Der Nacht zum Gruß

In seiner Königsmörder Trilogie führte Patrick Rothfuss uns an die Universität von Imre, wo sein Hauptcharakter Kote einst studierte. Dort lernte er Auri kennen, ein Mädchen, das im Untergrund der Uni lebt. Sie ist ein zauberhaftes Ding – und dies ihre Geschichte.

Auri lebt am tiefsten Grund der Dinge, der Dinge der Universität Imre. Offenbar war sie einmal Studentin dort, denn sie ist selbst ein intelligentes Ding. Im Untergrund der Universität gab es einst mehr Leben, es war eine Wohnanlage für viele Menschen. Jetzt wohnt nur noch Auri hier, ein junges Mädchen. Die restliche Welt ist nicht für sie gemacht und sie nicht für diese Welt. Vermutlich würden alle anderen Menschen sie für äußerst wunderlich halten, aber eigentlich sieht Auri die Dinge nur, wie sie wirklich sind oder sein wollen. Für sie ist es das wichtigste, dass alles so und an dem Ort ist, wo es auch wirklich sein sollte

Eine neue Sicht der Dinge

„Sie war klug genug, sich selbst zu kennen, mutig genug, sie selbst zu sein und wild genug, sich zu ändern, sich dabei aber auch irgendwie treu zu bleiben. Sie war in dieser Hinsicht fast einzigartig.“ (etwa 3. Minute im 3. Kapitel) Das denkt Auri über die 12, ein Endeort. Zum einen ist das eine akkurate Beschreibung von Auri selbst. (Und ein dezenter Wink mit dem Zaunpfahl samt Zaun, Kirche und Dorf an die Hörer). Zum anderen zeigt es, wie zauberhaft sie die Welt wahrnimmt. Statt Ausdrücken wie Sackgasse zu nutzen, vergibt und erfindet sie eigene, wie eben ,Endeort‘. Sie sammelt nicht einfach Dinge, so wie wir sie in unseren Leben anhäufen. Sie gibt ihnen den rechten Platz, untersucht sie und geht einfach so unglaublich bewusst mit ihrer Umwelt um. Sie ist neugierig und erforscht diese Unterwelt, sie will wissen, wie sich die Dinge darin wirklich verhalten. Die Erziehung, die sie erhalten haben muss, ignoriert sie. Psychologisch gesehen ist sie keineswegs irgendwie zurückgeblieben. Sie kombiniert ihre Intelligenz und ihr Wissen mit der faszinierten Art eines Kindes, das die Welt entdeckt – wovon sich so mancher Möchtegern-Erwachsener eine Scheibe abschneiden könnte.

Die Kritik

Rothfuss‘ Umgang mit Sprache ist grandios. Wir hören von der Einsamkeit eines Knopfes, von flackarösem Gelb, von peinlich dienstbeflissenen Rohren, einer Steinkante, die ein einziger stumpfer Biss in ihren Allerwertesten ist. Wie Auri geht er in dieser Erzählung mit Augen durch die Welt, die sie ein erstes Mal sehen und nicht geblendet sind, wie die der Menschen übertage.

„Die Musik der Stille“ ist eine Ode an die Sprache. Eine Neuentdeckung unserer Welt durch Auris Augen. Ein Appell an unsere Lebensweise, die eine Portion „Bewusstsein“ mehr durchaus gut vertragen könnte.

Fazit: Auri ist wohl der zauberhafteste Nerd der Fantasy-Erzählungen. Wer sich seine innere Neugier bewahrt hat, sollte sich das Hörbuch unbedingt und mit ungeteilter Aufmerksamkeit anhören!


Bettina Riedel (academicworld.net)

Patrick Rothfuss. Die Musik der Stille. 4 h 26m Dauer.
Der Hörverlag. 19,99 Euro.

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