Die Apps-Identity

Kennen Sie diese seltsamen kleinen Quadrate auf den i-Phone Displays – die sogenannten Apps? Das sind kleine Programme, die man sich selbst zusammen sucht nach dem eigenen Bedarf: Applikationen – Aufgesetzte Äußerlichkeiten zur Verzierung des eigenen Lebens. Sie zeigen einem die Zeit an, die Aktienstände, die eigenen Fotos und wo man sich gerade befindet. Sie unterhalten und verwalten uns. Und sie sagen so viel über die eigene Person aus, dass die Industrie hohe Summen bietet, um zu ihrem Nutzen daraus unsere Persönlichkeitsprofile zu erstellen.

Katharina Ohana, academicworld-Expertin, Foto: Privat

Die Apps für ein erfolgreiches Leben stimmen mittlerweile universal und global überein: Da wäre zuerst mal das richtige Aussehen: Sportlich, schlank (für die Damen BH-Größe 80B), gerade Nase.

Dann auch sehr wichtig: Die richtige Ausbildung (Menschen mit hohen Ansprüchen sollten ihr Leben mindestens mit einen Master oder sogar einen Doktortitel uptunen). Auch Fremdsprachen Apps solle man hier noch dazu nehmen: Englisch (während der Schulzeit am besten in einem Jahresaufenthalt in den USA herunterladen) ist obligatorisch, eigentlich Grundausstattung. Eine weitere Fremdsprache für die Perfektion wäre wünschenswert. Als Erwachsener sollte man dann auch im Ausland noch mindestens ein Jahr gearbeitet haben (am besten für ein global bekanntes Unternehmen).

Natürlich ganz wichtig: Die richtige Partner-App. Durch nichts stellt man sein perfektes Leben so gut dar, wie durch seinen Partner. Ein hässlicher oder erfolgloser Partner, der womöglich nicht die richtigen Sportarten treibt, geht gar nicht. Hier sollte man sich wirklich ausgiebig Zeit nehmen bei der Suche, die einzelnen Funktionen genau auf sich abstimmen und auch auf Details wie Hinternbreite, Kaffeemaschine und Automarke achten.

Überhaupt: Auch das eigene Auto ist natürlich ein ganz wichtiger Apps ? Schließlich will niemand beim ersten Blick auf das eigene Lebensdisplay für primitiv oder fahrlässig gehalten werden. BMW, Audi und Porsche (aber nur die großen Modelle in gedeckten Farben). VW geht gar nicht (nur für Spießer, Schulabgänger mit frischem Führerschein und Hausfrauen).

Dann wären da noch die Kinder: Mindestens zwei, besser drei, um zu zeigen, dass man es sich leisten kann, an die Zukunft glaubt und sozial ist. Ein Luxusapps für die moderne Erfolgsfamilie ist hier mittlerweile wieder die eigene Haushälterin oder, als abgespeckte Variante, das Aupairmädchen aus Russland. Auch ein Hund im eigenen Garten macht sich natürlich gut.

Des Weiteren gibt es noch viele kleiner Apps, die in der Masse aber nicht unerheblich sind für das optimale Smart-Leben: Urlaube zum Beispiel sollten immer in der richtigen Mischung von kurzen Städtereisen mit Kulturanstrich und langen, teuren Sandstrandurlauben herunter geladen werde. Ab und zu ein bisschen Abenteuer beim Kitesurfen oder Bergwandern gibt besonders bei Männern die perfekte Abrundung. Auch die richtigen Unterhosen von der richtigen Designermarke und das Pferd mit Reiter auf dem farbigen Freizeithemd sorgen als Miniapps für die optimale Lebensästhetik.

Leider gibt es da auch noch Apps, die natürlich ganz schlecht auf so ein strahlendes, buntes Lebensdisplay passen: Der demenzkranke Vater, die Pleite der Firma, die Frau, die einen verlässt, der eigene Herzinfarkt. Da hat das Schicksal noch einige Programmierfehler zu beheben. Für den einen oder anderen Störapps gibt es da schon Lösungen (z. B. das Pflegeheim), aber so richtig ausgereift sind diese Abwehrprogramme, besonders für ältere Geräte noch nicht.

Und bitte lassen Sie die Finger von dem ganzen Individualitätskram. Das basiert alles auf völlig veralteten Programmiersprachen, die kaum mehr jemand gelernt hat und die das gesamte System nur stören. Wo kommen wir denn da hin? Wie soll denn da die Industrie noch wissen, wie sie uns vermarkten kann?

Katharina Ohana

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.


Stand: Juni 2011

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