Die Wiege aus Stein

Elijah Smith und seine Mutter Clementina gehören zum fahrenden Volk, das es am Ende des 19. Jahrhunderts in England nicht einfach hat. Elijah wächst ohne Vater auf und bekommt von seiner Mutter die Romani-Bräuche beigebracht. Häufig campieren sie mit anderen Familien zusammen und stellen ihre eigene kleine Gesellschaft dar. Doch dann verliebt sich Elijah ausgerechnet in Rose, eine Sesshafte, und heiratet sie. Als Clementina nach dem Tod ihres Mannes zu den beiden zieht, sind Ärger und Unglück vorprogrammiert, denn Rose und Elijah müssen feststellen, dass sie aus zwei völlig unterschiedlichen Welten stammen. Doch Rose gibt nicht auf und schon gar nicht will sie ihrer lästigen und merkwürdigen Schwiegermutter klein beigeben.

Die Geschichte beginnt an einem Grab

Das Buch beginnt mit der Szene, in der Clementinas Sarg abgeholt und sie auf dem Friedhof begraben wird. Elijah lässt sie im gleichen Grab mit seiner toten Frau Rose bestatten. Die Ironie dieser Handlung versteht der Leser jedoch erst am Ende des Buches. Jedoch weiß der Leser schon früh, dass Clementina ihre Schwiegertochter um 20 Jahre überlebt hat. Von diesem Prolog wechselt die Erzählperspektive im nächsten Teil in die von Clementina, die aus ihrer eigenen und Elijahs Kindheit und Jugend zwischen den Jahren 1875 und 1895 berichtet.

Im Anschluss wechselt die Geschichte zu Rose, die ihrer Sicht der Dinge von 1877 bis 1901 darstellt. Dieser Wechsel wiederholt sich, sodass Rose zweimal und Clementina dreimal zu Wort kommt. Jeder dieser Teile umfasst mehr oder weniger 20 Jahre, wobei sich die Ereignisse manchmal überschneiden, jedoch nie redundant sind.

„Du wirst den Kummer mit Löffeln fressen“

Elijah Smith wird auf einem Friedhof geboren, genauer gesagt, direkt auf einem Grabstein. Und ab diesem Moment bringt er seiner Mutter nur noch Unglück, oder zumindest ist sie sehr überzeugt, mit diesem Kind nur Scherereien haben zu werden. Elijah bleibt auch ihr eigenes Kind und bis zu ihrem Lebensende hütet sie das Geheimnis um seinen unglückseligen Vater. Doch dann wird deutlich, dass Clementina ihren Sohn gar nicht anders sehen kann, und doch liebt sie ihn abgöttisch. Als sie bei Elijah und Rose einzieht, prophezeit sie Rose jedoch, dass diese den „Kummer mit Löffeln fressen“ werde.

Denn Elijah ist ein Nichtsnutz und Taugenichts. Lange Zeit hat er keine feste Arbeit und die Familie muss hungern. Zudem trinkt er viel und braucht immer wieder seine Phasen, in denen er von Zuhause wegbleibt – ein Erbe seiner Romani-Kultur. Das alles ist für Rose nur schwer erträglich und belastet die Ehe neben der Anwesenheit von Clementina noch zusätzlich. Die Familie leidet unter dieser Situation, sodass sich zwischen Elijah und seinen Kindern keine feste Bindung entwickelt und die Familie nur durch Rose zusammengehalten wird.

Von „Büldunck“ und „Hexperimenten“

Etwas belastend ist der Dialekt von Clementina, die nie eine Schulbildung erhalten hat und somit das Englisch der Unterschicht in Arbeitergegenden spricht, dass auch mit Dialekt übersetzt wurde. Auch Roses Sprachstil ist eher umgangssprachlich, allerdings gebildeter und besser zu lesen. Hinzu kommen zahlreiche Sätze in Romani, die leider nie übersetzt werden und zu denen sich auch kein Anhang findet. Das ist eigentlich mein größter Wehrmutstropfen beim Lesen gewesen, denn Clementina klingt teilweise wie ein kleines naives Kind. Trotzdem ist ihr Charakter so konzipiert, dass sie sich dessen bewusst ist und Elijah zur Schule schicken will. Dieser Versuch geht jedoch gründlich daneben, sodass auch Elijah später keine Schulbildung hat.

Leseempfehlung?

Die Wiege aus Stein ist ein sehr interessanter „historischer“ Roman anderer Art. Es geht um kein Edelfräulein, dass einen Ritter sucht, sondern um bodenständige Menschen, die nur ein Auskommen wollen und durch eine ungewöhnliche Liebesbeziehung zusammengeworfen werden, obwohl sie nicht dafür geschaffen sind, gemeinsam zu leben. Ich konnte aus diesem Buch viel über das Leben der Fahrenden lernen und auch über die Behandlung, die sie – wahrscheinlich in ganz Europa, hier aber am Beispiel von England – erfahren haben. Ich denke, teilweise herrschen diese Behandlungsweisen auch heute noch vor.

Allerdings liest sich dieses Buch nicht so einfach weg, sondern erfordert vom Leser Aufmerksamkeit und Geduld – zumindest was Clementinas Dialekt angeht. Es ist tiefgründig und die Charaktere sind gut ausgearbeitet. Zudem sind die Konflikte und allgemeinen Probleme sehr gut dargestellt. Auch wird deutlich, dass in den damaligen Zeiten und unter den gegebenen Umständen kein Raum für Romantik war und eine Liebe sehr leicht zerbrechen konnte.

anushka

Louise Doughty

Die Wiege aus Stein
416 Seiten
8,95 Euro

Goldmann



Stand Januar 2010
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