Die erträgliche Absurdität des Daseins

„Das Leben ist einfach ein verdammtes Ding nach dem anderen.“ Dieser Weisheit des amerikanischen Schriftstellers Elbert Green Hubbard hätte Barney Panofsky wohl zugestimmt und dann sein eigenes verdammtes Ding weiter durchgezogen. Denn eines kann dem jüdischen Fernsehproduzenten aus Montreal nicht nachgesagt werden, nämlich, daß er feige wäre. Wie sonst hätte er ein derart pralles, oft gutes und oft vermasseltes Dasein führen können?

 

Als er sie heiratet … © Universal

Mit Chuzpe und Bammel

Barney Panofsky (Paul Giamatti) ist alt und auf der Suche nach seinem Gedächtnis. Immer häufiger läßt es ihn im Stich; nur an seine Vergangenheit kann er sich noch bestens erinnern, etwa an seine drei Ehefrauen. Die erste Ehe schloß Barney in Rom, wohin es ihn als jungen Mann gezogen hatte, mitten unter die italienisch-amerikanische Bohème. Zwar war Barney nie zum Künstler berufen, vielmehr zum Geschäftsmann, dafür fand er in Rom richtige Freunde, explizit den erfolglosen, drogenabhängigen Schriftsteller Boogie (reizvoll unbekümmert: Scott Speedman). Zurück in Kanada machte Barney bald Karriere als Produzent schwülstiger Fernsehserien und heiratete die zweite Mrs. Panofsky (überspannt: Minnie Driver). Ein Fehler und Glücksfall zugleich, denn just auf seiner Hochzeitsfeier traf er die Liebe seines Lebens, Miriam (charmant solide: Rosamund Pike), Gattin Nummer drei.

Als hätte er mit seinen drei Ehen – die erste endete tragisch, die zweite chaotisch, die dritte betrüblich – nicht schon genug Abwechslung genossen, mußte er sich auch mit einer Mordanklage herumschlagen, die trotz Freispruchs noch heute wie ein dunkler Schatten über seinem Leben liegt. Eben hat der damals ermittelnde Detective O’Hearne (erstklassig verkniffen: Mark Addy) ein Enthüllungsbuch über den nie abgeschlossenen Fall veröffentlicht, und Barney sieht sich gezwungen, mit der umfangreichen Lektüre ein paar Erdnüsse zu knacken. So hat er es schließlich schon immer gehalten: Das Leben kann abscheulich sein, doch Barneys Sarkasmus ist gemeiner.

Schlamassel statt Massel

Auch wenn Barneys jüdische Abstammung ihn religiös nie beeinflußt hat, findet sie ihren Niederschlag in seiner Mentalität. Jedenfalls besitzt er jenen besonderen jüdischen Witz, der bitter und scharfzüngig zugleich ist, aber vor allem hintergründig, klug und selbstkritisch: Humor als multi-kodierte Reflexion. In Kombination mit seinem offenbar angeborenen Sarkasmus stellt sich Barney so den Widrigkeiten des Daseins, die er freilich oft selbst verursacht, denn ein richtiges Händchen fürs Glück besitzt er nicht, ungeachtet der vielen ‚Mazel tov‘-Wünsche. Tatsächlich ist sich Barney seiner Unzulänglichkeiten durchaus bewußt, hat er doch seine Firma „Totally Unnecessary Productions“ genannt.

Und das meint er absolut ernst! Barney macht sich nämlich keine Illusionen über die Beschränktheit menschlicher Existenz, weder der eigenen noch die der anderen, vermag jedoch sein Leiden in Grinsen zu verwandeln, in ein ausgesprochen unverschämtes übrigens. Schon sein Vater Izzy Panofsky (pfiffig: Dustin Hoffman), der mit anzüglichen Anekdoten aus seinem einstigen Polizistenalltag jedes Hochzeitsfest sprengen könnte, besitzt diese Fähigkeit, sich mit schonungsloser Ironie zu wappnen. Kaum anders ließe sich das Leben mit all seinen paradoxen Zwängen, Fehlern und Ungerechtigkeiten sonst ertragen.

… verliebt er sich in sie. © Universal

Kein Tinnef, sondern Tacheles

Mit „Barney’s Version“ ist Regisseur Richard J. Lewis eine intelligente Tragikomödie in liebenswert spöttischer Schräglage gelungen. Ebenso ironisch wie lebensnah erzählt er die fiktive Biographie von Barney Panofsky in Rückblenden nach, doch im Gegensatz zu diesem, der sich selbst recht abschätzig betrachtet, mit viel Sinn für allzu menschliche Schwächen. Dennoch trifft er den klaren sarkastischen Ton der Romanvorlage von Mordecai Richler, verliert sich gegen Ende zwar leicht in Sentimentalitäten, kreiert gleichwohl das anrührende Portrait eines gar nicht so netten Kerls, den man trotzdem mag.

Das ist auch der Verdienst des phantastisch aufgelegten Hauptdarstellers. Wie nebenbei entwickelt Paul Giamatti einen prägnanten Charakter, der zu viel trinkt, zu viel raucht, zu griesgrämig und zu zynisch ist, um sich dann immer wieder überraschend als echter Freund, hartnäckig romantischer Verehrer oder einfühlsamer Menschenkenner zu entpuppen. Stets liegt eine Nuance Skepsis in seinem Spiel, als könnte er das ihm begegnende Schöne nur bedingt akzeptieren. Erst wenn es wieder am Zerfallen ist, scheint es zu ihm zu passen. Absurd? Ja … und so wahr wie das Leben.

„Barney’s Version“ ist unaufdringliches, sensibel-souverän inszeniertes, brillant gespieltes Erzählkino – ein verdammt gutes Ding.

 

Regisseur: Richard J. Lewis

Drehbuch: Michael Konyves

Darsteller: Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Rachelle Lefevre, Minnie Driver, Scott Speedman

 

(Nathalie Mispagel, academicworld.net-Kinoexpertin)

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