Der Fall Chodorkowski: Eine russische Geschichte

Michael Chodorkowski, ehemals einer der reichsten Menschen Russlands, befreundet mit den Mächtigen dieser Welt, sitzt im Gefängnis, in Sibirien. Was ist geschehen? Diese Frage zu beantworten, versucht Cyril Tuschi in seinem Dokumentarfilm “Der Fall Chodorkowski”, der 2011 auf der Berlinale vorgestellt wurde und am 17. November in die Kinos kommt.

Mit dem Beginn der Perestroika unter Michael Gorbatschow, werden die Zeiten für Chodorkowski rosig. Er war als Funktionär der kommunistischen Jugendorganisation “Komsomol”, als einer der Ersten in der Lage private Unternehmen zu gründen, nachdem die Sowjetführung in den späten 80er Jahren eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung betrieb.

Chodorkowski gründete 1989 die erste private Geschäftsbank Russlands, knüpfte enge politische Verbindungen in den Kreml und begann sich im Energiehandel zu engagieren. Mit seinen Partnern baute er die Menatep-Invest-Bank auf, die Kapital für seine Firmen anlocken sollte.

Das YUKOS-Imperium

1995 erwirbt Chodorkowski, dank seiner guten Beziehungen zu Präsident Jelzin, im Zuge der großen Privatisierungen in Russland, für 300 Millionen Dollar das Energieunternehmen YUKOS. Die russische Regierung stand damals vor der Wahl, die Staatsunternehmen entweder zu Weltmarktpreisen zu verkaufen, die aber nur von ausländischen Kapitalgebern aufgebracht werden konnten, da in Russland nach fast einem Jahrhundert Kommunismus kein Russe in der Lage war diese Summen aufzubringen.

Oder die Regierung verkaufte die Unternehmen unter Weltmarktpreisen an Russen. Und genau dies geschah. Jelzin ließ einen Kreis von Unternehmern, darunter Chodorkowski, bei den Verkäufen der staatseigenen Firmen bevorzugen und schuf somit eine neue soziale Schicht in Russland: die Oligarchen.

Konflikt mit dem Kreml

Mit dem Amtsantritt Wladimir Putins ändern sich die Koordinaten der russischen Politik. Putin, ein ehemaliger KGB-Agent, gibt die neue Richtlinie vor, dass sich die Oligarchen sich nur noch um ihre Geschäfte kümmern und sich aus der Politik heraus halten sollen. Chodorkowski unterstützte jedoch mir seiner Stiftung “Offenes Russland”, die vor allem in Bildung investierte, fast alle politischen Parteien und somit auch die Opposition. Als er dann auch noch wagte in einer live im Fernsehen übertragenen Sendung Putin, indirekt vorzuwerfen, dass dieser die Korruption tolerieren würde, ist beim Präsidenten die Schmerzgrenze erreicht.

Chodorkowski wird am 25. Oktober 2003 von einer Spezialeinheit der russischen Polizei in seinem Privatjet festgenommen und zwei Jahre später zu zehn Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt. YUKOS wird daraufhin zerschlagen und fast hundert Angestellte und Manager des Unternehmens werden inhaftiert. 2010 kommt es zu einem neuen Prozess gegen Chodorkowski, in dem er zu weiteren sechs Jahren Haft verurteilt wird.

180 Stunden Interviews in 111 Minuten

Die Dokumentation von Cyril Tuschi lebt vor allem von den Interviews, die der Regisseur in fünfjähriger Arbeit zusammengetragen hat. Darunter ist auch der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer, der ungewöhnlich offen über die Causa Chodorkowski spricht. Aber auch andere zentrale Figuren der Zeit, vor allem russische Offizielle, Familienangehörige und Geschäftspartner Chodorkowskis kommen zu Wort.

Nachdem Anfangs ein wohlwollendes Bild des Oligarchen gezeichnet wird, kommen im Laufe des Films auch immer mehr kritische Zeitgenossen zu Wort. Sie werfen ihm Arroganz und vor allem Naivität vor, als er sich verhaften ließ, obwohl er von der bevorstehenden Verhaftung wusste.

Tuschi, dessen Vorfahren russischer Abstammung sind, besuchte in Seattle die High School und studierte in Frankfurt am Main Philosophie, bevor er an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Regie studierte. Er drehte Kurzfilme, Musik- und Werbevideos und feierte 2005 sein Spielfilmdebüt mit “SommerHundeSöhne”.

Kein gebrochener Mann

Am Ende des Films gelingt es Tuschi Chodorkowski im Gerichtssaal kurz zu interviewen. Dies ist der Schlüsselmoment des Films, denn obwohl der Regisseur mit dem Häftling in Briefkontakt stand und aus dieser Korrespondenz zitiert, ist dies der Moment in dem der Name und die Geschichte hinter der Person verschwindet. Man erlebt einen lächelnden Mann hinter einer Glasscheibe, der sich eventuell verkalkuliert hat, wie er selbst zugibt, aber dennoch kein gebrochener Mann ist, sondern ein Mann, der ein Ziel verfolgt und dies auch erreichen wird.

(David Santin)


Der Fall Chodorkowski

Regie: Cyril Tuschi
Kinostart: 17. November 2011

Im Verleih von Farbfilm Verleih

Stand November 2011
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