Deutschland als Diagnose

Die Heimat-Groteske „Finsterworld“, ab 17.10. im Kino, zeigt unser bundesrepublikanisches Land in hellen Farben, erzählt von ihm aber mit abgründigem Unterweltton.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Finsterworld: Ein Märchenreich ohne Zauber

Märchenreich ohne Zauber

Es war einmal ein netter Polizist namens Tom (Ronald Zehrfeld), der bei Straßenkontrollen gerne ein Auge zudrückte. Seine ehrgeizige Freundin Franziska (Sandra Hüller) mühte sich derweil, authentische Dokus zu drehen. Dann gab es noch den einsamen Fußpfleger Claude (Michael Maertens), der sich mit der ins Altersheim abgeschobenen Frau Sandberg (Margit Carstensen) anfreundete. Deren oberflächlicher Sohn (Bernhard Schütz) hatte sich samt verächtlicher Ehefrau (Corinna Harfouch) dank irgendeines Werber-Jobs schon längst diesem ach so spießigen Dasein entzogen, darüber allerdings einen versnobten Sohn namens Maximilian (Jakub Giersza) produziert. Dieser machte gerade mit seiner Schulklasse einen Ausflug zu einer KZ-Gedenkstätte, immer beobachtet vom ernsten Lehrer Nickel (Christoph Bach). Und im Wald lebte ein stiller Einsiedler (Johannes Krisch) zusammen mit einer Krähe.

Es scheint recht friedlich zu sein in diesem synthetischen Märchenreich, das Deutschland sein könnte. Doch schon bald verzerrt sich das Bild. Tom trägt heimlich Tierkostüme, Franziska schlägt sich mit mundfaulen Plattenbaubewohnern herum, Claude backt herzförmige Plätzchen mit ekligen Zutaten, Maximilian läßt sich zu einem bösartigen Scherz hinreißen. Schließlich läuft jemand Amok. Aber das Leben geht weiter. Wie immer.

Vernichtung ohne Sinn

„Finsterworld“, unter anderem Gewinner des Zenith Awards in der Kategorie First Feature beim diesjährigen 37. World Film Festival in Montreal, ist der interessante Versuch, sich deutschen, typisierten Psycho-Befindlichkeiten auf dem (Um-)Weg der Satire zu nähern. Dieses Experiment fällt umso wagemutiger aus, weil sich die Satire zur Groteske wandelt, schließlich zur Tragödie wird und dennoch für einige Protagonisten eine Art Happy-End bereithält. Regisseurin Frauke Finsterwalder, die zuvor Dokumentarfilme drehte und hier erstmals ein fiktionales Werk vorlegt, rollt das Geschehen langsam und beinahe behutsam auf, greift damit den Rhythmus von Alltagstrott auf. Der ist gleichmäßig, unaufgeregt, aber schlichtweg nicht aufzuhalten. Vor allem bleibt er vom Wesen her letztendlich unkontrollierbar. Ein kleines Mißverständnis läßt Dominik (Leonard Scheicher) seine Schulklasse verlassen und dem Schicksal in die Arme rennen. Auch Lehrer Nickel wird durch ein fatales Fehlurteil aus seinem Dasein geworfen. Das schockt, weil die Vernichtung des Lebens, ob physisch oder sozial, sich zuvor nicht abgezeichnet hat. Zumindest nicht im konkreten Einzelfall.

Dafür hängt sie ebenso wie die Trivialität gleich einem Damoklesschwert über den Ereignissen. Deren geographische wie zeitliche Verortung fällt vage aus – irgendwo in einem Hotel oder in einer Stadt, irgendwann in einer sommerlichen, sonnendurchfluteten Landschaft –, ebenfalls die gesellschaftliche Einbindung, zumal außer den Hauptfiguren nur wenige weitere Menschen zu sehen sind. In diesem relativ leeren, latent absurden Paralleluniversum dominiert eine Atmosphäre der Haltlosigkeit, der Entfremdung vom Gegenüber. Solche Ich-Fixiertheit wird von der narrativen Struktur widergespiegelt, indem die Glaubwürdigkeit des episodenhaften Gesamtplots zugunsten der Authentizität der individuellen Szene zurückgestellt wird. So entstehen in ihrer emotionalen Unverfälschtheit manchmal erschreckend echte Momente, etwa bei den zielgerichtet aneinander vorbeilaufenden Diskussionen zwischen Tom und Franziska. Als erzählerisches Konglomerat werfen diese Sequenzen freilich einen allumfassenden bizarren Schatten, an den Rändern in Verzweiflung auslaufend.

