Draufsicht ohne Innenschau

Für die einen ist Bayern, diese etwa 70.500 km² umfassende Fläche im Südosten Deutschlands, nur das größte der 16 Bundesländer, für die anderen bereits ein eigener (Frei-)Staat und für viele gar eine spezielle Weltanschauung. Joseph Vilsmaier ist für seinen Dokumentarfilm „Bavaria – Traumreise durch Bayern“, ab 26.7. im Kino, einmal quer darüber hinweg geflogen. Warum genau, läßt er offen.

Schloss Neuschwanstein

Bajuwarischer Flow

Die wichtigste Frage zuerst: Darf ein ’Preuße’ einen solchen Film überhaupt rezensieren? Klare Antwort: Er darf nicht nur, er muß sogar. Denn alle bayerischen Kinogänger sind mangels Anregung längst eingeschlafen. Es mag ein sanfter Schlummer sein – die Bilder sind ausnehmend schön –, freilich ein tiefer, denn irgendetwas Neues hat das Werk weder zu zeigen noch zu erzählen. Gleichwohl werden beim Zuschauer fundierte geographische Kenntnisse vorausgesetzt, um während des Helikopterfluges über Bayerns Dörfer, Gemeinden, Ortschaften, Städte, Seen, Berge, Burgen, Schlösser, Klöster, Landstriche, Viertel, Gebiete und Winkel leidlich die Orientierung zu behalten. Etwas wie kartographische Einblendungen oder kontinuierliche Erläuterungen fehlen gänzlich.

Stattdessen reiht sich eine hübsche Impression an die andere, von der agilen Kamera in weichen Schwenks und Zooms eingefangen, bis man kaum mehr zwischen fränkischen, schwäbischen oder altbayerischen Landschaften differenzieren kann. Aus der Vogelperspektive betrachtet beginnen selbst die unterschiedlichsten, stets bei strahlendem Spätsommer-/Frühherbstwetter aufgenommenen Gegenden wie eine zu wirken. Es entsteht gewissermaßen ein optischer Flow. Das ist nett, aber substanzlos.

Bajuwarisches Easy-Listening

Im Hintergrund läuft unterdessen Musik der Band „Haindling“. Als Vertreter der ’Neuen Volksmusik’ mischt ihr Gründer Hans-Jürgen Buchner Pop mit Jazz, Ethno und Elementen der bayerischen Volksmusik. So kommt zum visuellen Flow noch das rechte akustische Feeling. Nachdem er sein Publikum derart friedlich eingebettet hat zwischen Easy-Watching und Easy-Listening, will Regisseur Joseph Vilsmaier ihm keine gehaltvollen Informationen mehr zumuten, weshalb er sich bei dem von ihm selbst eingesprochenen Kommentar auf dürftig-vordergründige Anmerkungen beschränkt.

Zweifelsohne schätzt er als bayerischer ’Ureinwohner’ sein Herkunftsland und erlaubt sich gar, dem Zuschauer sein Elternhaus zu zeigen. Das wollten wir schon immer einmal sehen, oder? Freilich sind aus dieser Heimatliebe außer einem offensichtlichen Mitteilungsbedürfnis weder intellektuelle Reflexion noch intime Einsichten erwachsen. Stattdessen langweilt Vilsmaier mit einer im wahrsten Sinne des Wortes ’Feld-/Wald-/Wiesen-Dramaturgie’, bei der sich eine glasklare Totale von weiten Landschaften an die andere reiht, in München auf Staccato-Schnitt (Großstadt!) umgestellt wird und ab dem Alpenvorland plötzlich Schnee fällt. Winter ist in Bayern wohl eine Frage des Standortes.

Bajuwarisches Sightseeing

Die touristische Einfalt bei der Auswahl der Motive, nämlich nur altbekannt-klassische Highlights, erstaunt ebenso wie deren naive Betrachtungsweise. Abgesehen von dem typisch deutschen Reflex, auf die schuldbeladene NS-Vergangenheit (Dachau, Obersalzberg) hinzuweisen, wird auf jegliche Kritik verzichtet. Bayern erscheint als Land der Seligen, in dem sogar die Industrie nur Wohltaten bringt. Nebenbei bemerkt: Den gleichen Konzernen, die lobende Erwähnung finden, wird im Abspann gedankt. Für was wohl…

Dabei läßt gerade die Vogelperspektive eines offenkundig zu Tage treten: Das Land dort unten mag reizvoll sein; mit Ursprünglichkeit hat es jedoch kaum mehr etwas zu tun. Wie der Rest von Deutschland ist auch Bayern zur reinen Wirtschaftslandschaft mutiert. Bestenfalls finden sich noch kulturlandschaftliche Bereiche, manchmal gar naturnahe; gänzlich unberührte Natur hingegen muß gesucht werden. Passend dazu verirren sich keine Tiere in „Bavaria – Traumreise durch Bayern“. Nur ein paar Gemsen im Gebirge, die sogleich vor dem nahenden Helikopter fliehen. Eine äußerst beredte Szene.

Bajuwarisches Eye Candy

Die banale Darstellung des geographischen Bayerns findet ihr Pendant in der kulturellen Wahrnehmung. Obwohl sich Joseph Vilsmaier zu Anfang noch von Folklore-Klischees wie Dirndl, Maß und Schuhplattler distanzieren will, präsentiert er später genau diese als Kulturgut, inklusive Fingerhakeln. Und zwar nur diese. Daß es darüberhinaus eine bedeutende künstlerische und wissenschaftliche, vor allem zeitgenössische bayerische Szene gibt, wird unterschlagen. Bei ihm lebt Bayerns Kultur nur aus der Tradition.

Und vielleicht noch aus Fußball. Wer sich freilich an die grausige Champions-League-Niederlage des FC Bayern München im Mai 2012 erinnert, weiß, daß auch hier die Welt längst nicht mehr heil ist. Vilsmaier jedoch setzt unverdrossen auf Hochglanzästhetik aus der Ferne wie der Nähe, verwechselt dabei Hommage mit Hofieren und biedert ’sein Bayern’ als leicht goutierbares Eye Candy an. Fehlen nur noch die Merchandising-Artikel, um diesen Werbefilm, der auf der gerade angesagten Doku-Welle schwimmt und doch eher ins Fernsehen gehört, PR-mäßig abzurunden.

Man muß kein Original-Bayer sein, nur jemand, der das Land auch ohne Schönfärberei ehrlich mag, um am Ende zu seufzen: Na Servus!

Nathalie Mispagel

 

Bavaria – Traumreise durch Bayern

Regie: Joseph Vilsmaier
ab 26. Juli 2012

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