Der „Gefälltmirnicht“ Button

Es ist also amtlich: Eines der wertvollsten Unternehmen der Welt ist ein soziales Netzwerk. Jetzt kann man natürlich sagen: Es ist nur wertvoll, weil so viele hoffen dort direkt maßgeschneidert auf die Käufer ihrer Produkte zu treffen. Aber die spannendere Frage ist ja: Warum melden sich so viele an, die sich ausspionieren lassen. Was ist für die menschliche Psyche so reizvoll an Facebook?

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

1.) Der Mensch ist – wie schon so oft hier erwähnt – ein Gruppenwesen. Alles, was ihn also mit anderen verbunden fühlen lässt, bekommt einen emotionalen „Gefälltmir“ Button. Das kann in der realen Welt gemeinsames Biertrinken oder Fußballgucken sein oder in der virtuellen eben alle anderen Themen mit Gleichinteressierten. Es fühlt sich gut an mit anderen verbunden zu sein, weil es unser Überleben sichert. 358 Freunde sind doch der gefühlte Beweis: Ich hab eine Gruppe um mich, Leute, die mich kennen und meine Freundschaft bestätigt haben.

2.) Der Mensch hätte gerne ein hohes Ansehen in seiner Gruppe, umso mehr Bestätigung und Aufmerksamkeit bekommt er von den anderen Gruppenmitgliedern, umso mehr kann er die Gruppe für seine Bedürfnisse einspannen. Ich erzähle also allen anderen Gruppenmitgliedern, wer ich bin, was ich schon alles erlebt und geleistet habe und was ich so mag. Und durch Facebook bekomme ich das Gefühl: Alle wissen das jetzt, interessieren sich dafür, registrieren mich als Original. Wenn alle meine 358 Freunde real vor mir in einem Saal sitzen würden und ich ihnen einen Vortrag hielte über meine Geschichte und meine Vorlieben, würde es mich wohl deprimieren, dass recht viele nach kurzer Zeit den Raum verlassen, telefonieren oder essen oder mit dem Nachbarn schwatzen.

Aber da ich die Freunde eben nicht sehe, habe ich das Gefühl jeden dummen Witz, den ich reiße, jedes ausgefallene Haar, jede Nudel, die ich esse, interessiert die anderen. Ich kann glauben alle 358 Freunde sitzen da und warten nur auf meinen nächsten Zahnarztbesuch und lesen meine Lebenschronik von der Grundschule bis zur geplanten Grabbepflanzung mit Spannung. So gaukele ich und Facebook mir vor: Ich bin wichtig, ich bin originell und original, bemerkenswert, interessant.

3.) Durch Facebook wird es sicher leichter, jemanden zu finden und unverbindlich anzuschreiben. Doch die meisten in der Realität spannenden Menschen, Leute, die viele gerne mal kennenlernen würden, benutzen Facebook dagegen nur als kostenlose PR Maschine. Sie antworten nicht auf irgendwelches Angestubse oder „ich finde Dich so toll“ Geschleime. Doch für die anderen bleibt das Gefühl mit diesen Menschen trotzdem in persönlichen Kontakt getreten zu sein, von ihnen persönliche (PR-) Nachrichten zu erhalten, über das nächste Konzert, das nächste Projekt extra informiert zu werden und nix zu verpassen. (Twitter funktioniert hier genauso). 

Der gemeine Facebooknutzer bekommt also einen Selbstwertpusch, weil Facebook sehr umfangreich unser Bedürfnis nach einem guten Platz in der Gruppe bedient. (Lassen wir mal die Abwertung anderer hier außen vor, die aber auch nur das eigene Selbstwertgefühl und Machgefühl bestärkt.)

Die schnelle und unkomplizierte Kommunikation ist ja nur von Wert, wenn man sich fragt: Wozu? Mit wem kommuniziere ich denn über was? Ist es ein kurzes Bla Bla, ein „ich bin da, du bist da“, was ist grad los, verpasse ich was (und dieses `was´ wäre dann auch noch zu definieren). Ist es eine Dauerverbundensein auf niedrigstem Empathie-Niveau. Oder ist es ein echter Austausch über Dinge, Emotionen, die mich bewegen und wo ich von anderer Seite wirklich Zuwendung und Hilfe bekomme. Wie viel wirklich lustige Dinge begegnen mir in dem Schwall, wie viel Fotos, Videos berühren mich wirklich mit ihrem Inhalt? Wie viel Zeit geht mir verloren? Warum lass ich mich gerne ablenken mit lauter lauwarmen Dauergedudel?

Ich war erstaunt zu hören, dass in den Ländern, die schon lange Facebook haben, die Neuanmeldungen stagnieren, bei 50%. Also die Hälfte der Menschen wird sich wohl nicht mehr beteiligen (vielleicht gibt es noch ein paar Verschiebungen durch den demographischen Wandel).

An dieser Stelle muss ich zugeben: Ich verstehe Facebook nicht. Es funktioniert nicht bei mir als jemandem, dessen Lebensinhalt es ist, die tiefen Zusammenhänge in der Welt zu erkennen. Ich benutze es ausschließlich, um meinen Blog und sein aktuelles Thema zu promoten und mich von Leuten finden zu lassen, mit denen ich dann sofort auf Mail wechsle, wenn ich wirklich in Kontakt mit ihnen treten will. Aber es ist natürlich auch schön und puscht mein Selbstwertgefühl, dass mich viele Leute kontaktieren, die mich gar nicht kennen und gerne meine PR-Nachrichten bekommen wollen. Nur ich selbst bin in der Woche maximal zehn Minuten auf der Facebook Seite.

Und dann kommt noch dazu, dass ich mittlerweile mehrere Freunde haben, die mitten im realen Gespräch auf ihre Smartphone schauen, um nix zu verpassen auf Facebook. Es gibt nichts, was mich schneller dazu bringt mich mit diesen Menschen einfach nicht mehr ernsthaft auseinander zu setzen oder sie zu treffen. Sie bekommen meinen persönlichen „Gefällt mir nicht“ Button und werden in meinem Freundeskreis stillgelegt, solange sie das Verhalten nicht ändern. 

Es sind übrigens exakt dieselben Leute, die mit engen, dauerhaften Beziehungen Schwierigkeiten haben.

 

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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