Die Erwartungen der Liebe

Gerne wird heute die hohe Scheidungsrate von den Medien angeklagt, zusammen mit dem versteckten Vorwurf unserer mangelnden Beziehungsfähigkeit aus purem Egoismus. Dieser Vorwurf stimmt aber nur zur Hälfte. Denn viele Beziehungen werden viel zu lange ertragen, trotz Lieblosigkeit und einem massiven Ungleichgewicht von Geben und Nehmen und schlechtem Benehmen. Dazu kommt ein Mangel an Selbstwertgefühl (oftmals angefeuert durch die Medien), die Angst den Weg nicht alleine weiter gehen zu können und das alles aus der Gewohnheit von Lieblosigkeit aus Kindertagen.

Dass überhaupt irgendjemand eine Beziehung aufrecht erhält mit einer Belastung von zwei oder noch mehr Kindern und vielleicht sogar darüber hinaus immer wieder aufs Neue den richtigen Abstand, das richtige Maß an Vertrauen und Spannung hin bekommt, ist wohl die größte Leistung, zu der unsere Psyche überhaupt fähig ist. Warum wird das eigentlich niemals erwähnt in den Statistiken: Ich finde es unglaublich erstaunlich, dass jede zweite Ehe hält!

Die Scheidungen nach der gemeinsamen Aufzucht von Kinder gehen zu 90% von Frauen aus: Sie müssen sich heute nicht mehr aus finanzieller Not mit den Lieblosigkeiten ihrer in die Jahre gekommenen Ehemänner abgeben. Oft haben sie diese Trennung lange gedanklich vorbereitet und aus Rücksicht auf die Kinder den Schritt nicht eher gewagt. Und eigentlich ist es doch sehr bewundernswert, dass jemand den Mut aufbringt ein völlig neues Leben aufzubauen in einem Alter, in dem alle vorherigen Generationen schon begonnen hatten mit dem Leben abzuschließen.

Sicher gibt es daneben auch viele Menschen, die ihren aktuellen Partner durch die Schablone einer irrationalen Maßtabelle sehen und ewig mit der Maxime unserer Konsum- und Wegwerfkultur im Kopf  leben (vielleicht gibt es doch noch was Besseres…), dem Prinzip von Angebot und Nachfrage und der Analyse des eigenen Marktwertes. Manche lassen sogar von Anfang an jeden potentiellen Partner über die Klinge dieser überzogenen Erwartungen springen. Doch es gibt fast genauso viele Menschen, die um ihre Beziehungen kämpfen, obwohl sie sich täglich fragen: Wie weit bin ich in meiner Beziehung eigentlich noch glücklich?
Jeder von uns kann sich das selbst und am besten im Stillen mal beantworten: Was erwarte ich für eine „Glücks-Quote“ für meine Beziehung und was für eine lebe ich gerade?

Reichen 50% zu 50% aus oder 60% zu 40% (wobei hier natürlich 60% Glück gemeint sind gegenüber 40% Unzufriedenheit – denn anders herum kann man ohnehin nur zur Trennung raten oder eben die Frage stellen: Warum tun Sie sich das an?).

Was kann ich erwarten? Ist 70% Glück zu 30% Unglück realistisch? Ich kenn aber auch Leute die leben eine 80% zu 20% Beziehung und warum soll mir das nicht auch passieren können? Darf ich darauf hoffen oder arbeite ich lieber darauf hin? Woran hängt es, dass mir das nicht zu Teil wird?

Feindliche Partnerschaften sind der häufigste Grund für psychische und körperliche Störungen, für Depressionen, Tinnitus, Migräne, Schlafprobleme: Mobbing in der Partnerschaft ist definitiv noch viel schlimmer als Mobbing im Büro.

Ein feindliches Umfeld (finanzielle Umstände, Krankheit, etc.) lässt Paare zusammen rücken. Aber ist das dann Glück? Da hilft es uns auch überhaupt nicht, dass immer wieder erzählt wird, dass es früher diesen Anspruch an das persönliche Liebesglück kulturell ja gar nicht gab und Kinder und Vermögensmehrung und Einfügung ins vorgegebene Gesellschaftsgefüge wichtig waren (gerade wieder ist dazu ein vielbeachtetes Buch erschienen von Eva Illouze: „Warum Liebe weh tut.“)
Die Menschen waren damals oft genug sehr unglücklich, auch wenn sie es noch nicht als persönliches Versagen bewertet haben. Und außerdem: Heute ist es eben nicht mehr so.

Heute ist der Faktor Sexyness als ein wirklich neuer Faktor der Moderne hinzugekommen. Dieser bringt einigen Menschen einen besonderen Vorteil, der ihnen früher durch den genauso ungerechten Familienstand nicht zum Teil wurde. Dafür kommt der damals sehr wichtige „schöne Charakter“, gutes Benehmen und Handeln, heute viel zu kurz: Ein Mensch galt als hässlich (egal wie er aussah), wenn er sich hässlich benahm, hässlich handelte.

Genauso, wie man heute an seinen psychischen Prägungen und Erfahrungen herumbastelt, versuchte man in der Romantik des 19. Jahrhunderts seinen guten Charakter zu schulen. Dieser stand noch völlig unter dem Regime des Bewusstseins, doch letztlich versuchen wir heute auch nur über Bewusstwerdung unserer unbewussten Prägungen an unser Ziel zu kommen: Die Optimierung unserer Beziehungsfähigkeit mit dem Zweck der Optimierung unseres Glücks. Das Ideal, das uns vorschwebt, hat sich (jedenfalls bei uns Frauen) seit dem 19. Jahrhundert kaum geändert.

70% oder nicht 70% – das ist und bleibt hier die Frage.

Stand November 2011
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