Die (ziemlich) Guten, die (total) Bösen und die Konfusen

Der Western ist tot? Von wegen! Die besten Geschichten sind noch gar nicht zu Ende erzählt, etwa die von Tonto und dem „Lone Ranger“. Ab 8. August galoppiert das skurrile Paar nach über 50 Jahren wieder durch die Kinos, einem lässigen, beinahe perfekt unterhaltenden Blockbuster-Auftritt entgegen. Ganz ohne 3D!

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

Der wilde Westen … unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1869. Dies sind die Abenteuer von Tonto und dem „Lone Ranger“.

Der edle Wilde erzählt

„Hereinspaziert, hereinspaziert, meine Herrschaften! Tauchen Sie ein in die längst untergegangene Welt des American Wild West! Erleben Sie all jene unglaublichen Abenteuer, die es nur in der Vergangenheit, in der Phantasie oder eben bei uns gibt! Hereinspaziert, hereinspaziert!“

So ähnlich lockten vor Jahrzehnten die Diorama-Shows auf Jahrmärkten. In eine solche bei San Francisco verirrt sich ein kleiner, wie einst der ’Lone Ranger’ maskierter Junge. Erdnüsse mampfend wandert er von ausgestopften Bisons zu Grizzly-Präparaten, bis er vor dem ’The Noble Savage’-Schaukasten steht. Dort droht ein uralter, im Gesicht schwarz-weiß bemalter Indianer mit dem Tomahawk, der locker als Mumie durchgehen könnte, sich jedoch als gesprächiger schräger Vogel erweist. In dem Kind hat er den idealen Zuhörer gefunden. Und im Kinogänger, der entführt wird ins Jahr 1869 in eine bunte Welt der Menschen, Tiere, Sensationen. Na ja, eher der sympathischen Einfallspinsel, ruchlosen Silberdiebe, räuberischen Kaninchen, spirituellen Pferde, absonderlichen Tauschgeschäfte und wild gewordenen Eisenbahnen.

Die verfluchten Piraten winken im Hintergrund

Hierzulande kaum bekannt hat die Figur des ’Lone Ranger’ einen festen Platz in der amerikanischen Popkultur. 1933 tauchte sie erstmals in einer Hörspielreihe auf, ritt ab 1949 durch eine gleichnamige Fernsehserie, war Titelheld diverser Comics und Romane. 1956 und 1958 folgten zwei Kinofilme. Diese Frühform eines Franchise zieht Hollywood-Produzenten des 21. Jahrhunderts, für die Originalität den Sündenfall bedeutet, magisch an. So hat sich mit Jerry Bruckheimer, verantwortlich für gewaltig Beeindruckendes („Black Hawk Down“, „Pirates of the Caribbean“-Tetralogie) und gewaltig Dürftiges („Nur noch 60 Sekunden“, „G-Force“), gleich ein Erfolgreicher eingestellt und mit Regisseur Gore Verbinski („Pirates of the Caribbean 1-3“, „Rango“) einen potentiellen Erfolgsgaranten an Bord gehoben. Zusammen haben sie das ’Lone Ranger’-Thema wiederbelebt und eine Art „Fluch der Karibik“ in der Steppe geschaffen. Mit zahlreichen atemberaubenden Special- bzw. CGI-Effects und einem adäquaten Hauptdarsteller. 

Als Indianer Tonto, jener Diorama-Tattergreis und mehr oder weniger treuer Begleiter des einsamen Rangers, brilliert Johnny Depp. Seine Rolle legt er als gediegene Persiflage auf esoterische Ureinwohner, findig-eigennützige (Über-)Lebenskünstler und seinen schon jetzt legendären Piraten Jack Sparrow an, der selbst bereits Travestie war. Weniger verspielt, extravagant und eitel wie dieser, ist der lakonische Tonto mindestens ebenso kauzig. Während er erzählt, wechselt seine Geschichte von der filmischen Kirmes-Gegenwart des 20. zum Westernambiente des 19. Jahrhunderts, wobei Tonto narrativen Grundton wie Verlauf der Handlung bestimmt. Ironische Brechung ist alles, Logik spielt eine eher untergeordnete Rolle. Schließlich befinden wir uns mitten in einer Legende. Da nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau.

Ein Colt und ein Depp für alle Fälle

Der naive Texas Ranger wird gestylt

Tatsächlich ist die mythische Gestalt des ’Lone Ranger’ vor allem eine Erfindung Tontos. Hinter der Maske des Rächers steckt ursprünglich John Reid (Armie Hammer), ein galanter, entwaffnend ungelenker Jurist, dessen Weg zum Helden einem einzigen Versehen gleicht. Als letzter, längst schon für tot erklärter Überlebender einer Gruppe von Texas Rangern, darunter auch sein Bruder, die bei der Jagd auf den Schurken Butch Cavendish in einen tödlichen Hinterhalt geraten sind, wird er von Tonto wieder aufgepäppelt. Höchst mißmutig wohlgemerkt, weil der lieber auf einen echten Haudegen als Partner gesetzt hätte, um seine persönlichen Vergeltungspläne umzusetzen. Stattdessen muß Tonto die Macht der Legendenbildung nutzen, um dem pazifistischen John, der nicht einmal eine Waffe zur Hand nimmt, wenigstens den Ruf eines gefährlichen Gesetzeshüters zu verpassen.

