Döblin: Berlin Alexanderplatz

Berlin Ende der Zwanziger Jahre: Die Weltwirtschaftskrise ist überwunden, die Wirtschaft hat sich stabilisiert, das Ende der Weimarer Republik ist abzusehen. Franz Biberkopf wird nach 4 Jahren aus der Haftanstalt in Tegel entlassen und weiß nicht mehr so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Kein geregelter Tagesrhythmus mehr, wie soll es mit ihm bloß weitergehen. Er hat niemanden mehr, nachdem er sein Geliebte Ida erschlagen hat.

Durch die Hilfe der Gefangenenfürsorge, findet er zurück uns Leben und schwört, anständig zu bleiben. Er findet Arbeit als Strassenhändler, erst verkauft er Schlipshalter, später Zeitungen. Lina, Franz‘ neue Freundin unterstützt ihn und sorgt dafür, dass er anständig bleibt. Aber ein Zwischenfall mit Linas Onkel sorgt dafür, dass Franz alles wieder in Frage stellt und seinem anständigen Leben den Rücken kehrt.

Rückfall

Er ist verletzt und muss erst mal seine Wunden lecken. Als er sich wieder gefangen hat, macht er die Bekanntschaft von Reinhold, dessen Freundschaft zu ihm Franz fast zum Verhängnis werden soll. Reinhold bringt Franz in Kontakt zu Pums, einem Hehler, der sich seine „Waren“ selber besorgt. Bei einem „Einkauf“ und einem Streit mit Reinhold verliert Franz seinen rechten Arm. Sein ehemaliger Knastbruder Herbert und seine Freundin Eva kümmern sich um ihn, pflegen ihn gesund. Eva stellt Franz ihre Freundin Sonja vor, die Franz fortan nur noch Mieze ruft.

Er scheint wieder ein halbwegs anständiges Leben zu führen, bis er aus Langeweile wieder anfängt, für Pums zu arbeiten. Weder Mieze noch Herbert und Eva können ihn davon abhalten. Als Mieze eines Tage nicht nach Hause kommt, fällt ein dunkler Schatten auf Franz, der ihn fast zu Grunde richtet.

Die Charaktere des Romans sind sehr gut skizziert. Wir lernen Franz Biberkopf als naiven, treu-doofen Mann kennen, der sich sehr leicht manipulieren lässt. Freundschaft ist ihm sehr wichtig. Im Gegensatz zu Reinhold: Er versucht, aus allem nur seinen persönlichen Vorteil zu ziehen. Mieze hält treu zu Franz, hat Vorahnungen, kann sich aber nicht wirklich durchsetzen, genauso wenig wie Eva.  Auch das Leben in einer Großstadt wird äußerst anschaulich beschrieben, man spürt förmlich das Gewusel der Stadt, hört den Lärm.

Großstadtroman

Alfred Döblin erzählt in seinem expressionistischen Roman „Berlin Alexanderplatz“ nicht nur die Geschichte des Franz Biberkopfs sondern auch der Stadt Berlin, und gibt einen Einblick in das Lebens Ende der Zwanziger Jahre in Deutschland. Der Roman ist Charakterstudie, Zeitbild und Gesellschaftskritik in einem. Mit einer Aktualität wie man sie auf den ersten Blick nicht vermuten würde.

Der Erzählvorgang der Geschichte ist in Einzelteile aufgebrochen, die Erzählperspektiven wechseln ständig. Das ist anfangs etwas befremdlich, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Döblin schafft metaphorische Bilder, die auf dem ersten Blick nichts mit der Geschichte zu tun haben, aber einen Hinweis darauf geben, wie die Geschichte weitergehen wird. Geschichten aus der Bibel und der Mythologie ergänzen diese Bilder. Allerdings sollte man schon eine sehr gute Allgemeinbildung haben, um diese Sachen auch richtig deuten zu können, andernfalls bleiben sie verwirrende Einschübe. Mit diesem Roman sollte sich der Leser kritisch auseinandersetzten, sollte ihn mehrmals lesen, um alles zu verstehen. Aber wer sich dran wagt, wird nicht enttäuscht werden.

Ines Kubatzki

Alfred Döblin
Berlin Alexanderplatz
430 Seiten
8,90 Euro

dtv

Stand Januar 2010
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