Die „Bang-Identity“

Facebook hat einen neuen Coup gelandet: „Bang your friends“ ist ein App-Funktion mit der man geheim, in seinem Freundeskreis, diejenigen markieren kann, mit denen man gerne Sex hätte. Der Witz dabei: Sie merken das nicht. Nur wenn der Wunsch auf Gegenseitigkeit beruht und man selbst auch umgekehrt als gewünschter Sex-Partner markiert wird, taucht der Vermerk auf beiden Seiten auf.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Der Sinn der Sache: Ein einseitiges Begehren wird nicht mehr peinlich offenbart und beidseitiges Begehren ist ja nicht mehr peinlich. So hat man angeblich die Chance endlich mit Leuten Sex zu haben, von denen man das schon immer erträumt hat. Jede Minute laden 5 Mitglieder von Facebook diese App runter. Es ist allerdings nicht auszumalen, was passiert, wenn der Datenschutz hier Lücken aufweist oder jemand die Profile häcken sollte…

Zugegebener Maßen kenne ich von meinen 340 Facebook-Kontakten nicht mal 10%. Ich betreibe Facebook nicht privat, sondern als Plattform für meine Blog, damit Menschen, die interessiert, was ich schreibe, mitbekommen, dass ich es schreibe. Außerdem sind die Reaktionen auf meine Texte und Bücher, die mir auf diesem Weg viele Leute mitteilen, sehr interessant. Manchmal finden mich auch alte Bekannte. Weder mein Beziehungsstatus, noch irgendeine andere private Angabe, außerhalb meiner Tätigkeit sind dort zu finden. Und ich möchte auch bitte niemals, wirklich niemals erfahren, welcher meine wirklichen Bekannten und unbekannten Leser mit mir ins Bett wollen würde. 

Dieser neue App ist ein weiterer Schritt in unserer modernen Kultur, um die intimsten Winkel der menschlichen Seele auszuleuchten. Wie der französische Philosoph Michel Foucault schon schrieb, hat die Moderne im Zeichen der Aufklärung besonders den Sex, unter dem Vorwand der Wissenschaft, in die Öffentlichkeit gezerrt, vermessen und bewertet, in gesund und ungesund aufgeteilt. Auch wenn Foucault besonders der Psychoanalyse die Schuld dafür gab (und dem muss ich natürlich laut widersprechen, denn die moderne PA gibt hierfür jenseits der Pädophilie keine Maßregelung vor), hat er in der Sache doch Recht. Und jetzt sollen wir also dem Internet noch unsere geheimsten Sexwünsche anvertrauen – angeblich um ihrer Umsetzung ein Stück näher zu rücken.

Es stellt sich die Frage: Warum versuche ich meine Annäherung nicht auf konventionellem Weg?
A: Ich bin zu feige, ein Korb würde meinem Selbstwertgefühl so zusetzen, dass ich die Scham nicht verkrafte (ich bin also zu schwach).

B: Ich habe Angst die Freundschaft mit meinem sexuellen Begehren zu gefährden und schaffe es nicht der begehrten Person nach der Offenbarung zu vermitteln, dass ich sie als Freund auch weiterhin so sehr schätze, dass sie mir auch ohne Sex super wichtig ist und ich sie als „Nur-Freund“ respektiere (ich bin also schon wieder zu schwach).

C: Ich will einfach so viele wie möglich Sex-Partner haben, egal ob Freund oder nicht, Hauptsache mal im Bett gehabt (ich bin schwach oder sehr jung und glaube mein Sexstatus würde mich toller machen).

D: Ich will meinen festen Partner heimlich mit einem Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis betrügen (ich bin schwach, weil ich meine erotische Energie nicht verstehe nur in meine Partnerschaft zu investiere und dem Partner dadurch Leid zufüge und/oder einen Bestätigungskick von außen brauche. Wer glaubt, das stimme nicht so, soll sich einfach mal in die Rolle des hinterrücks im Freundeskreis Betrogenen hinein versetzen, der bei der nächsten Geburtstagsfeier nichtsahnend mit am Tisch sitzt, voller missbrauchtem Vertrauen).

Es geht ja bei der Facebook-App nicht darum, jemand Fremden mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen, was viele Internetportale für Beziehungen oder Sex überhaupt erst ermöglichen. Es geht darum sich mit „Freunden“ ins Bett zu träumen oder zumindest mit Menschen, die man schon kennt (wenigstens wenn man Facebook nicht als Arbeitsplattform betreibt). Ich persönlich möchte aber nicht, dass jemand diese Phantasien ein Stück weit weiter real werden lässt, dass sie einen ersten Schritt aus dem Kopf heraus in Richtung „Veröffentlichung“ machen, da dies erfahrungsgemäß dazu führt, dass der Mensch glaubt, sie wären ein Stück weit möglicher.

Nicht um sonst ist durch die scheinbare Nähe im Internet das Stalking (gerade von Prominenten) exorbitant angestiegen. Aber auch das Ausspionieren von Freund und Feind im Alltag hat zugenommen, aus dem Schutzraum der Anonymität heraus, bei gleichzeitiger Dauer-Beschäftigung mit dem Objekt der Begierde. Den es ist psychologisch bewiesen: Wer die Möglichkeit erhält seinen Vorstellungen in irgendeiner Form stärker nachzugehen, glaubt sich seinem Ziel näher und gerade weil er gleichzeitig noch keine negativen Konsequenzen fürchten muss, nimmt die Obsession ständig zu. 

Und um es auf den Punkt zu bringen: Ich will nicht, dass die Phantasien irgendwelcher Menschen über mich deren Köpfe verlassen und sich in meine Richtung bewegen, im unheimlichen Zwischenraum von Realität und Vorstellungwelt d.h. im Internet plötzlich ein Eigen-Leben bekommen, wobei es nie ganz ausgeschlossen werden kann, dass sie ungewollt oder gewollt die Wirklichkeit erreichen. Ich will nicht zum ansteigenden Objekt fremder Begierde werden – auch wenn es „nur“ das Netz weiß. Ich fühle mich gestalkt von schwachen Menschen, die nicht mal den Mut aufbringen, mir so was selbst zu sagen, so dass ich ihnen ein für alle Mal eine deutliche Antwort geben, meine Grenze ziehen kann.

Denn, wenn ich mit jemandem Sex haben wollte, würde der das merken, deutlich, von Angesicht zu Angesicht, in der Realität. Und was immer jemand anderes will, ist mir egal, solange es nicht seinen Kopf verlässt und sei es auch nur durch einen Mausklick.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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