Der Morphsuit

Diese Woche habe ich ein Interview als beratende Psychologin für einen RTL Beitrag über „Morphsuits“ gemacht. Ein Morphsuit ist ein Ganzkörperanzug (…kondom) aus buntem undurchsichtigen Nylon, der sogar den ganzen Kopf einschließt, durch den man aber alles sehen kann (unter YouTube zu besichtigen). Es gibt mittlerweile eine große Netz Gemeinde der Morphsuit Fans und Träger. Ich wurde also gefragt: Warum?

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Tja, warum neutralisieren Menschen wohl ihre Identität mit einem knalligen Anzug, der ihnen viel Aufmerksamkeit verschafft und sie gleichzeitig nicht zur Verantwortung ziehen kann, weil man sie nicht erkenn?! Warum spielen sie damit in Fußgängerzonen Luftgitarre oder rennen als Gruppe durch den Park oder die Uni, verfolgt von Handykamerageklicke und den entsprechenden Resultaten auf Facebook fünf Min später?

Spiderman ist wohl der berühmteste Vorreiter dieser Mode und im realen Leben ein recht schüchterner Nerd (schon lange bevor die Nerds Mode wurden als totale Absage an die Perfektionsidentität und natürlich jetzt samt Brillenmode wieder zur Perfektion getrieben wird – man kann eben mit allem Geld verdienen, was Identitätssuchenden als Hilfe dient?). Im Anzug wird Spiderman zum Held des Alltags, hat besondere Fähigkeit, wird zu einem Anderen. Leider sind die modernen Morphsuitträger nicht von kryptonieden Spinnen gebissen, es bleibt ihnen daher nur die Alternative des Herumrennens und Ubahnfahrens (statt von Hausdach zu Hausdach zu schweben) – jedenfalls solang die Industrie noch nichts Neues erfunden hat, was den Menschen vortäuscht, dass sie endlich besonders toll sind, wenn sie es haben.

Wir Menschen haben immer schon davon geträumt in andere Identitäten zu schlüpfen. Fasching und Halloween (als mittlerweile voll etablierte, sichere Zweiteinnahmequelle der Kostümindustrie) sind hier erlaubte Identitätsprobierphasen. Genauso kommt diese Sehnsucht nach Identitätswandel auch mit der Tarnkappe bei Harry Potter (ca. um das Jahr 2000) und dem Nibelungenlied (ca. um das Jahr 1250) vor. Und in Märchen und Opern verkleiden sich ständig Männer als Frauen und umgekehrt.

Der kleine Sohn eines Freundes wollte eine Zeit lang nur noch im Prinzessinenkleid in den Kindergarten (weil die große tolle Schwester auch oft ein Kleid anhatte) – der Vater machte sich immense Sorgen und schenkte ihm einen riesigen Bagger, den er aber erst zum 5. Geburtstag anrührte, nämlich genau dann, wenn eine der „infantilen Identitätsfindungsphasen“ bei Kleinkindern dem Ende zu geht.

Die aktuelle infantilen Identitätsfindungsphase bei Erwachsenen rühren eher aus dem Problem unserer entzauberten Welt, die das Individuum zunehmend überfordert: Wer bin ich und wenn ja wie viele? Oder schlimmer noch: Wer muss ich sein und wie oft, um Anerkennung zu bekommen und mein Leben als gelungen zu definieren? Narzisstische Störungen nennen wir Psychologen dass: Hört sich schlimmer an, als es ist: Haben wir alle mehr oder weniger (manche eben etwas mehr, was nicht lustig ist, sondern traurig, vielleicht sogar bedenklich?) Sie rühren prinzipiell aus der Frage: Wer sieht mich (damit ich als ein wichtiges Mitglied meiner Gruppe/Gesellschaft akzeptiert werde und überleben kann)?

Natürlich gab es aufgrund des Beitrags auf RTL einen lauten Aufschrei und die gefühlte Hälfte aller Morphsuitanhänger hat mich per Mail wüst beschimpft und weil mittlerweile 1 Millionen (1 000 000!) Anzüge verkauft wurden, waren das sehr viele.

Leider gingen die Einwände über „die Psychologin ist doof“ und „stimmt alles gar nicht, wir haben sogar angehende Psychologen im Morphsuit-Team“ nicht hinaus (angehende Psychologen sind die schlimmsten Besserwisse – weiß ich aus Erfahrung): Der „zwanglose Zwang des besseren Argumentes“ (nach Habermas), eines meiner liebsten Regeln bei der essayistischen Wahrheitssuche, scheint bei den Morphsuitträgern noch nicht angekommen (und ich hab ja im Fernsehen nicht gesagt: „Was ein Scheiß, denen fällt wohl nix Besseres ein, um die Zeit rum zu bringen…“).. Schade. Hinter der anonymen Masken der Morphsuitträger und ‚NurImNetztTrauIchMich-Narzissten‘ scheinen also doch Menschen im Ringen mit sich selbst nicht genug Mut zu besitzen mit offenem Visier und guten Argumenten für ihre Identität zu streiten oder auch nur Luftgitarre in der Fußgängerzone zu spielen?.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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