Der Palast der Träume

Mark-Alem arbeitet im Tabir Saray in Istanbul – dem Palast der Träume. Dort beschäftigt er sich damit, Träume, die aus allen Winkeln des Reiches kommen, zu deuten. Dabei nimmt der Palast der Träume Mark-Alem ebenso ein, wie dieser seine Untertanen bis in den Schlaf hinein kontrolliert.

Mark-Alem stammt aus einer angesehenen Familie mit albanischen Wurzeln, den Qyprilli. Wohl nicht zuletzt aufgrund des Einflusses seiner Familie – die, wie er sagt vom Herrscher in Zeiten geliebt, in Zeiten gehasst, aber diesem immer treu zu Diensten gewesen ist – erhält er eine Anstellung im Tabir Saray, dem Palast der Träume.

Sammlung und Deutung von Träumen

Der Palast der Träume sammelt, ordnet, interpretiert und wertet die Träume der Untertanen des Reiches, die aus allen Ecken zusammengetragen werden. Aufgabe ist es, sich die Träume genau anzusehen, ob diese Hinweise enthalten, die auf Umsturzversuche oder sonstige Aktionen gegen den Staat deuten.

Obwohl gegen seinen Willen, steigt Mark-Alem schnell auf im Tabir Saray. Je länger er für den Palast der Träume arbeitet, desto weniger scheint im das normale, alltägliche Leben lebenswert zu sein. Er genießt das Elitäre, das den Palast umgibt. Dennoch verrichtet er seine Arbeit immer in Angst, einen bedeutsamen Traum zu übersehen, oder diesen auszulegen. Dazu kommt das Monströse des Tabir Saray, der seine Beamten zu verschlucken scheint. Mark-Alem kennt die Wege nicht, befürchtet jedes Mal aufs Neue, im Palast verloren zu gehen.

Vorahnung

Eines Tages erhält Mark-Alem einen Traum, der ihn unruhig werden lässt, wenngleich er nicht zu sagen vermag warum. Nachdem eines Abends albanische Musiker, die das Epos der Familie Quyprilli zum ersten Mal seit langem wieder in der Heimatsprache von Mark-Alems Vorfahren besingen wollen, auf grausame Weise ermordet werden, weiß Mark-Alem, dass der Traum auf seine Familie hingewiesen hat.

Doch die Familie holt zum Gegenschlag aus und Mark-Alem wird bis in die höchsten Ränge das Tabir Saray befördert ? ohne genau zu wissen warum. Doch Mark-Alem macht das, was er immer getan hat: Fleißig seine Arbeit verrichten, ohne sie zu hinterfragen.

Kritik

Ismail Kadare schrieb Der Palast der Träume in den 70er Jahren im vom Stalinismus der Enver Hoxha Diktatur bestimmten Albanien. In einer Zeit, in der jegliche Opposition bitter bestraft wurde, konnte Kadare, ein ehemaliger Protegés Hoxhas, seine Kritik an der vorherrschenden Situation im Land nicht offen äußern, deshalb fabulierte er sie in die winkelhaften, verworrenen Gängen des Tabir Saray hinein.

Enver Hoxha im Jahre 1971 © Forrásjelölés Hasonló, CC BY-SA 3.0

Und es ist nicht schwer in dem Buch die Kritik am Stalinismus zu erkennen, die der Autor im Sinn hatte. Zum einen wäre da das gefräßige Monster des Tabir Saray, das seine eigenen Mitarbeiter mit seinen unergründbaren Wegen verschluckt, jener Palast der Träume, der die von den Menschen teils freiwillig denunzierten Träume – wie es scheint beinahe völlig willkürlich – bewertet und somit über Leben und Tod entscheidet.

Zum anderen ist da der unterdrückte Ursprung der Familie Quyprilli, dessen Wiederaufleben, dessen Erstarken der eigenen Identität am Ende mit Waffengewalt eingedämmt wird. Und letztendlich ist da auch Mark-Alem selbst, der im Tabir Saray eine gewaltige Karriere hinlegt, obwohl er nie ohne Angst seine ihm zur Bearbeitung vorliegenden Träume bewertet, oder sich im Palast der Träume bewegt. Da er aber seine Arbeit blind, ohne sie zu hinterfragen, verrichtet, ist dieser Aufstieg möglich.

Reale „Gegenutopie“

Kadare hat mir dem Palast der Träume eine Parabel auf die Missstände der stalinistischen Herrschaft seines Landes geschaffen, die oftmals an Kafka, der Tabir Saray aber auch an George Orwell erinnert. Der Tabir versinnbildlicht dabei für jedermann verständlich Angst und Unruhe, die der Autor selbst als neue, moderne Hölle bezeichnet hat. Der Palast der Träume ist keine leichte Lektüre, aber im Hinblick auf seine Entstehungsgeschichte und den herrschenden Umständen im Albanien der späten 70er, frühen 80er Jahre, ein äußerst mutiges Buch. Kadare hat mit dem Palast der Träume eine äußerst reale „Gegenutopie“ gezeichnet, die – anders als bei Orwell oder Huxley – ihren Schrecken in der wahren Welt bereits manifestiert hat.

Florian Jetzlsperger

Ismail Kadare

Der Palast der Träume

222 Seiten

9,90 Euro

Fischer Taschenbuch

Stand Oktober 2009

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