Die Sache mit dem Realitätsempfinden

Robin Wright ist die Schauspielerin, die sich nicht traut. Beziehungsweise immer Ausflüchte findet, einen Film nicht zu drehen. Zeitgleich wird sie immer älter – das ultimative Beil einer Schauspielerin. Ihr allerletztes Angebot: Sie soll vollkommen digitalisiert werden. Freie Wahl oder vollkommene Aufgabe des Selbst?

The Congress – wo das Leben bunt und flexibel ist. © Pandora Filmverleih
The Congress – wo das Leben bunt und flexibel ist. © Pandora Filmverleih

Robin Wright ist eine hübsche, blonde Schauspielerin. Doch sie hat eine Macke: Sie findet immer wieder an den Haaren herbei gezogene Ausflüchte, warum sie einen Film eben nicht drehen kann. Es kommt, wie es kommen muss: das finale Angebot. Verweigert sie, wird sie nie wieder für eine Rolle vorgeschlagen. Doch so einfach ist die Entscheidung nicht, denn es geht nicht um irgendeinen Part in irgendeinem Film. Man will Robin digitalisieren. Ihr Lachen, ihre Tränen, ihre Gestik, ihre Stimme – alles technisch so erfassen, dass ihr digitales Alter Ego künftig per Computer in Filmproduktionen eingesetzt wird. Im Gegenzug erhält sie eine stattliche Summe und muss sich aus dem Leben zurückziehen. Schließlich will man den Menschen/ Zuschauern ihr digitales Alter Ego als Realität verkaufen.
Sie entscheidet sich dafür.

Die echte-echte Robin Wright ist Geschichte. © Pandora Filmverleih
Die echte-echte Robin Wright ist Geschichte. © Pandora Filmverleih

Jahre später, als ihr Vertrag ausgelaufen ist, kehrt sie zurück und soll als Gast auf dem futurologischen Kongress eine Rede halten. Die Veranstaltung findet in einer voll animierten Zone statt. Heißt: Als Robin sie betritt, ändert sich die komplette Wahrnehmung – alles und jeder ist animiert. Doch so friedlich wie alles scheint ist es nicht. Die oberflächliche Feierstimmung beginnt zu brodeln, als eine Untergrundbewegung der digitalen Welt die Revolution ansagt. Auch wenn es scheinbar schon zu spät ist.

Die Kritik

The Congress ist ein Film von Ari Folman, der erstmals mit „Waltz with Bashir“ international so richtig auffiel. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen aus dem Libanonkrieg seiner Jugend. Bereits hier mischt er „reale“ Filmsequenzen mit animierten. Dabei bedient er sich glücklicherweise nicht den aktuellen Zeichnungsstilen. Seine ‚Animés‘ erinnern an die Comics unserer Jugend – geradezu simpel. Dabei zeigen sie aber ganz genau, wie künstlich und abstrakt die fully animated zone ist.

Absolute Freiheit?

Wie „toll“ diese animierte Welt ist, zeigt sich an der Vielfalt der Persönlichkeiten. Jeder kann sich aussuchen, wie er aussehen möchte. Egal welche Farben, welche Formen, welche Körper – alles ist eben möglich. Es zeigt sich, dass Elvis definitiv nicht so tot ist, wie andere es gerne behaupten. Das heißt natürlich nichts anderes, dass sich ein ganz anderer Mensch hinter der Fassade des Elvis versteckt. Man weiß eben nicht mehr, wer ‚echt‘ ist oder ‚woran man ist‘. Die Grenzen verfließen nicht nur, sie existieren schlichtweg nicht mehr. Ist das ein Szenario, mit dem die Menschheit auf Dauer klarkommen wird?

Not so shiny – die andere Seite der neuen Realität. © Pandora Filmverleih
Not so shiny – die andere Seite der neuen Realität. © Pandora Filmverleih

Der Blick in unsere Zukunft?

Wie das aussehen könnte, sieht man an der Gruppe Menschen, die sich der künstlichen Welt versagt haben. Diese Welt ist grau, braun und trist. Sie wirkt wie abgestorben und bildet damit den absoluten Gegensatz zur schrillen Welt der digitalisierten Lebensart. Und wer möchte, kann per Injektion direkt ins andere Leben hinüber geschickt werden. Weil es so viel einfacher ist und so viel mehr Vergnügen bringt, als die ‚originale Realität‘. Bleibt die Frage: Ist das animierte Leben dann trotzdem noch Leben? Die Frage wird sich wohl jeder selbst beantworten müssen. Denn letztendlich ist es dem Konzept „Freiheit“ zu verdanken, seine eigene Wahl zu treffen. Und was sagt Ari Folman damit letztendlich? Die Menschheit ist ganz schön schwach. Lieber tript man sich in den Wahnsinn als es mit der Realität vorlieb zu nehmen. Das ist ein Urteil, das einem Magenschwinger gleicht. Und von uns dringend ernstgenommen werden sollte.

Ein Film, der in einem kein gutes Gefühl hinterlässt. Aber auch kein drohendes. Eher ein mulmiges, das wie ein Knoten schwer im Magen liegt. Und der Eindruck, noch längst nicht alle Aussagen von Ari Folman verstanden zu haben, die er in die Bilder und Szenen verwebt hat.

Sehr gehaltvoll. Sehr anschauenswert.

Wer von dem Film im Übrigens nicht genug bekommen kann, sollte sich das Buch “der futurologische Kongress” zu Gemüte führen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

The Congress

Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel, Jon Hamm, Kodi Smit McPhee
Regie: Ari Folman
Seit dem 13. Juni im Handel, Verkauf durch Pandora Film.

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