Die Wahl des Discounter ist ein Frage des innersten Selbst!

Auch ich unterliege der Notwendigkeit der Selbstversorgung und verbringe so manche Stunde in der Woche damit, abends durch Discounter zu huschen. Manchmal ist das richtig nett, man sollte aber den Discounter nach Stimmung wählen.

Bei ALDI hat man zu funktionieren

Wenn ich ein “Tengelmann” bin

Ein Besuch bei Tengelmann, REWE oder EDEKA hat fast schon etwas mondänes, luxuriöses. Das sind Supermärkte der Besserverdienenden, die an Samstagvormittagen oder eine halbe Stunde vor Ladenschluss am schönsten sind. Leute aus dem Viertel, man sieht und kennt sich und führt locker-flockige Plaudereien an der Wursttheke. Ich fühle mich immer deutlich erfolgreicher und gutsituierter als ich tatsächlich bin, wenn ich durch den Tengelmann flaniere.

Da wird nicht so auf’s Geld geschaut und der „junge Mann“, der nur Zigaretten und Chips kauft, gerne mal nach vorne gewunken. Viele geldverdienende Single-Frauen sind anwesend, die sich Convenience-Obst kaufen und dabei einfach sehr hübsch anzusehen sind.

Ich gehe gerne abends so halb acht nach einem Spaziergang noch eine Runde in einen dieser Luxus-Supermärkte, kaufe irgendwas Kleines, Abgefahrenes und lächle am Ende einer Convenience-Obst-Frau zu, die dann hoffentlich denkt, ich sei ein erfolgreicher und gutsituierter Bohemian, der sich noch schnell eine Tüte Wasabi-Erbsen geholt hat, um sich gleich zuhause einen Film auf arte anzusehen, nachdem er einen Scheit Holz in den Kamin gelegt hat.

“ALDI” ist kein Spaß!
Wenn ich im entferntesten an so etwas denke, habe ich bei ALDI nichts verloren. Der ALDI-Besuch ist eine bierernste Sache, die höchste Konzentration voraussetzt. Es geht um Waren und Geld. Business. Nirgendwo sind die Regeln so klar, nirgendwo wird ein Verstoß gegen diese Regeln so grausam geahndet.

Regel Eins: Es gibt kein Zurück. Der Wagen wird entgegen dem Uhrzeigersinn durch den Laden gesteuert, man packt ein, man bleibt nicht stehen, und ganz wichtig, man fährt nie zurück.

Regel Zwei: Kein Heckmeck im Kassenbereich. Konzentriert funktionieren ist die Devise. Nicht nach Tüten fragen, sondern entnehmen und aufs Band legen. Wagen vor sich herschieben und nicht nachziehen. Wer das nicht weiß, wird vom gesamten Laden gesteinigt. Und das völlig zurecht.

Das Schlussszenario ist aber auch so schlimm genug für den zahlenden Kunden. Während man noch hektisch Waren vom Band in den Einkaufswagen räumt, ist der Kassierer schon längst fertig und knallt einem eine lächerlich geringe Summe um die Ohren. Jetzt beginnt man ebenso hektisch in seinem Geldbeutel zu kramen, während der Kassierer einem demütigenderweise die restlichen Waren einräumt.

In diesem Zusammenhang treten noch zwei weitere Regeln in Erscheinung: Die Einkäufe werden keinesfalls direkt in die Einkaufstasche geräumt, sondern erst einmal in den Wagen. Weiterhin: Die woanders sinnvollen Versuche à la „Warten Sie, ich habe 3 Cent“, sind hier weder erwartet noch gewünscht. Einfach Schein geben, Maul halten und Bahn freimachen.
Wenn man das Wechselgeld erhalten hat, hat man an der Kasse nichts mehr verloren!

LIDL ist sehr ähnlich wie ALDI, nur dass es hier immer im Uhrzeigersinn geht. Durch regelmäßige Besuche kommt man auf Dauer auch hinter die geheimen Codes des umstrittenen Discounters. Wenn es zweimal klingelt, heißt das, dass gleich eine zweite Kasse öffnet. Wenn es viermal klingelt, öffnet in Kürze Kasse 4. Wenn das Lichtsignal an der Decke leuchtet, sind beide Pfandautomaten voll.

LIDL hat zudem die geschicktesten Fälscher. Man beachte in diesem Zusammenhang nur das hauseigene Toilettenpapier, das geschickt den Qualitätsmarktführer “Charmin” durch Benutzung eines Bären imitiert.

Zudem wird man vermutlich gefilmt. Geheime Nachrichtencodes, versteckte Kameras … bei LIDL fühlt man sich immer ein wenig wie der Spion, der aus der Kälte kam.

ALDI und LIDL, hier ist man nicht zum Spaß …

Die Waren der Anderen …

Irgendwo zwischen diesen Extremen bewegen sich die anderen Supermärkte. Plus stellt sich vom Warensortiment her betrachtet auf den Standpunkt: Bekannt und bewährt. Abgefahrene oder brandaktuelle Produkte sucht man hier vergebens. Leider haben “die kleinen Preise” mittlerweile die hohe Kunst des feinen Humors aufgegeben, was die Namensgabe der Hausmarken angeht: Toilettenpapier hieß früher mal “Spagat”, die Papiertaschentücher “Tatü”.

Mutiger sind da schon die Exoten Norma und Netto, die gerne auch mal mit italienischen Wochen überraschen und sich ganz konsequent an No-Name-Produkte halten. 

Besonders in der Alkoholikaabteilung ist da viel Phantasie gefragt, wenn es heißt, zwischen Alias-Campari und Ramazotti-Surrogat zu unterscheiden. Grundverwirrt sollte man diese Läden also nicht aufsuchen.

Acht von zehn Betrunkenen würde sich für Penny entscheiden

Als Schmuddelkinder der Discounterschule kommen zuweilen die Pennymärkte daher. Irgendwie stehen überall lauter Kartons rum, es ist immer zu voll. Obst und Gemüse werden hier ganz konsequent in Elefantenkäfigen gelagert und kommen erst danach in den Verkauf. Dafür verfügen die Pennys über das hilfsbereiteste Personal und die besten Feinkostabteilungen aller Billigmärkte. Alles was per se in Öl oder Essig eingelegt in Gläser abgefüllt werden kann, findet sich hier. Und dies zu unschlagbar günstigen Preisen. Zudem gilt das Red-Bull-Surrogat Bullit als wohlschmeckendster Energydrink überhaupt.

Auch beim Billigbier scheint Penny die Nase vorn zu haben – so man den Einkaufsgewohnheiten von Pennern Glauben schenken mag. Das würde zudem den Namen dieses Discounters erklären …

Man kann sagen, was man will, aber Penny nimmt einen einfach so, wie man ist: unerfolgreich und schlechtsituiert. Und das ist manchmal auch ganz schön.

academicworld-Autor Urban Buhmann lebt in München und streift ausgiebig durch Straßen, Bars und Grünflächen.


Stand Februar 2012

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