Die globale Psyche

Nachdem mit dem ersten Weltkrieg die archaische Werteordnung vom Geburtsrecht (Adelsvorherrschaft, Kolonialismus, Patriachat) zum Glück endgültig erledigt war in den Ländern der sogenannten westlichen Kultur, kam es zur Herrschaft des kapitalistischen Zeitalters: Konsumbefriedigung bis zur Sinnlosigkeit (anfangs gefördert durch die verdrängten Grauen des zweiten Weltkriegs, dann aus zunehmenden Mangel an Alternativen). Doch der Konsum wurde auch ein Garant einer (zumindest äußerlich) friedlichen Welthandelsgesellschaft: Der Kapitalismus hat politische Systeme wie den Kommunismus in Russland oder China zu Fall gebracht (wenn auch nicht die dazugehörige Machtriege und Korruption) und auch Diktaturen wie im Iran allmählich unterwandert: Der liebe Gott sieht im Vergleich zu Waschmaschine und Handy ziemlich alt aus.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Warum aufs Paradies im Jenseits warten, wenn weit mehr als 72 junge Frauen im Internet Anzeigen schalten? Mit dem Internet hat der Kapitalismus eine Art Turbo bekommen. Konsum, Globalisierung und Internet haben für einheitliche Werte gesorgt: nach und nach wurden alle Völker und Kulturen auf Gucci, Audi, L´Oreal und Justin Bieber eingeschworen. Wer davon ausgeschlossen bleibt, bombt sich lieber in die Luft oder versucht, über das Mittelmeer oder den Zaun von Mexiko ins Konsum-Paradies zu gelangen (immerhin glauben diese Menschen noch an etwas). Afrika ist lange abgehängt, auch wenn immer mal wieder eine Hoffnung aufblüht, weil an manchen Stellen Bodenschätze ausgebeutet werden und alle jetzt Handys haben.  Doch Kommunikation ohne Inhalt nützt wenig.

Insofern hat es den Anschein, als wären wir in eine Gesellschaftsordnung vor dem ersten Weltkrieg zurückgefallen – jedenfalls global gesehen. Man wird durch Glück in‘s richtige Land, in die richtige Familie geboren: Unterschichten-Kinder haben als White Trash genauso wenig Chancen, wie die meisten Menschen in Entwicklungsländern (Mädchen wieder mal allen voran). Doch nun kommt es erneut zu einem Umbruch, vergleichbar dem Eintritt in‘s technische Zeitalter nach dem ersten Weltkrieg. Keiner weiß, wo es jetzt hin geht und alle haben Angst etwas zu verlieren. Zuerst sterben Berufe aus, wie seinerzeit der Laternenanzünder oder der Buttler: Werbung und Journalismus geht es diesmal an den Kragen. Doch das hat auch Vorteile: Die Menschen sind nicht mehr so steuerbar, wie durch 5-7 Fernsehsender und ein paar Meinungsmacher. Sie haben keine Zeit mehr, die großen Zeitungen zu lesen und bekommen ihre kleinen Info-Häppchen umsonst im Internet. Die Werbung ist verzweifelt: Zu oft das Gleiche, zu verlogen, zu viele Produkte, die keiner mehr braucht. Wer glaubt schon, dass man sich mit 7 hintereinander geschalteten Rasierklingen noch besser rasieren kann, als mit fünf oder drei. Es wird zum Teil aberwitzig. Wie weiß soll Wäsche noch werden? Wäre das Leuchten weißer Laken der Waschmittelwerbung echt, wäre die Energiewende leicht geschafft, ganz ohne Solar und Windräder.

Die menschliche Natur ist begrenzt in Bezug auf ihre Bedürfnisse und – wie sich gerade zeigt – auch in Bezug auf ihre Träume und ihre Lebenszeit, die sie dafür zu opfern bereit ist. Wir sind am Maximum der Stellenstreichungen und der möglichen Arbeitszeit der übriggebliebenen Leistungsträger angekommen. Die Lebensqualität nimmt ab (bei Menschen mit und ohne Arbeit) und wir fragen uns zunehmend, warum wir im Hamsterrad bleiben sollen, dass uns zu immer mehr Leistung zwingt, um uns dann das hart verdiente Geld wieder aus der Tasche zu ziehen, mit Produkten gegen den Frust, für unser vermindertes Selbstwertgefühl oder gegen die zunehmende Verlust-Angst. Aggressivität und Intoleranz nehmen im gleichen Maß zu, wie der Gemeinschaftssinn und die Hilfsbereitschaft nachlassen.

Einige in diesem System sind sehr reich geworden, aber auch die plagen zunehmend Sorgen: Die Steuerflucht wird immer schwieriger und man läuft Gefahr, seinen Ruf für immer in der Öffentlichkeit beschmutz zu sehen, wenn man erwischt wird (und das ist eine der wenigen Schwachstellen reicher Leute: Einen guten Ruf und Glaubwürdigkeit kann sich auch ein Herr Zumwinkel, Maschmeyer, Hoeness nicht kaufen, genauso wenig, wie irgendein korrupter Diktator aus dem fernen oder nahen Osten: ein kleiner Trost der Gerechtigkeit in der global vernetzten Gemeinschaft). Und dann gibt es noch das große Problem: Wohin mit dem vielen Geld der globalen Geldschwemme? Kaum mehr wirkliche Investmentmöglichkeiten mit Rendite tun sich auf, um das viele billige Geld noch zu spürbaren Gewinnen zu investieren. Das hat sich gerade am Twitter-Börsengang gezeigt. Das sinnlos-überschüssige Geld (Entlassungen, Umweltsünden und Steuerflucht abgetrotzt), stürzte sich auf eine Firma, die Klatsch verbreitet und intime Details aus Promileben und davon lebet, dass Menschen irgendwas zuerst gewusst haben wollen. Das hat bisher keine Gewinne gemacht (wie gesagt: Kommunikation ohne Inhalt bringt nix), generiert aber wenigstens noch etwas Hoffnung. Innerhalb von kürzester Zeit lag der Wert dieser Hoffnung beim Doppelten vom Ausgabepreis. Doch worum geht es bei der Gewinnhoffnung von Twitter eigentlich? Um das Ausspionieren und Verkaufen von Kundendaten. Doch kann man die konsumunwilligen Bürger noch weiter durchleuchten und deren Daten noch weiter verkaufen, als es ohnehin schon durch andere Internetportale wie Facebook und Co passiert ist? Was bringt es der Industrie, wenn die maßgeschneiderte Werbung nicht mehr wirkt? Ich jedenfalls habe noch nie ein einziges Buch gekauft, obwohl mich Amazon ständig darauf hinweist, was mir gefallen soll. Ich habe ja auch nicht mehr Geld, das ich in dieses ewige Gewinnstreben der Firmen investieren könnte und darüber hinaus immer weniger Lust und Zeit… 

