„Der Himmel, dös is die Odeonsbar.“

Allein für diesen Münchner Lokalkolorit muss man Walter Serner mögen. Schade nur, dass es diese Bar nicht mehr gibt. Aber keine Sorge, seine Schauplätze sind vielfältig und international – genau wie die Charaktere in seinen kurzen Kriminalgeschichten.

Auf eine klassische Inhaltsangabe müssen wir zwecks der Natur der Sache verzichten: Bei „der rote Strich“ handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Kriminalgeschichten. In denen betrachtet man die Welt aus vollkommen anderen Augen: Die der Hauptpersonen. Der Herr Serner beschreibt diese Ansichten sehr… individuell? Im wahrsten Sinne des Wortes eigenartig? Jedenfalls werden es höchstwahrscheinlich sehr oft ganz andere Weltansichten sein, als die, die ihr von euch kennt.

Man könnte durchaus den Vergleich zu Facebook ziehen: Was macht das soziale Netzwerk so attraktiv? Dass man jederzeit Einblicke in das Leben der anderen bekommt. Und weil ein Netzwerk nur dann überlebt, wenn jeder einen Teil von sich preisgibt, macht das auch jeder. Nur, dass man anderen oft tiefere Einblicke gibt als einem lieb ist. Und genau deswegen lieben wir Facebook: Weil wir in das Leben der anderen reinspähen können. Serner verfasste seine Geschichten weit vor der Gründung des großen blauen Gesichtsbuchs – die Spur des Autors verliert sich in einem Konzentrationslager… Im Prinzip bietet er aber genau diese Einblicke in das Leben und das Selbstverständnis anderer Menschen – und wie sie ihr Leben handhaben.

Da wäre zum Beispiel ein intelligenter Arbeitsloser, der sich tatsächlich eine Strategie zurecht legt, um Arbeit zu finden. Nicht, indem er eine bestimmte ausgeschriebene Position füllt, sondern für sich eine gänzlich neue erfindet. Und die Gesellschaft um ihn herum? Adaptiert sich reibungslos um ihn herum. Oder der Dr. Schwer, der definitiv zur Kategorie „wer ruhig ist, hört mehr“ gehört und sich ‚eine Kokette‘ frei Haus hält. Nun gut, abzüglich des guten Essens, das sie ihm ‚stibitzt‘. Die leichten Fräuleins kommen besonders oft vor und sind so hartnäckig wie unterhaltsam. Insgesamt spielen die Geschichten vor der Zeit der großen DNA- und sonstigen Labortests. Als Charme noch Tür und Tor öffneten, wortgewandt Bonmots ausgetauscht wurden und Damen tief fallen konnten, wenn sie mit dem falschen Herrn sprachen.

Jede Geschichte hat in etwa nicht mehr als 20 Seiten. Das erlaubt zwar, das Buch öfters aus der Hand zu legen, erzwingt das aber geradezu. Denn die Geschichten beginnen immer mit vollkommen neuen Persönlichkeiten an anderen Orten und neuen Hintergründen. Darauf muss man sich erst einmal in aller Ruhe einstellen – schnelles „Runterlesen“ ist hier also nicht. Und soll es vermutlich auch nicht sein. Was für eine ein Nach- ist für andere ein Vorteil: Auf dem Weg zur Arbeit kann man sich gut und gerne eine bis zwei Erzählungen durchlesen und muss sich hinterher nicht merken, wo man denn inhaltlich stehen geblieben ist. Nicht zu vergessen das handliche Format, das auch mit der Manesse-eigenen Liebe gestaltet wurde: Stoffeinband, Schutzumschlag, leicht gelbliches, dennoch starkes und glattes Papier innen. Das schlägt sich natürlich auf den Preis nieder, rechnet sich aber durch das Vergnügen beim Lesen. Abgesehen davon: Weihnachten kommt!

Kommen wir zum absoluten Lieblingszitat, sonst wird die Rezension gar länger als das Buch: „Weil das gewaltige Stück Dummheit, das in jedem Menschen steckt, darin besteht, im Geheimen sich selbst für ein Genie zu halten und vielleicht noch einige Tote.“ Auf der Seite 159f. Ist euch das nicht auch schon mal so ergangen? Dass ihr oder andere von Außenstehenden verurteilt werdet, wenngleich diese noch nicht mal ansatzweise über alle Fakten zum Vorgehen Bescheid wissen? Trotzdem werden Urteile gefällt und die Leute sind davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber diese Form der absoluten Ignoranz macht mich ziemlich oft wütend ^^ Das heißt für das Buch vor allem, dass es zwar in sich logische Kriminalgeschichtchen sind – aber wer mag, kann hier noch viel mehr entdecken und für sich herausziehen.

Und weil es noch erwähnt werden muss: Die Sprache ist keine moderne. Die Satzstruktur ist bisweilen etwas komplizierter, zwischendrin kommt viel Französisch, auch ein nummerierter Annex ist vonnöten. Die Sprache klingt sehr melodisch und ein bisschen altbacken, aber auf eine fast schon kultige Art. Fazit: Diese Sammlung kleiner Kriminalgeschichten ist mit absoluter Sicherheit für niveauvolles Lesen gedacht, ganz ohne Nivea.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Walter Serner. Der rote Strich.
Manesse Verlag. 24,99 Euro.

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