Die Vielschichtigkeit des Filmes entsteht aus einer extrem genauen, teils mit leichter Sympathie, teils mit bösem Witz erfolgten Beobachtung von deutscher Realität.

Verachtung ohne Gewissen

Zusammen mit Christian Kracht hat Frauke Finsterwalder ein provokant-unbehagliches Drehbuch verfaßt, das auf Durchlässigkeit setzt. Es will weder mit Sozial-Voyeurismus provozieren, noch gesellschaftskritische Relevanz behaupten oder sich als didaktische Allegorie verstanden wissen. Seine Vielschichtigkeit entsteht aus einer extrem genauen, teils mit leichter Sympathie, teils mit bösem Witz erfolgten Beobachtung von deutscher Realität, die ebenso in einer Wohnungseinrichtung oder einem Gespräch wie in einer Alltagssituation oder Geisteshaltung bestehen kann. Karikatur und Realsatire fließen zusammen, modellieren aus Überspitztheit ein Stück (zynische) Wahrheit. Großartig entlarvend ist es beispielsweise, wenn sich das Ehepaar Sandberg mit affektierter Pseudo-Weltgewandtheit über die urbane Häßlichkeit von Deutschland echauffiert und in seiner Selbstherrlichkeit die intellektuelle Hohlheit eines Verächters aus Lifestyle-Gründen offenbart. Dagegen wirkt es beinahe rührend, daß Tom seine Kuschel-Sehnsucht in harmlosem Furry-Fetischismus auslebt und Claude heimlich abstruse, podologische Obsessionen hegt. 

Wenigstens versuchen die beiden, das Grundübel ihres Daseins zu bekämpfen, nämlich Einsamkeit. Auch die anderen Figuren sind im Prinzip alle auf der Suche nach Nähe, Bestätigung und Sinn, um eine Identität zu entwickeln. Aber sie scheitern an ihren zerstörerischen, hinterhältigen Lügen, an Unsicherheit sowie Gefühlsunterdrückung. Gewissenlosigkeit ist cool! Wer ehrliche Emotionen zeigt, wer die beschaulich glatte Oberfläche durchbricht, wer anders ist, wird bestraft. Vom Leben. Und hinterher ausgelacht.

Sehnsucht ohne Hoffnung

Dabei fängt alles äußerst harmlos an. Cat Stevens säuselt aus dem Off „The Wind“, während in einem idyllischen Wald der stumme, zivilisationsmüde Einsiedler behutsam eine flugunfähige Krähe rettet. Daß dies eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslöst, läßt sich ebenso wenig absehen wie hierfür kein konkreter Schuldiger auszumachen ist. Es passiert eben. Keiner kann es aufhalten, keiner kann sich davor schützen, keiner begehrt auf. Doch es ist nicht schlichtes Schicksal. Vielmehr liegt die Ursache für sämtliches Unheil in der fehlenden Anteilnahme unter den Menschen. 

Dieser existenzielle Mangel in einer Gesellschaft aus Egozentrikern, die sich über Äußerlichkeiten definieren, wird explizit in der Episode um den KZ-Besuch herausgearbeitet. Lehrer Nickel, der im Angesicht deutscher Geschichte zu großer Betroffenheit aufläuft, kann dergleichen bei seinen Privatschülern nicht hervorrufen. Stattdessen führt sein Ringen um kollektive Bestürzung zu purer Langeweile. Er fragt die jungen Leute nach ihren Gefühlen, sie antworten mit Stille. Ihre Anti-Reaktion ist symptomatisch für ihre Lebenshaltung. Nichts ranlassen, und das wenige, das doch noch bewegt, mit schicken Lügen oder einem schlechten Witz verscheuchen. So kommen die meisten durch. Die Restlichen müssen sich damit begnügen, im Bärenkostüm auf einer Parkbank zu sitzen. Haben sie Glück, schaut jemand vorbei, der eine Umarmung gebrauchen könnte.


FINSTERWORLD

Regie: Frauke Finsterwalder 
Drehbuch: Frauke Finsterwalder und Christian Kracht

Mit Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Michael Maertens, Margit Carstensen, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Johannes Krisch, Christoph Bach, Carla Juri uvm.

Kinostart am 17. Oktober 2013 im Verleih von ALAMODE FILM

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