Die Selbst-Lob-Lüge

Lange dachte man, Depressive würden die Welt schlechter wahrnehmen, als sie ist. Doch eine Studie in den 70er Jahren in den USA hat bewiesen, dass Depressive und Pessimisten die Welt und sich selbst darin realistischer einschätzen, als sogenannte psychisch-gesunde Menschen: Bei einem Versuch sollten die Teilnehmer einen Knopf drücken, um ein grünes Licht zum Leuchten zu bringen. Ab und zu gelang dies aber nicht. Nach vielen hundert Versuchen sollten sie ihre Erfolgsquote beschreiben. Die depressiven Studienteilnehmer schätzten ihren Erfolg, bzw. ihr Versagen sehr viel objektiver ein, als die gesunden Teilnehmer, die sich immer überschätzten (Alloy/Abramson-Studie). Traurige Menschen sind also die größeren Realisten.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Bleibt natürlich die Frage, warum die Natur unsere Selbstüberschätzung so eingerichtet hat. Die Antwort ist einfach: Je besser wir uns einschätzen, je weniger wir an uns zweifeln, umso überlebensfähiger sind wir – erstmal. Wir treten selbstbewusster auf und erreichen somit mit höherer Wahrscheinlichkeit die übersteigerten Ziele, die ein Pessimist erst gar nicht angehen würde. Und so manch einer würde sich wohl einen Strick kaufen, würde er sein Leben in seiner Langeweile realistisch erfassen – jenseits seiner geschönten Chronik auf Facebook, mit all den optimierten Urlaubsfotos, pseudospannenden Aufnahmen aus seinem Alltag (toll, was ich für Spaghetti gerade auf dem Teller habe) und vermeintlich witzigen Fremdbildern (Wahnsinn, was mir wieder von you tube geschickt wurde und was ich jetzt allen anderen weiter geben kann), die man dem eigenen Leben/Verdienst/Ansehen dann zuordnet.

Doch wer den Fremd- und Selbstbeschiss jetzt geheiligt sieht, der sei gewarnt. Die Selbstüberschätzung geht immer mit der Illusion einher, man hätte eine größere Kontrolle über sein Leben und mehr Einflussmöglichkeiten auf sein Umfeld, als es wirklich der Fall ist. Besonders fatal wird der Fehler in der Kindererziehung. Die eigenen Kinder ständig zu überschätzen und die Schuld an den Widrigkeiten immer anderen zuzuschieben (schlechte Noten, renitentes Verhalten, Drogensucht, gescheiterte Ausbildungen und mangelnde Bindungsfähigkeit: alles Schuld der Lehrer, Kindergärtner, Oma, Gesellschaft, Bildungssystem, Politik, Globalisierung), rührt immer von der Selbstüberschätzung der Eltern, die entweder ihr Kind für die Bestätigung der eigenen Selbstüberschätzung missbrauchen oder die eigenen massiven Fehler in ihrem Verhalten und der Kindererziehung nicht sehen wollen. Bis zum geht-nicht-mehr wird verleugnet und damit allen Beteiligten die Möglichkeit zur Veränderung genommen. 

Ein befreundeter Kinder- und Jugend-Psychologe, dessen ganzer Beruf auf der Erkenntnis der Eltern-Kind-Bindung und ihrer Tragweite beruht, ließ sich neulich sogar zu der Aussage hinreißen, dass „die Eltern doch nicht an allem Schuld sind“. Seine Tochter war drogenabhängig geworden und als er die Augen davor nicht mehr verschließen konnte (die Polizei stand vor der Tür, das Mädchen musste in eine Entzugsklinik), war es natürlich gerade für ihn in seinem Beruf nahezu unmöglich, sich das eigene Versagen einzugestehen. Und plötzlich wurde im Stammbaum nach einem „Alkoholiker-gen“ und in der Schule nach „schlechtem Umgang“ gesucht. Mittlerweile ist er auf dem Standpunkt: „Sie muss selber wissen, was sie tut, sie muss ja mit einem kaputten Körper leben.“ Damit widerspricht er seiner täglichen Arbeit, seinem Wissen und Berufsethos – nur seinem unrealistischen Selbstbild als Erzieher widerspricht er nicht (auch wenn er selbst täglich predigt, dass sich andere Eltern in dieser Situation, als grundlegenden Schritt in die richtige Richtung, tiefgreifend die eigene Schuld eingestehen müssen, um ihren Kindern wirklich zu helfen und einen Neuanfang zu ermöglichen).

Nur wer sein Scheitern wirklich im Zusammenhang mit seinem eigenen Handeln, seinem falschen Selbstbild und  Weltbild analysiert, durch die schmerzhafte Täuschung und ihre Gründe hindurch geht, hat die Chance, etwas zu verändern und nachhaltig zu verbessern. Doch oft genug gibt der kleinste Grund zum Optimismus wieder so viel Energie zur Selbsttäuschung, dass wir zu gerne wieder die rosa Brille aufsetzen. Auf Dauer lassen also depressive, selbstzweifelnde Phasen, in denen man sich mal mit seinen Überzeugungen und Masken, Rollenbildern und seiner Selbstherrlichkeit tiefgreifend in Frage stellt, das Leben besser bewältigen. Das kann damit beginnen, sich zu fragen, wie toll der Urlaub wirklich war, von dem man gerade seiner Freundin vorschwärmt oder wie realistisch die eigene Kompetenz eigentlich ist. Für Fortgeschrittene kann es auch die Frage nach der Durchschnittlichkeit der eigenen Kinder sein oder der eigenen Individualität im Umfeld anderer BMW-Fahrer.  Also: Auf ein realistisches 2014 – und dass uns dadurch Schmerzen 2020 erspart bleiben mögen.

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