„Diese schöne Stadt“: Auf Goethes Spuren in Mainz

Wer Goethe bislang nur mit Frankfurt und Weimar, vielleicht noch mit Italien verband, wird von Dieter Lampings Büchlein „Diese schöne Stadt. Goethe und Mainz – Mainz und Goethe“ überrascht sein. Es läßt die weniger bekannte Seite des Dichterfürsten als ’Sohn des Rhein’ auf informativ-illustre Weise lebendig werden.

Dieter Lamping. Diese schöne Stadt. Goethe und Mainz – Mainz und Goethe.

Land

Große Literatur ist überzeitlich und überregional. Schriftsteller sind es nicht, sondern an (Mentalitäts-)Geschichte und Geographie, an Epoche und Lokalität gebunden. Umso aufschlußreicher kann es sein, wenn die literarhistorische Wissenschaft sich auf ihre biographischen Spuren setzt, um die Wechselwirkung zwischen Person und Ort bzw. Ära zu erkunden.

Selbst bei einem intensiv erforschten Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe lassen sich da noch spannende Entdeckungen machen. Er, das urban geprägte Genie, steht nämlich in vielgestaltiger Verbindung zu einer deutschen Stadt, die eher selten im Zusammenhang mit ihm genannt wird: Mainz, heute Hauptstadt von Rheinland-Pfalz. Über sie hat er mehr geschrieben als jeder andere berühmte Autor.

Nach Mainz bzw. ’Maynz’ wie es einst hieß, ist Goethe bereits in seiner Jugend gereist und hat zwischen ca. 1765 und 1815 dort immer einmal wieder Halt gemacht. Zunächst war sie für ihn eine ’schöne Stadt’, wie Dieter Lamping betont: „(…) eine schöne und alte, ja schöne, weil alte Stadt, in der er allenthalben auf Spuren der Vergangenheit stieß. Mainz als geschichtsträchtiger Ort (…)“. Letzteres erlebte er 1792/93 gewissermaßen in der Negativ-Variante mit, als Mainz durch die französische Belagerung zum Kriegsschauplatz wurde. Ein prägendes Ereignis für Goethe wie für Mainz. 

 

Leute

Goethe hat seine Erfahrungen mit Mainz primär in seinen autobiographischen Werken „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“, „Campagne in Frankreich“ und „Belagerung von Maynz“ verarbeitet, die inzwischen auch als Teil der Mainzer Kulturgeschichte betrachtet werden. Dabei war Mainz für Goethe eine zwar durchaus wichtige, gleichwohl vorübergehende Station auf seiner Lebensreise. Etwas Passagenhaftes liegt über seinen Aufenthalten. Wiewohl sie mehr als einen Interimscharakter besitzen, weiß Dieter Lamping, seit 1993 Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, in seiner sensiblen Schilderung zu erläutern.

Die Mainz-Besuche werden in Goethes Biographie eingebettet, gespickt mit zahlreichen Zitaten, die ein vitales Bild von ihm, seinem Denken, aber auch seiner Zeit vermitteln. Begegnungen mit Mainz waren für ihn nicht nur kultureller oder literarischer Natur, sondern bedeuteten ebenfalls Kontakt mit Bewohnern. Ein ganzes Kapitel ist jenen teils bemerkenswerten Zusammentreffen, etwa mit dem Forscher und Autor Georg Forster, gewidmet.

 

Literatur

Neben den persönlichen Darstellungen von Goethe wird aber auch den Betrachtungen über Goethe ein angemessener Platz eingeräumt. So entsteht nicht nur ein nuancenreiches (Charakter-)Portrait des Schriftstellers, sondern gleichzeitig ein Überblick zur Entwicklung der Mainzer Goethe-Rezeption. Die ist überschaubar, freilich wechselvoll und facettenreich. So hat Carl Zuckmayer, kein bekennender Goethe-Verehrer, den Dichter immerhin an signifikanter Stelle in „Des Teufels General“ (1946) als Beispiel für die Vielfalt der Rheinregion erwähnt, denn „Die Beanspruchung des Frankfurters für das rheinische Abendland (…) ist Programm. Goethe steht für einen Geist des Rheinlandes, das er (…) als geschichtsgesättigte Region geliebt hat.“

Apropos: Solche Überlegungen haben mittlerweile auch Eingang in die Populärkultur gefunden. Wer Historiencomics schätzt und die charmante Rheingau-Serie „Karl“ von Michael Apitz, Eberhard und Patrick Kunkel kennt, weiß bereits um Goethes Affinität zur lieblichen Rhein-Landschaft. Ebenso von seiner Schwäche für den guten Rheinwein. Dieser kleine Hinweis sei gestattet als Ergänzung zur Bibliographie im Anhang von „Diese schöne Stadt“, die den Stand der Forschung zum Thema ’Goethe und Mainz’ widerspiegelt.

 

Laune

Die Mainzer Beschäftigung mit Goethe äußert sich damals wie heute vor allem durch diverse wissenschaftliche Studien, Aufführungen seiner Dramen an hiesigen Bühnen sowie Goethe-Feierlichkeiten. Tatsächlich wird an den Dichter nicht nur mit Straßenbenennungen oder Ausstellungen erinnert; vielmehr pflegen die Einwohner offenbar nach wie vor ein echtes Interesse an Goethe – selbst 180 Jahre nach seinem Tod und 197 Jahre nach seinem letzten Besuch in Mainz. Allein die große Resonanz auf eine erste Lesung im Mainzer Landesmuseum aus Dieter Lampings Buch, das in Zusammenarbeit mit Simone Frieling entstanden ist, spricht eine deutliche Sprache. 

Das bibliophile Kleinod „Diese schöne Stadt“, bestens recherchiert, pointiert präsentiert sowie klug kommentiert, ist der akademische Beweis für den Zauber von Literatur, Literaten und Landschaften. Außerdem darf es als reizvolles Miniatur-Denkmal für Goethe betrachtet werden. Ein solches fehlt nämlich in Mainz. Dort gibt es nur eine Statue von Schiller!

 

 

(von Nathalie Mispagel

 

 

Dieter Lamping. Diese schöne Stadt. Goethe und Mainz – Mainz und Goethe
16,80 Euro. E. Humbert Verlag

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