Weil ohne stilvolles Outfit auch schon im Old West nichts ging, erklärt Tonto kurzerhand die Augenmaske zum Markenzeichen des Lone Ranger. John murrt. Und fügt sich, will er doch Cavendish fangen, seinen Bruder rächen, vielleicht gar dessen schon lange heimlich geliebte Witwe erobern, das Indianergebiet befrieden, eine miese Intrige unter den Eisenbahnleuten aufdecken… also all das machen, was ein ordentlicher Draufgänger noch schnell erledigt, bevor er in den Sonnenuntergang reitet. 

Das klassische Genre entfaltet sich neu

Wie häufig im US-amerikanischen Big-Budget-Film haben (zu) viele Autoren, hier gleich vier, am Drehbuch herumgebastelt und darüber die dramaturgische Kompaktheit aus den Augen verloren. Dem schwungvollen Anfang von „Lone Ranger“, einer einfallsreichen Gefangenenbefreiung aus dem fahrenden Zug, folgen zwar herrlich schräge Buddy-Movie-Szenen zwischen Tonto und John, flankiert von witzigen Dialogen. Gleichwohl beginnt die Story etwas durchzuhängen. Schließlich wird kaum Neues aus der Prärie erzählt, wofür zweieinhalb Stunden Filmdauer dann doch etwas zu lang sind. 

Lang ja, aber nicht zwingend langweilig. Vielmehr ist „Lone Ranger“ in Gore Verbinskis flott-kreativer, mit einem verschmitzten, frechen Grinsen garnierter Inszenierung ein parodistisches Western-Abenteuer auf Eventmovie-Niveau geworden. Einerseits erzählerisch detailverliebt – selbst die Hilfsbereitschaft des Lone Rangers gegenüber einem Kind, dessen Puppe auf den Boden gefallen ist, wird noch mit einem göttlichen Gag gekrönt – schwelgt der Film andererseits in opulenten Widescreen-Panoramen. Kameramann Bojan Bazelli hat sich an klassisch-epischen Western-Einstellungen orientiert, die er immer wieder mit ungewöhnlichen Bildeinfällen verschönert. Wunderbar etwa die potenzierte Dynamik, wenn sich der über Dächer (!) reitende Lone Ranger in den Fenstern eines rasenden Zuges spiegelt.

Gerade jene Szene unterstreicht, wie lustvoll und experimentierfreudig mit Motiven wie Standardsequenzen des Western-Genres umgegangen wird. Da wirbelt der Staub, klirren die Sporen, flirrt die Luft, knallen die Gewehre, kneifen die Bösewichter ganz fies die Augen zusammen – und reiten zwei Männer auf einem blütenweißen Pferd durch die Wüste, geschützt von einem rosa Sonnenschirmchen. Auch Mainstream-Kino kann gelegentlich glorios albern sein!

Die rasanteste Eisenbahnfahrt lädt ein

Gleichwohl rutscht „Lone Ranger“ nie in banale Torheit ab, versucht vielmehr, sich zwischen Humor und Ernst elegant auszubalancieren. Selbst als ein nächtlicher, für die Comanchen verheerend endender Kampf mit der US-Kavallerie frappant nah an realer Historie vorbeischrammt, kann sich der Film dank souveräner Regie immer wieder fangen. Er will vor allem Entertainment sein, freilich gutes. Dazu tragen ausgezeichnete Darsteller wie Tom Wilkinson, William Fichtner oder Barry Pepper mit pointierten Auftritten bei. Sogar die Frauenrollen sind diesmal nicht mit Masse-Girlies, sondern Klasse-Ladys besetzt: Helena Bonham Carter als kaltschnäuzige Bordellbesitzerin und Ruth Wilson als wehrhafte Witwe. 

Und dazwischen das wahrscheinlich charmanteste Kinopaar dieses Sommers, eine postmoderne Variante von Don Quijote und Sancho Panza. Selbst mit einem zerzauselten Raben als Kopfschmuck bewahrt Johnny Depps Tonto seine bizarre Würde. Als ihm ebenbürtig erweist sich Armie Hammer, der schon in „Mirror Mirror“ komisches Talent offenbart hat und nun mit einer unwiderstehlichen Mischung aus furchtloser Naivität und treuherzigem Gerechtigkeitssinn den Wilden Westen aufmischt.

Um doch noch zum Revolverhelden zu avancieren, bekommt er jede Menge halsbrecherische Gelegenheiten, die schönste beim phantastischen Finale. Unter den schmissigen Klängen von Rossinis ’Wilhelm Tell’-Ouvertüre, einst Erkennungsmelodie der ’Lone Ranger’-Fernsehserie und nun von Hans Zimmer seinem hübschen Soundtrack beigemischt, entspinnt sich die Verfolgungsjagd zweier Eisenbahnzüge. Dergleichen ist wohl seit Buster Keatons Stummfilmklassiker „The General“ (1926) nicht mehr mit soviel Ausgelassenheit präsentiert worden. Die Gesetze der Vernunft sind aufgehoben, es triumphieren Kinetik, Action, Spaß. Das ist reines Vergnügen und Kino pur!

Also: „Springen Sie auf, verehrte Herrschaften, und gönnen sie sich einen furiosen Kinotrip! Er wird sie nicht ans Ziel aller (Film-)Träume bringen… aber wer will schon ankommen, wenn er immer weiterfahren kann?!“


Lone Ranger

Regie: Gore Verbinski

Darsteller: Johnny Depp, Armie Hammer, Tom Wilkinson, William Fichtner, Barry Pepper, James Badge Dale, Ruth Wilson, Helena Bonham Carter

Im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

LONE RANGER auf Facebook: www.facebook.com/LoneRangerDerFilm 

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