Die Lebensgeschichte einer Erzählerin

Jeder kennt ihre Bücher – und egal wie alt wir sind, ihre Helden wie Pippi Langstrumpf werden für immer einen Platz bei uns haben. Doch wie sah das Leben der Autorin aus?

Wer, wenn nicht ein Autor mit dem Nachnamen Andersen dürfte die Biografie über eine weitere Autorin schreiben, die ihr schriftstellerisches Leben den fantastischen Vorstellungen von Kindern gewidmet hat? Und so traf das Los Jens Andersen, der sich der Aufgabe mit bewundernswerter Hingabe gewidmet hat.

Herausgekommen ist das Bild einer Frau, die sich selbst erst in späten Jahren mit der Politik in Europa beschäftigt hat und dann auch eher oberflächlich. Die eigentlich ein normales Arbeits- und Familienleben lebte, bevor sie mit ihrem ersten Buch einen Erfolg feiern konnte. Weil sie Geschichtenerzählerin war, aber das noch lange nicht zwangsläufig zu einem Leben als Autorin führte in ihren Augen.
Für unsere Generation ist es vielleicht wichtig, das auch mal zu sehen, also wie spät eine Karriere beginnen kann. Wer von uns fühlt sich nicht, als müsste direkt nach der Uni die Treppe steil nach oben gehen, als wäre es gesellschaftlich inakzeptabel, wenn es nicht so wäre? Diesem Gedanken sollte sich jeder mal zu Gemüte führen …

Stattdessen wurde sie extrem jung Mutter, war mit mehr als einem Mann verheiratet (zu der damaligen Zeit …) und wollte eigentlich nichts anderes, als ein gechilltes Leben zu führen. Sie beobachtete ihre Kinder, notierte sich ihr Verhalten und leitete sich daraus nicht nur Schlussfolgerungen über Menschen ab, sondern auch Handlungsweisen für ihre Pro- und Antagonisten in ihren Büchern. Dass sie dabei ihre Geschichten auf einem Block notierte, kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Am Ende war sie dann eine sogenannte weise Frau, die von allen Seiten Anfragen für Ratschläge bekam und wie keine Kinderbuchautorin sonst in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stand.

Na, entspricht das auch nicht den Vorstellungen, die ihr von der berühmten Kinderbuchautorin im Kopf hattet? Dann lohnt sich der Blick in die Biografie von Jens Andersen. Im Gegensatz zu vielen anderen Biografien schreibt er nicht trocken, verherrlicht Astrid Lindgren nicht und zweifelt auch mal offen deren eigenen Aussagen an – mit Belegen, warum eine andere Vermutung nahe liegen könnte. Dazwischen finden sich richtig viele Bilder und handschriftliche Notizen, die den Text über ihr Leben auch noch mal zusätzlich auflockern. Außerdem ist das Buch in handliche Kapitelchen unterteilt, sodass man es ruhig mal aus der Hand legen kann und zu einem besseren Zeitpunkt wieder einsteigen. Eine absolut lohnenswerte Bio!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Jens Andersen. Astrid Lindgren – ihr Leben.
DVA. 26,99 Euro.

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