Die geheimen Missionen des Herrn Geheimrat

Selbst all diejenigen, die noch heute schwer traumatisiert sind von der Lektüre des Herrn Geheimrat von Goethe im Deutschunterricht, dürften den alten Knaben im Nachhinein rehabilitiert sehen – wenn sie sich für Robert Löhrs Erzählwerke entscheiden.

Das Theater als Tarnung. aboutpixel.de / Theatervorhang © Iro

Von deutschen Dichtern, französischen Kaisern und englischen Dramen
Eine komische Schauspieltruppe ist es, die da 1807 durch den deutschen Süden tingelt. Vom Schauspiel scheinen die Herren und Damen in den fadenscheinigen Gewändern nicht allzu viel zu verstehen. Kein Wunder, ist der Trupp doch auch Tarnung. Mit der deutschen Reichskrone im Gepäck (schließlich soll Napoleon sie nicht in die Finger bekommen) sind hier die Herren Johann von Goethe, Heinrich von Kleist, Ludwig Tieck, August Wilhelm Schlegel und Madame de Stael, Napoleons Intimfeindin, unterwegs. Die setzt schon einmal die ganze Truppe unter Drogen und auch Kleist ist impulsiv wie eh und je – die Pistolen sind schnell gezückt.

Mit viel Phantasie und Erzähltalent passt der Autor reale Geschehnisse und wüste Phantastereien in eine gelungene Erzählhandlung ein. Spannend, bissig und temporeich lässt er die Herren und Damen Schießereien, Gefechte und andere Gefahren für Leib, Leben und Freundschaft überstehen. Dabei werden die Gestalten aus Klassik und Romantik, lebendig wie nie. Man merkt Löhr die Erfahrungswerte des Schauspielers und Regisseurs an – und wünscht sich oft, das Ganze auch in filmischer Form zu sehen. Wobei, wer weiß, ob dabei nicht viele genial verpackte Anspielungen auf Leben und Werk der Mitwirkenden untergehen würden.

Buchcover zu ‚Das Hamlet-Komplott‘ © Piper Verlag

Lustig, lesenswert und unterhaltsam
Leider ist die Frequenz brüllender Lacher im Vergleich zum Vorgänger „Das Erlkönig-Manöver“ deutlich gefallen. Statt eines Lachanfalls alle zwei Seiten sind es hier eher die deutlich vernehmbaren Schmunzler alle zwanzig Seiten. So wie dem Herrn von G. fehlt auch dem Leser der kongeniale Friedrich Schiller an seiner Seite. Die Gag-Feuerwerke, die die Frotzeleien der beiden Denkmäler deutscher Literatur auslösten, finden diesmal keinen adäquaten Ersatz. So wird einfach weniger schlagkräftig gestritten und geprügelt.

Lustig, lesenswert und unterhaltsamer als vieles andere auf dem Buchmarkt ist das aber immer noch. So mancher Brocken Halbwissen flammt, dank der teils wörtlich eingeflochtenen Zitate im Gedächtnis auf und verlangt danach, nachgeschlagen und nachgelesen zu werden. Robert Löhr schreibt einfach keine Bücher für die Bibliothek – zum Lesen braucht es einen Ort, wo niemand sich beschwert, wenn laut gelacht und die besten Stellen noch einmal laut gelesen werden. Und doch ist die letzte Seite viel zu schnell erreicht.

Gisela Stummer (academicworld.net)

368 Seiten
Piper Verlag (2011)
9,95 €


Stand: Herbst 2011

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