Der Titel bleibt ein Rätsel

Es war ein Überraschungserfolg, mit dem niemand gerechnet hatte: Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, avancierte Marie NDiayes Drei starke Frauen erst in Frankreich und dann in Deutschland in kürzester Zeit zum Bestseller. Doch auch kritische Stimmen müssen Gehör finden.

Buchcover ©Suhrkamp/ Insel Verlag

Norah, Tochter einer Französin und eines Senegalesen, ist in Frankreich aufgewachsen und hat sich dort ihr Leben aufgebaut, als sie von ihrem Vater, der die Familie früh verlassen und nur den Sohn mit sich genommen hatte, angefleht wird, wegen einer dringenden Familienangelegenheit zu ihm nach Dakar zu kommen. Fanta hingegen ist im Senegal groß geworden und hat dort ihren französischen Mann kennen gelernt, dem sie in seine Heimat folgt. Auch Khady wurde im Senegal geboren, heiratete aber einen Senegalesen. Als ihr Mann stirbt, zwingt seine Familie sie, sich auf den langen und gefährlichen Weg zur Cousine Fanta nach Frankreich zu machen.

Roman oder Erzählung?
So die Grundkonstellationen in Marie NDiayes Roman „Drei starke Frauen“. Wobei der Begriff „Roman“ im Grunde irreführend ist. Außer einer lockeren Verbindung durch Namen und Orte  hält die drei Geschichten wenig zusammen, so dass man sie im Grunde als Erzählungen betrachten könnte.

Es wäre falsch zu behaupten, dass das Buch schlecht geschrieben sei. NDiaye hat einen eigenen Stil, der durchaus als poetisch anerkannt werden kann. Sie kreiert eine ganz eigene Stimmung, ohne je in Platituden zu verfallen oder sich verbrauchter Bilder und Metaphern zu bedienen, und verwendet eine starke Symbolik, die sich durch alle Kapitel zieht.

Kein absoluter Lesegenuss
Ein Lesevergnügen ist das Buch leider trotzdem nicht. Das liegt zum einen an NDiayes unerfreulichem Ehrgeiz, jeden Abschnitt, egal wie lang, aus nur einem Satz bestehen zu lassen, der in langen Verschachtelungen mit Klammern, Gedankenstrichen und eingeschobener Rede daher kommt. Das kann funktionieren, tut es in diesem Fall bedauerlicher Weise aber nicht. Wo man vom Strom der Wörter erfasst werden sollte, holpert man als Leser nur ungemütlich dahin und muss sich zwingen, bei der Sache zu bleiben.

Was besonders dadurch erschwert wird, dass die Figuren durchweg fremd bleiben und man besonders in den ersten beiden Kapiteln Probleme hat, ihre Sorgen und Nöte im vollen Ausmaß nachzuvollziehen. Da werden Selbstvorwürfe gemacht, irritierende Rückschlüsse gezogen, Panikattacken erlitten, Körperflüssigkeiten verloren, und eigentlich weiß man nicht wirklich, warum. Der Titel „Drei starke Frauen“ bleibt ein Rätsel, wenngleich Khady, die einzige, die einem wirklich schweren Schicksal ins Auge blicken muss, eine kleine und erfreuliche Ausnahme bildet.

Potenzial bleibt ungenutzt
Die einzelnen Geschichten sind in ihrem Ansatz durchaus interessant, aber auch diese Option wird nicht im vollen Potenzial genutzt. Angedeutete Möglichkeiten werden nicht weiter verfolgt, Behauptungen gemacht, aber nie auf ihre Richtigkeit oder Falschheit überprüft und das Kapitel ist zu Ende, wenn man gerade das Gefühl hat, jetzt genug Einleitung auf sich genommen zu haben. Fanta, der „starken Frau“ des zweiten Teils, begegnet man erst gar nicht, sondern ist über 163 Seiten den unerfreulichen Selbstzermürbungen ihres Gatten ausgesetzt.

Persönliche Ressentiments bleiben
Was am Ende bleibt, ist das Gefühl, sich mit viel Körpereinsatz durch ein zähes Meer gekämpft zu haben, das man lieber komplett umschifft hätte und das Bedürfnis, den Protagonisten nahezulegen, sich möglichst bald einem Therapeuten anzuvertrauen, bevor man so schnell wie möglich die Flucht ergreift. Aber trotz aller persönlicher Ressentiments sollte nicht verheimlicht werden, dass „Drei starke Frauen“ eine Reihe renommierte Preise erhalten hat, unter anderem den Prix Goncourt und den Internationalen Literaturpreis, und auch in der Kritikerwelt durchaus hoch gelobt wurde.

Fazit: Wer also neugierig geworden ist, soll sich an dieser Stelle ermutigt sehen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

(Katharina Baumfeld, academicworld-Userin)

Drei starke Frauen

Länge: 342 Seiten
Verlag: Suhrkamp/Insel Verlag (25.07.2011)
Preis: 9,95 Euro


Stand: Herbst 2011

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