Indien, China und Brasilien laufen Gefahr, durch ihre archaischen Kultursysteme und die Korruption den großen Aufstieg doch nicht zu schaffen: Korrupte Machteliten können die Entwicklung des eigenen Landes nicht weiter vorantreiben, wenn sie ihre eigene Korruption nicht bekämpfen (das wird im Rahmen der Weltmeisterschaft gerade an dem hoffnungsvoll hochgelobten Brasilien wieder deutlich). Die gefürchtete Aufsteiger-Katze beißt sich in den Schwanz. Wachstum kann nicht generiert werden, wenn man ihn nur für die eigene Sippschaft möchte: Dieser demokratische Treppenwitz ist meiner Meinung nach bisher kaum in der Raffinesse seines schwarzen Humors erfasst worden. (Ich frage mich, was all die amerikanischen und deutschen macau-chinesisch sprechenden Elitekinder wohl in Zukunft mit ihrer Sprachfähigkeit anfangen werden. Möchte irgendjemand von denen wirklich in den seelenlosen Megastädten in Fernost leben? )

Ich frage mich aber auch, was aus unserer Gesellschaft wird, wenn die Korruption der Eliten hier weiter zunimmt, ihre Rücksichtslosigkeit beim Steuerzahlen und bei den Bildungschancen gegenüber Kindern, die nicht ihrer Schicht angehören. Vielleicht untergraben sie mit dem Leistungsdruck, der auf ihre Kinder seit dem Kindergarten einwirkt, auch nur jede Kreativität. Mit wenig Selbstwertgefühl und kaum Bindungsfähigkeit wird dann diese Elitegeneration bald ihr Vermögen wieder verlieren, weil sie keine brauchbare Realitätswahrnehmung mehr hat. In Japan und China brechen immer mehr Jugendlich aus und verweigern sich dem Leistungsdruck völlig. Wonach soll man streben, wenn sich dadurch die eigene Lebensqualität nicht mehr verbessert, man nur fremde Erwartungen erfüllen muss: Die der verunsicherten Eltern und der Industrie, die mit Schreckensszenarien immerzu den bald bevorstehenden Verlust unseres Wohlstandes beschreit, um noch mehr Gewinn für ihre Aktionäre heraus zu schlagen, die dann nicht mehr wissen wohin mit ihrem Geld ….

Wie gesagt: Die menschliche Natur hat ihre Grenzen und sie wird sogar den Rechencomputern der Börse ihre Grenzen setzen. Denn unsere Wirtschaft baut auf zutiefst menschlichen Eigenschaften auf: Glauben und Vertrauen. Angst und Wut sind ihre Gegner. Diese Gefühle lassen sich manipulieren, aber irgendwann bricht die Psyche unter dem Druck der übermäßigen Affekte zusammen. Und was passiert dann mit dem Burn-Out Patienten „globalisierter Mensch“?

Wenn man mich fragen würde, wie das alles weiter geht: Ich glaube es werden sich die typischen Fragen durchsetzen, die jeder Burn-Out Patient zentral stellt: Wozu das Ganze? Was will ich eigentlich? Burn-Out ist ja in der Fachsprache der Psychologen eine Erschöpfungsdepression. Und es gibt nur ein Gegenmittel gegen Stress und Fremdbestimmung. Das ist die Authentizität – das Echte. Das Echte ist ein ANHALTEND positives Gefühl gegenüber der eigenen Lebenswelt. Es ist nicht bestimmt vom kurzen Konsum-Selbstwert-Belohnungs-Kicks, von Träumen, die in ferner Zukunft durch wirtschaftlichen Erfolg alles gut werden lassen. Der Fremdbestimmung des Selbstwertgefühls durch falsche Versprechungen und Sehnsuchtsbilder, falsche Hoffnungen und einen falschen Glauben (wie beim Börsengang von Twitter) wird in einer guten Burn-out Therapie entgegen gewirkt; die falsch gelernte Liebe, erwachsen aus dem Leistungsdruck, der schon unsere Kindheit beherrschte, wird in gesunde Eigenliebe gewandelt.

Die Internetrevolution frisst ihre Kinder. Es ist nun die Frage, welche Kinder das sein werden: Die Werbung, die Industrie, der Konsum und Kapitalismus, die Spione, die mit ihrer Datenausbeute die Menschen noch mehr manipulieren und fremdbestimmen wollen? Oder die Menschen, deren Leben nur noch als Biomaterial für den Kapitalmarkt gesehen wird? Es ist die Frage nach dem freien Willen, die gerade verhandelt wird. Und sie wird für jedes Individuum beantwortet werden.

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