Der kleine Vorteil

Eine Frau in meinem Bekanntenkreis, Frau S., hatte als alleinerziehende Mutter und Studentin vor Jahren eine Sozialwohnung von unserer schönen, teuren Stadt München bekommen in bester Lage, nagelneu mit kleinem Garten, im sogenannten integrierten Wohnbau: Gebäudekomplexe mit Sozial- und Normalwohnungen als Mittel gegen Ghettobildung errichtet.
Dann wurde diese Bekannte, nach Beendigung ihres Studiums, Rechtsanwältin und sie hatte Glück: Der Mietausgleich (Geld das auf die Sozialmiete aufgeschlagen wird, um sie an den normalen Mietzins anzupassen, wenn kein Sozialfall mehr vorliegt) wurde abgeschafft: Einfach so hatte das Land Bayern als reiches Bundesland beschlossen: Menschen, die vorher arm waren und jetzt gut verdienen (z.B. Studenten) müssen keine Aufschlag mehr zahlen und dürfen den billigen Wohnraum weiter bewohnen – trotz massivem Wohnungsnotstand, besonders für solche Wohnungen, die für Alleinerziehende vorgesehen sind, damit ihre Kinder nicht in die Kriminalität der Ghettos abrutschen. Seltsamer Missbrauch unser aller Steuergelder.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Natürlich ist Frau S. in der Wohnung geblieben und hat sich gefreut. Auch als ihr Sohn dann auszog zum Studium, blieb Frau S. rechtmäßig und zum Spottpreis in ihrer 70m2 Wohnung im schönen Viertel, am schönen Platz wohnen. Doch dann lernte sie einen Mann kennen, einen gutverdienenden Arzt und zog zu ihm in seine große Wohnung. Doch sie dachte nicht daran, ihre Sozialwohnung, vor Jahren in Notlage vom Staat zugesprochen, nun an andere Notleidende zurück zu geben. Im Gegenteil: Sie hat die schöne Sozialwohnung für teures Geld untervermietet, schwarz natürlich und macht jetzt jeden Monat 1000 Euro Gewinn! 

Jeder von uns versucht seinen eigenen Vorteil zu vergrößern. Jeder von uns ist dafür bereit bestimmte Grenzen zum Unrechtmäßigen zu überschreiten: Wir parken falsch, wir optimieren unsere Steuererklärung, wir laden ab und an irgendwas illegal aus dem Internet herunter, etc. Gleichzeitig bremst unser Sinn für Gerechtigkeit (der übrigens auch schon bei Affenhorden nachzuweisen ist) und unser Empathievermögen diese Selbstsucht ein. Wir sind Gruppenwesen und unser Egoismus wird von dem der anderen begrenz, unser Altruismus (der freiwillige Verzicht auf unseren Vorteil, unsere moralische Integrität) verschafft uns ein gutes Ansehen in der Gruppe. Unser Rechtssystem ist unbedingt notwendig, um diese Selbstsucht im Zaum zu halten. Wenn es sich ändert, es z.B. rechtens wird Volksgruppen zu diskriminieren oder Gefangene ungestraft zu quälen, bricht das moralische Empfinden schnell zusammen. 

Es gibt wenig Menschen, die eine wirklich stabile moralische Selbstreferenz haben d.h. egal in welchem Gesellschafts- und Rechtssystem ihre eigenen moralischen Standards nicht aufgeben. „Ich kann mir dann nicht mehr im Spiegel in Gesicht sehen“, ist der passende Gedanke dazu. Diesem „Ich nicht“ liegt ein sehr stabiles Selbstwertgefühl zu Grunde, denn nichts verunsichert uns mehr, als sich gegen die eigene Gruppe und ihre (inoffiziellen) Regeln zu stellen, anderen beim Vorteilnehmen zuzusehen und sich selbst aus moralischen Gründen raus zu halten.

In unserer heutigen Gruppe, Gesellschaft herrscht das ungeschriebene Gesetzt des: Jeder muss schauen wo er bleibt: Arme Menschen bescheißen den Sozialstaat, reiche Menschen bescheißen die Steuer – und einige  Menschen, wie Frau S., bescheißen beide. Wo ist die Grenze? Rechtfertigt der laxe Umgang des Staates mit unseren Steuergeldern unseren Betrug am System? Ist jemand, der mit Sozialwohnungsbetrug Geld macht schlimmer, als jemand der bestimmte Steuern nicht zahlt? Oder müssen wir in unserer schnell sich verändernden, globalen Gesellschaft Moral im Dialog ständig neu verhandeln, nicht nur mit den Chinesen, sondern auch mit unseren Bekannten?

Das seltsame an dem Fall von Frau S. war, dass gerade ihr, die prinzipiell die Welt nur durch die Brille ihres Vorteils sieht, die am liebsten Champagner mit anderen namhaften Münchnern trinkt, die sich ausrechnet wie viel Geld sie nach der Scheidung von ihrem Freund bekommt, bevor der sie überhaupt geheiratet hat, die nie wirklich ihre Grenzen erkennt – sowohl die ihrer realen Fähigkeit, als auch die der Scham – dass man gerade dieser Frau natürlich am wenigste die 1000 Euro extra im Monat auf Kosten des Sozialstaates gönnt. Wäre sie in Not oder ein stets altruistischer Mensch, der sich für andere ein Bein ausreißt, würde man ihr den Betrug wohl eher noch als „Durchwurschteln“ zusprechen. 

So ist unser Moralempfinden situationsbedingt. Aber die Verpflichtung, die man verspürt sich an Recht und Gesetzt zu halten, lässt massiv nach, wenn man das Gefühl bekommt: Der Staat verhält sich ungerecht, ich trage Schmarotzer mit, die anderen tun das auch, die Reichen können nicht genug bekommen, die Banken werden gerettet und ihre Manager schaufeln sich trotzdem die Taschen voll – kurz: Es geht ungerecht zu im Staate Deutschland. Da noch standhaft zu bleiben und auch in unbequemen Situationen gegen den eigenen Vorteil und für die Moral zu entscheiden, fällt immer schwerer. Aber würde es nicht auch helfen dem Unrecht die Stirn zu bieten, also Frau S. anzuzeigen? Aber wird sie dann sichtlich bestraft? 

Das moralische Gefühl bleibt stabil, wenn man das Gefühl hat: Ich kann mich gegen Unrecht erfolgreich wehren, die Zumwinkels und Frau S.´ dieser Welt, die das Maß des kleinen eigenen Vorteils zu weit überschreiten, werden bestraft. Denn das Gerechtigkeitsempfinden ist für das Gruppenwesen Mensch elementar. Die Aufständischen dieser Welt zeigen es gerade und die Wirtschaft versucht es nicht zu hören. 

von Katharina Ohana
Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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