Der Marktwert der Liebe – Teil II

Doch was kommt nach dem kurzen Rausch der Eroberung eines schönen und „statusgerechten“ Menschen, diesem leider so vergänglichen Kick für das eigene Selbstwertgefühl, dem kurzen, von Hormonen dominierten Moment, in dem wir uns am Ziel unserer Träume wägen? Denn die Zeit und das Leben laufen ja weiter und die Konservierung dieses kurzen Augenblicks „wo endlich mal alles so ist, wie es sein sollte“ gelingt nur in Filmen, kurz vor dem Abspann.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Wenn wir den Zuschlag dann also bekommen haben, von jemandem, der hoch genug im Kurs steht, dem Mr. RIGHT / der Mrs. RIGHT unserer Vorstellung, können wir die Beziehung, von der wir die ganze Zeit geträumt haben, leider oft genug nicht „leben“. Plötzlich sind wir uns doch nicht so sicher, ob das der richtige Mensch ist, für die eigene großangelegte Zukunft. Und so zweifeln wir bald schon, ob es nicht noch „etwas Besseres“, Passenderes gäbe… Oder wir überlegen uns, an welchen Stellen der andere noch verbessert werden muss, um dem Idealbild zu entsprechen: Wie müsste er uns behandeln, sich benehmen oder aussehen, damit wir uns wirklich geliebt und bestätigt fühlen. Das Beste ist des Guten Feind. Nirgendwo zeigt sich der Kapitalismus, der unsere Auffassung von der großen Liebe heute bestimmt, deutlicher. 

Man versucht mit seinem Einsatz so viel wie möglich aus der Beziehung heraus zu holen. Oder man betrügt den Handelspartner um die eigenen Emotionen, seine Bestätigung  (als könnte man heimlich das gewonnene Gefühl – die eigene Selbstbestätigung durch den anderen – auf ein Gefühlskonto transferieren und in schlechten Zeiten darauf zurückgreifen). 

Die große Beschwerde, die enge Freunde und Paartherapeuten immer wieder und immer häufiger erreicht, ist die über die Unfähigkeit der Männer den Frauen die notwendige Sicherheit und Bestätigung durch ihre offen gezeigte Liebe zu geben. Umgekehrt erheben die Männer Beschwerde, dass ihnen nicht genug Freiheit gelassen wird, sie sich überfordert und eingeengt fühlen durch die ständige Kritik und die Ansprüche der Partnerin. (Natürlich können diese Vorwürfe auch umgekehrt vorkommen, doch alle Studien und Therapie-Auswertungen verweisen auf einen höheren Anteil an Frauen, die festere Bindungen eingehen und bestätigt bekommen wollen oder mehr Nähe fordern.) In der Sprache der Therapeuten werden diese Bindungsprobleme auch unter dem Begriff „Nähe-Distanz-Konflikt“ zusammengefasst.

Der Traum von der großen Liebe scheint in der Realität immer wieder zu scheitern und endet irgendwann in einem typischen Teufelskreis: Die wachsende Sehnsucht nach Nähe des einen lässt die Beziehung für den anderen einengend und somit abschreckend erscheinen. Die übergroße Sehnsucht führt erst recht zu Distanz und dadurch zu noch mehr Nähe-Sehnsucht. Dies kann wechselseitig geschehen oder teilt sich auf, in eine permanente Sehnsucht nach Nähe des einen Partners und eine ständige Angst davor bei dem anderen. Trotz Attraktivität und Status, den man auf dem Partnermarkt für sich errungen hat, fühlt man sich dann in einem solchen grundlegenden Nähe-Distanz-Konflikt in der Partnerschaft schnell bevormundet oder nicht genug beachtet, genervt oder zurückgewiesen und gekränkt: Die Liebe wird zäh und frustrierend.

Grenzenlose Freiheit von Konventionen und unbegrenzte Kontaktmöglichkeiten verhindern heute, dass wir uns mit Problemen in der Liebe auseinander setzen müssen. Es ist viel einfacher eine neue Liebe zu suchen, auf einen besseren Partner zu hoffen oder sich anderweitig abzulenken. Wir sind es in unserer kapitalistischen Konsumwelt gewohnt, Dinge einfach auszutauschen, wenn sie nicht richtig funktionieren. Das Internet hat die Auswahlmöglichkeiten vervielfacht und die Kriterien der Wahl immer weiter verfeinert, die Listen der Erwartungen spezifiziert und gleichzeitig greifbar gemacht. Erwartungshaltungen und psychologisches „Halbwissen“ gehen der Intuition und dem Gefühl voraus oder haben sie sogar ersetzt. Es geht nicht mehr nur darum jemanden zu finden, der einem gefällt: Es geht um Nutzenmaximierung, die Erfüllung marktorientierter Ansprüche, die das große Ziel vom perfekten Leben in der perfekten Liebesbeziehung ausmachen. Wir fragen uns nicht, welche Gefühle in einer glücklichen Partnerschaft von uns selbst gelebt, gefühlt, gezeigt, geschenkt werden sollten, sondern, was wir uns mit unserem Marktwert leisten, mit unserem Potential erwarten können.

Gleichzeitig suchen wir immer häufiger starke, positive Gefühle in Dingen, die nichts mit dem „durchrationalisierten“ Alltag zu tun haben, weil dieser nur noch frustriert oder langweilt. Wir suchen sie in Filmen, in Videospielen, in Extremsportarten, schauen anderen beim Gewinnen zu, auf den Großleinwänden des Public Viewing. Wir haben (nebenher) Affären, die uns die Aufregung in der Liebe generieren und sich einfach über das Internet organisieren lassen. Dort können wir unsere Emotionen kontrollieren und ihren kurzen Rausch steuern. Doch all das stumpft schnell ab. Das alltägliche, reale Leben wird bald wieder langweilig – besonders im Vergleich zu den Traumbildern in den Medien. 

Andererseits wird unser Bedürfnis nach tiefen, verbindenden Gefühlen immer größer, gerade weil die soziale Verbindlichkeit in Firmen und Familien in unserer „Hire and Firekultur“ immer schwächer wird. Versuchen wir diese Sehnsucht dann doch noch mal in einer Liebesbeziehung zu stillen, erscheint der Partner schnell als zu unperfekt und unfähig: Er scheint nicht liefern zu können, was wir erwarten. Sicherheit und Aufregung, die in den Liebesgeschichten der Medien und Filme so selbstverständlich nebeneinander gehen, sind in der Realität widersprüchlich. Das schafft immer neue unbefriedigte Bedürfnisse, die uns zum Weitersuchen auffordern und eine grundlegende Zufriedenheit verhindern.

(Fortsetzung folgt)

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