auswüchse, und ja, man hätte auch jede andere radikalisierte Konfession so präsentieren können. Hat man aber nicht, weil der islamistische Fundamentalismus ausnehmend schöne Steilvorlagen für seine humoristische Entlarvung liefert. Tatsächlich waren es Zeitungsberichte über kurios mißlungene Terrorakte, Abhörwanzen-Aufnahmen von mitgeschnittenen Coolness-Debatten (Bin Laden oder Johnny Depp!!!) unter Al-Qaida-Leuten, Prozeßabschriften, Bücher, Gespräche und ähnliches, die Christopher Morris auf die Idee zu seinem übermütigen, gleichzeitig mutigen Film brachten.

In Richtung Mekka

 

Zwar ist ?Four Lions? weniger als Fake-Dokumentation konzipiert, auch wenn die grobkörnige, wackelige Handkamera dergleichen anzudeuten scheint, lüftet aber als respektlose Farce über einen Desaster-Dschihad den ideologischen Schleier von dem aufs Bizarrste fehlgeleiteten realen Terror. Die Co-Autoren Jesse Armstrong, Sam Bain und Simon Blackwell geben zu Protokoll: ?Die Welt des Terrorismus öffnet viele Türen, hinter denen sich Komik entdecken läßt ? Prahlerei, Ambition, Inkompetenz, Machismo, Hierarchien und Dynamiken in kleinen Gruppen, Größenwahn, Minderwertigkeitskomplexe. Und dann auch noch all die Absurdität, (…) wenn Idealismus welcher Art auch immer auf die Kompromisse des wahren Lebens prallt.?

Allein die Outtakes von Omars selbstgedrehten Bekenner-Videos sind zum Niederknien genial, jeder Filmsplitter ein schräg-sarkastisches Sketchhighlight. Manchmal glaubt Omar schier zu verzweifeln, wenn er sie unter den Augen seiner zwar aufgeschlossenen, ihn als potentiellen Gotteskrieger gleichwohl anfeuernden Ehefrau Sofia (Preeya Kalidas) umschneiden muß. So recht scheinen seine Jungs den Ernst der Lage nicht zu begreifen, orientieren sich stattdessen am schlichten Machoideal westlicher Filme und Computergames. Übermotiviert, aber unterbelichtet ? eine furchterregend bombige Mischung, die die wohltuend selbstbewußten Kreativen hinter ?Four Lions? dennoch nicht verleitet hat, ihren Film in die Seichtheit einer Klamotte zu führen.

Wie erfrischend frech ist es doch, daß im Gegensatz zur Politik sich die Kunst erlaubt, mit erhellend dreistem Witz und entlarvend hemmungslosem Spott das höchst kontroverse Thema ?Terrorismus? aufzugreifen. ?Four Lions? will nicht nur das im Hals steckengebliebene, sondern ein befreiendes Lachen hervorrufen, das militanten Fundamentalisten ihren Einfluß auf die gesellschaftliche Psyche raubt. Die Bedrohung durch Terrorismus wird keineswegs geleugnet ? Omar und Co. sind definitiv gefährlich, vor allem für sich selbst ?, aber ihr wird jene dämonische, von den Medien in sensationslüsterner Panikmache heraufbeschworene Allmacht abgesprochen. Terror kommt von Menschen, und Menschen sind komisch. Beispiel gefällig? Wer glaubt, pakistanische Trainingslager für zukünftige Mudschaheddin wären hochtechnisierte Elitecamps, darf sich auf Omars und Wajs Besuch dort freuen. Kaum angekommen, stiften sie schon Verwirrung über die richtige Gebetsposition. Wo genau lag jetzt nochmal Mekka?

 

Wanze, Spion oder biologische Waffe?; Foto © Capelight

Marathon der Mudschaheddin

 

Omars Terrorzelle, zu der inzwischen auch der musikbegeisterte Hassan (Arsher Ali) gestoßen ist, kann sich schließlich doch noch auf ein Anschlagsziel einigen. Es ist weder das von Waj vorgeschlagene Internet, noch die von Barry favourisierte Moschee, um bisher gemäßigte Muslime zu radikalisieren, sondern der Londoner Marathon. In aberwitzigen Ganzkörperkostümen, unter denen sich die Sprengsätze verbergen lassen, wollen die vier sich als lebende Bomben unters rennende Volk mischen. Faisal ist dieses Glück nicht mehr vergönnt. Eben hat er noch zahme, leicht verwirrt mit ihren schwarzen Äuglein blinkende Krähen als Suizidattentäter abzurichten versucht, da ist er in einer Schrebergartensiedlung samt Tüte mit hochexplosivem Sprengmaterial unglücklich gestolpert. ?Dumm gelaufen?, mal wörtlich genommen.

Doch bekanntlich zählt nur die Mission. Zu den schmissigen Klängen von Toploaders ?Dancing in the Moonlight?, offenbar ein Hit unter Islamisten, kurvt der Rest der Terror-Wannabes gen London. In der City freilich müssen sie vor sich selbst sowie einem fast ebenso katastrophal inkompetenten Polizeiapparat kapitulieren und ihre geplanten Selbstmordanschläge mehr oder weniger auf den Selbstmord beschränken. Ob das für den Himmel der Märtyrer ausreicht? Könnten die verhinderten Gotteskrieger auf ihre Mudschaheddin-Existenz zurückblicken, würde das Ergebnis recht kläglich ausfallen. Im Gegensatz zu den Opfern der britischen Polizei bleibt ihr Kollateralschaden wenigstens überschaubar: ein Londoner mit Helfersyndrom, eine Krähe, ein Schaf, eine Mikrowelle. Ach ja, und Osama bin Laden. Nicht schlecht für diese Blindgängertruppe. Dummheit stirbt halt nicht aus; sie kann sich nur selbst eliminieren. In dieser Hinsicht ist, besser: war ?Sheffields Al-Qaida? ein leuchtendes Vorbild.  (Nathalie Mispagel)

Die fidele kleine Terrorzelle unterwegs; Foto © Capelight

Four Lions

UK 2010

Regie: Christopher Morris

Mit Riz Ahmed, Arsher Ali, Nigel Lindsay

Kinostart: 21. April

www.fourlions-film.de

 

 

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