Donohue: Der dunkle Engel

Ob es Engel wirklich gibt, wissen wir nicht. Scheinbar ist jedoch weder Wissen noch Glauben nötig, um ein ausgefülltes Leben zu führen. Unsere engsten Begleiter im Leben sind unsere Familie, unsere Freunde und für den ein oder anderen unter uns vielleicht tatsächlich eine Art übernatürliche Energie.

Es ist eine Familientragödie, wie sie wohl überall auf der Welt passiert: Eine junge Frau rebelliert als Teenager gegen ihre Eltern und brennt mit ihrer ebenfalls kaum volljährigen großen Liebe durch. Erica und ihr Freund Wiley verlassen eines Nachts in einem gestohlenen Wagen ihre Heimatstadt und flüchten quer durch die USA Richtung Kalifornien. Eine einzige Postkarte schickt Erica ihren Eltern von unterwegs, bevor sie für immer verschwunden scheint.

Eine Familie zerbricht

Erica ist bereits seit zehn Jahren als vermisst gemeldet, als ihre Mutter Margaret eines Abends auf ein unerwartetes Klopfen hin die Tür öffnet. In der Winternacht steht ein etwa neunjähriges Mädchen in zerschlissener Kleidung vor ihr und bittet um einen Schlafplatz.

Da Norah Waise zu sein scheint und sich Margaret insgeheim Hoffnungen macht, dass dieses Kind möglicherweise ihre Enkeltochter sein könnte, zieht Norah in Ericas altes Kinderzimmer ein. In Schule und Nachbarschaft wird das Mädchen als Margarets verschollene Enkelin vorgestellt.

Die erhoffte zweite Chance

Mit dem Einzug des Mädchens geht es der vereinsamten und immer noch trauernden Margaret von Tag zu Tag besser. Sie wünscht sich, im Zusammenleben mit Norah eine zweite Chance als Mutter bzw. nun als Großmutter zu erhalten. Während sie zuvor von Selbstzweifel und Reue zerfressen wurde, empfindet sie nach langer Zeit nun wieder Lebensfreude und Stolz. Dennoch treibt sie eine zentrale Frage wieder und wieder um: Woher kam dieses Mädchen?

Ein Kind ohne Vergangenheit

Es ist der zweite Roman aus der Feder des US-amerikanischen Autors Keith Donohue, der nach „Das gestohlene Kind“ einen weiteres Werk über die Ausprägungen von Wunsch und Wirklichkeit verfasst hat. Besonders prägnant für die Neuerscheinung „Der dunkle Engel“ ist ein fließender Übergang von Realität zu Phantasie. Mit jeder Seite taucht der Leser tiefer ein in die Familiengeschichte um Margaret und die besonderen Fähigkeiten der kleinen Norah, bis die Trennlinie zwischen Tatsache und Tagtraum kaum noch zu ziehen ist.

Die ergreifende Stimmung

Da das Buch auf einer realitätsnahen Geschichte um Ericas Flucht basiert, werden auch der Spiritualität wenig zugeneigte Leser dem Verlauf der Geschichte spannend folgen wollen. Keine der Entwicklungen ist in irgendeiner Weise vorhersehbar und keine der Stimmungen ist künstlich erzeugt. Dies ist ohne Frage ein Buch mit langem Nachhall – ob man nun an Übernatürliches glauben mag oder nicht.

Jutta Schönfelder

Keith Donohue
Der dunkle Engel
Hardcover, 478 Seiten
Oktober 2009
19, 95 Euro

Bertelsmann Verlag

Stand November 2009
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