Die verbotene Frucht des Leibes

Diese Woche hat der deutsche Bundestag über das PID Verfahren debattiert und abgestimmt: Die Suche nach erbkranken Genen beim befruchteten Zellklumpen vor der Einpflanzung in den Mutterleib ist jetzt in Deutschland in engen Grenzen erlaubt. D.h. Eltern, die Gefahr laufen ihrem zukünftigen Kind eine schwere Erbkrankeit weiter zu geben, dürfen die befruchteten Eizellen untersuchen lassen, um der Mutter dann nur gesunde Eizellen einzupflanzen. Die großen Fragen (neben der Frage was mit den restlichen befruchteten Zellen passiert) waren: Laufen wir nicht Gefahr damit den ersten Schritt zum Designerbaby zu gehen? Werden nicht alle behinderten Menschen dadurch abgewertet?

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin, Foto: Privat

Jede Mutter, jeder Vater wünschen sich ein gesundes Kind. Sie möchten für ihr Kind kein Leid: Sie möchten nur das Beste für ihr Kind. Aber was ist das Beste?

95% der Föten mit Down Syndrom werden heute abgetrieben. Kaum eine Mutter möchte anscheinend sich selbst ein Kind mit einer solchen Behinderung zumuten. Die Kinder selbst sind bekanntlich sehr glückliche, liebenswerte Menschen, die oftmals weniger unter ihrer Behinderung leiden, als ihr Umfeld. Leider haben sie keine hohe Lebenserwartung und können in den seltensten Fällen je für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Wessen Leid wird hier also verhindert?

Jede Mutter, jeder Vater wünschen sich ihr Kind gesund heranwachsen zu sehen, stolz auf dieses Kind zu sein, ihm beim Erreichen seiner Ziele zu helfen, vielleicht irgendwann sich selbst in den Enkeln wiederzufinden (und damit denn Sinn des eigenen Lebens) und alle Anstrengungen dort aufgehoben zu finden. Dafür wird das Kind schon in der Kita mit Englisch oder Chinesisch beschallt, mehrsprachig aufwachsende Kinder werden von anderen Eltern beneidet, die Grundschuljahre stehen unter dem Druck des Auswahlverfahrens für das Gymnasium, eine Realschuleinstufung kommt schon fast einem kompletten Lebenserfolgsbankrott gleich und wird von Eltern nur mit großem Schamgefühl und vielen Entschuldigungserklärungen zugegeben, das Abitur erfolgt auf Privatschulen, die weitere Ausbildung ebenso und schließlich ist der Klang des Namens des Arbeitgebers für die stolzgeschwellte Elternbrust entscheidend und später auch noch der des Partners dieses herangewachsenen Kindes: „Mein Schwiegersohn ist ja Anwalt, Arzt, Vorstand“?

Und nebenher werden eine Kindheit und Jugend lang Fotos gezeigt und kommentiert mit Begriffen wie süß, hübsch, stramm, schöne Augen etc. und der Sohn hat dann hoffentlich das Zeug für eine bildhübsche Freundin, denn der potentielle Ehepartner wird immer in Hinblick auf eine „gute Partie“ beurteilt.

Unsere Arbeitgeber wollen nur die „Besten“, das Bewerbungsfoto ist entscheidend, schon geringe Gewichtsabweichungen können vielfach zum Ausschluss führen. Selbst die katholische Kirche, die so sehr gegen die PID gewettert hat, die uns das „Gottesspiel“ verbieten möchte, züchtet sich ihre Eliten heran, setzt auf die Intelligenten in ihren Reihen, die ihre Sache, ihre Macht, den altehrwürdigen Laden möglichst weit nach vorne bringen!

Jede Mutter, jeder Vater machen sich Gedanken, wenn das eigene Kind nicht den vorgewünschten Weg geht, vielleicht sogar erheblich vom Weg abkommt oder auch nur keinen Partner findet und im Job unglücklich wird. Man stellt sich als Eltern dann wieder und wieder die Frage nach seinem eigenen Zutun, der eigenen Schuld.

Mal abgesehen davon, dass die PID Eltern mit Erbkrankheiten viel Leid erspart, ist es absolut bigott zu glauben, unser gesamtes menschliches Leben stände nicht unter dem Regime von Auswahlverfahren. Der Mensch wertet, das ist Bestandteil seiner sozialen Strategie in der Gruppe, die mit diesen sozialen Strategien das Überleben sichert.

Möchte unsere Familienministerin Frau Schröder ein behindertes Kind zu Welt bringen oder eines von dem sie weiß, dass es schon früh an Alzheimer erkranken wird? Vielleicht ist ihr die Haarfarbe egal, aber sicher nicht seine Gesundheit! Die christlichen Politiker hatten vor kurzem noch einen sehr attraktiven, sehr smarten und scheinbar sehr intelligenten Politiker in ihren Reihen, dessen großes angeborenes politisches Talent über die Maßen von der eigenen Partei gelobt und genutzt wurde um Wählerherzen zu gewinnen. Aber vielleicht gibt es ja mal irgendwann eine PID für das Betrügergen?

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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