Descartes, der Depp

Kleine philosophische Abhandlung für Leute auf der Suche nach der Weltformel

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Wir hätten so gerne die Antwort auf die Frage: Ist das angeboren oder nicht? Ist das genetisch bedingt oder nicht? Das ist der alte Dualismus von Körper und Geist unserer westlichen Kultur (den uns Descartes eingebrockt hat). Auch auf dem Feld der Medizin und der Schulbildung haben wir schon darunter gelitten. Und bei dem Thema Moral sowieso: Vernunft und Gefühl. Das sind aber keine Antagonisten, genauso wenig, wie Körper und Geist. Ein für alle Mal: Nein! Es ist immer beides, wechselseitig untrennbar. Sogar auf der sichtbaren, materiellen Ebene kann man Geist und Materie nur zusammen sehen: Der Gedanke, das Bild im Kopf, die Vorstellung von Gut und Böse bestimmt die sichtbaren Neuronen im Hirn und umgekehrt. Wir „sehen“ unsere Gedanken im Bau unserer Nervenzellen. Beides ist eins. Viel Böses schafft viel Aggression und wenig Empathie. Und das kann man einem Hirn ansehen.

Wir entscheiden uns für etwas und denken dann das wäre „rational“. Es ist aber „nur“ das Abwägen verschiedener Emotionen, angeheftet an Erfahrungen, die als emotionale Erinnerungen unser Unterbewusstsein bevölkern. Erfahrungen, die einander gleichen, werden zu Mustern (Weltsicht, Selbstsicht) und zu Verhaltensmustern.  Auf ihrer Grundlage treffen wir sehr schnell und intuitiv eine Entscheidung – und „begründen“, erklären sie dann danach rational. Dabei hat sich „einfach“ die stärkste Emotion durchgesetzt. Und wir nennen das dann „logisch“ und finden das besser als „emotional“ bzw. „unlogisch“. Doch der ganze Rationalismus unserer westlichen Philosophie von Descartes bis Kant ist nur ein längst überholtes Wertesystem, das einmal glaubte, sich gegen die verheerenden Emotionen der naiven Gottesgefühle wenden zu müssen.

Auch Logik ist ein Gefühl. 2 und 2 ist 4: Das ist ein Gefühl. Wenn das Gefühl „2 und 2 ist 5“ stärker wäre, würde es siegen. Aber die emotionale Erfahrung von gezählten Äpfeln macht „2 und 2 ist 4“ stärker. Und selbst die hohe Integralrechnung basiert nur auf dieser grundlogischen Erfahrung. Dazu haben manche Leute mehr Talent als andere. Für mich als unheilbaren Legastheniker ist es dagegen völlig unlogisch, dass das Wort „ Gesellschaft“ mit zwei „L“ geschrieben wird: Diese Erfahrung scheint nicht abspeicherbar zu sein, für mein Hirn (egal wie viele Bücher und Blogbeiträge ich über die Gesellschaft auch schreibe). Leider hat unsere Gesellschaft (mit zwei L) aber beschlossen, dass „richtig schreiben“ sehr wichtig ist (früher wurde Kindern sogar auf die Finger gehauen: Schmerz bei Falschschreiben – was für eine Erfahrung! Ich hätte so nie ein Buch zustande gebracht). Aber wir haben ja zum Glück mit unseren Logikgefühlen auch Computer mit Rechtschreibeprogrammen erfunden, weil „einfach“ auch „gut“ ist: Einfach das Rechtschreibprogramm drüber laufen lassen…

Rationalismus ist also eine Täuschung. Rationale Argumente sind nur die Wort-Erklärungen mit Logik-Gefühl für emotionale Erfahrungen. Und die können bei jemand anderem, völlig anders sein. Sie können sogar den Blick auf die Gesellschaft völlig anders gestalten (gestalten: nur mit einem L – völlig unlogisch für mein Gefühl). So entstehen Parteien, die durch die persönlichen Erfahrungen ihrer Mitglieder immer davon ausgehen, sie wüssten, was das Beste für alle ist. Wer arm groß wird glaubt an Bildung und Gleichheit und Aufstiegschancen und wählt SPD. Wer reich groß wird, glaubt an ordnende Hierarchie, Kapitalerhalt zum Wohle aller und Verantwortung für Minderbemittelte und wählt CDU. Wer bayrische Kühe mag und geistige Ressourcen von Frauen gerne am heimischen Herd verschwendet, wählt CSU.

Auch Moral ist zuallererst ein Gefühl. Das Moral-Gefühl lässt uns Dinge, die für Menschen „gut für´s Überleben“ sind, in Werte und dann auch (hoffentlich) in Handlungen übersetzen (Altruismus ist gut als Gefühl. Selbstverwirklichung ist aber auch gut als Gefühl.) Unsere heutige Moral ist die reale Ausprägung eines angeborenen menschlichen Instinktes: Unser angeborenes Talent gut und schlecht in Form von Emotionen zu erkennen (wir fühlen sofort und ständig, was gut und schlecht ist, in Form von Freude, Schmerz, Habenwollen, Angst, ect.). Wir brauchen Moral: Wir müssen werten, um zu überleben. Auch hier spielen wieder mal unsere Gene und unsere Umwelt/Kultur/Erfahrungen zusammen.

Das Talent zur Moral ist also angeboren und kann mit verschiedenen Werten unserer gerade stattfindenden Kultur gefüllt werden. Und der moralische Inhalt kann auch verändert werden, selbst in der kleinsten Einheit: Einem Menschenleben. Aber alle Werte, die es je gab und geben wird, sind begrenzt. Letztendlich wird immer wieder über dieselben moralischen Werte verhandelt. Verletzt ein moralisches System die Grenzen des menschlich Möglichen (totale Selbstaufgabe in Kirchengemeinschaften oder im Kommunismus, totale Aggression in Kriegen), wird das Werte-System untergehen.

Die universalen Werte, die durch die Geschichte und die Gesellschaften (auch im Plural mit zwei L) hindurch sich immer wieder finden, sind nach den neusten psychologischen und anthropologischen Studien: Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität, Reinheit. Alle diese Gefühle waren und sind für unser Überleben in der Gruppe, unsere Anpassung an die Umwelt immer wieder mehr oder weniger verhandelt. Und Gruppen, die diese Gefühle kannten, haben sich durchgesetzt in der Evolution. Der Mensch ist dabei immer Altruist und Selbstsüchtig, Teamplayer und Individualist zugleich. Gerade dieser Zwiespalt mach jedem einzelnen (psychisch) zu schaffen: Wenn eine Seite zu kurz kommt, zu große Konflikte herrschen zwischen den beiden Gefühlsgruppen, entstehen Neurosen.

Man kann das gerade heute in unserer jetzigen politischen Lage an sich selbst beobachten: So sehr ich für Gleichheit, Gerechtigkeit und persönliche Selbstentfaltung bin, so froh bin ich doch, dass Angela Merkel die europäischen Schulden der Selbstverwirklichung anderer Europäer mit autoritärer Macht zurückweist. Ich kann Mitgefühl mit ihnen entwickeln, aber ihre selbstgewählten Regierungen hätten sie auch nicht nach deren falschen Versprechen wählen müssen und ihre Steuersysteme müsste man mal autoritär reformieren, durch Leute, die wissen, dass das persönliche Wohlergehen durch Einschränkungen zugunsten aller aufrecht gehalten wird. Chancengleichheit wäre schön, aber wir werden nie gleich sein und dafür braucht es Regeln und Moral.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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