Der digitale Puppenbauer

Passend zum Verkaufsstart des neuen Pixar-Machwerks „Merida“ hat Redakteurin Gisela Stummer von Academicworld sich im Rahmen der animago AWARD & CONFERENCE mit Bernhard Haux unterhalten. Der gebürtige Münchner arbeitet seit 2008 bei den Pixar Animation Studios.

Der digitale Puppenbauer
Bernhard Haux kam im Jahr 2008 zu den Pixar Animation Studios. Bei seiner Arbeit als Character Technical Director liegt das Hauptaugenmerk auf der reibungslosen Umsetzung einer Vielzahl von Charakteren mit unterschiedlichsten Designs.

Bernhard, du bist Character Technical Director bei Pixar. Was darf man sich darunter vorstellen?
Zunächst einmal: In meinem Team sind wir alle Charcter Technical Director. Unsere Aufgabe ist es, die Charaktere von dem Zeitpunkt an, wo sie vom Charcter Designer entwickelt wurden, umzusetzen, zu bauen. Das geht bis zu dem Punkt, wo der Animator die fertige Figur dann in seiner Szene einsetzt. Wir selbst sind also weder Animatoren, noch Character Designer. Ich würde uns eher als die digitalen Puppenbauer bezeichnen. Dabei geht es darum die Gesichtsausdrücke zu gestalten, die Bewegungen und Bewegungsspielräume festzulegen. Wir geben dabei keine direkten Bewegungen vor, legen aber fest, in welchem Rahmen sich der Charakter bewegen kann. Die Animatoren können unsere Charktere dann nehmen und in ihren Shots darstellen lassen.

Wofür genau warst du denn bei Merida zuständig?
Bei diesem Film war meine Aufgabe eine ziemlich technische. Ich habe mich um die Hintergrundmenschen, die verschiedenen Clans, gekümmert. Dabei ging es etwa um die technische Funktionalität der Gesichter, also darum, was für Kontrollen man den Animatoren in diesem Bereich liefern kann. Bei den vorherigen Filmen hatte ich mehr direkte Charakterarbeit gemacht, etwa Architektur und Gesichtstechnologien für die Figuren entwickelt.

Vor Merida haben sich Pixar-Filme oft auf nichtmenschliche Charaktere fokussiert. War es dein erster Kontakt mit menschlichen Figuren?
Ich hatte durchaus auch vorher schon mit menschlichen Charakteren zu tun. Bei ‚Toy Story 3’ etwa habe ich an den Kindergartenkinder gearbeitet und bei ‚Oben’ an der Szene, in der der kleine Carl seine spätere Frau kennenlernt.

Wie viel kreative Freiheit habt ihr in eurem Bereich eigentlich, wenn ihr doch mit festen Vorgaben von Animatoren und Character Designern konfrontiert seid?
Wir haben eigentlich viel Freiheit. Wenn man ein Character Design hat, dann ist das so, wie wenn ein Musiker die Noten vor sich liegen hat. Das ist also keine absolute Vorlage, sondern wird von uns interpretiert, und ins 3-Dimensionale übersetzt. So gesehen sind wir digitale Bildhauer. Wir führen die Figur aus der Ebene in die 3-Dimensionalität und statten sie mit technischen Funktionen aus. Das geht bis zu den Gesichtszügen. Was in zwei Dimensionen funktioniert, kann in drei komisch aussehen – etwa Augen seitlich am Kopf, eine typische Zeichentrickdarstellung. Da ist es dann an uns, etwa die Position der Augen neu festzulegen. Es ist aber sehr wichtig, dass man die Charaktere ideegetreu übersetzt. Wir beschäftigen uns daher ausführlich mit der Persönlichkeit, die der Charakter haben soll.

Woran arbeitest du im Moment?
Meine Arbeit an Merida ist ja schon seit zwei Jahren abgeschlossen. Auch mein Anteil an einem weiteren Film ist schon abgeschlossen. Aktuell arbeite ich an einem Film, der noch ohne offiziellen Titel ist und 2015 in die Kinos kommen wird. Wir haben also eine gewisse Vorlaufzeit.

Gibt es eigentlich eine animierte Figur, die du gerne selbst entwickelt hättest?
Eine 3D-Version von Tarzan hätte ich gerne mal gemacht, oder Stitch aus ,Lilo & Stitch‘. Den finde ich klasse. Mit dem hätte ich bestimmt viel Spaß gehabt.

Ja, der ist schon ein nettes Kerlchen. Dein Berufsbild ist ein relativ neues. Was wolltest du denn eigentlich als Kind werden?

Lange Zeit wollte ich Architekt werden, auch weil ich immer schon gerne gezeichnet habe. Als ich dann aber mit 12 auf einer Comic Book Convention den Pixar-Kurzfilm ‚Knick-Knack’ gesehen habe, war für mich klar: Das will ich machen. Dass man Geschichten in diesem Stil erzählen kann, hat mich damals sehr beeindruckt. Was dazu führte, dass ich mich weiter über diese Richtung informiert habe und irgendwann die Architektur nebensächlich für mich wurde. Allerdings konnte man damals noch nicht wirklich Geld verdienen mit so etwas und in Deutschland gab es dergleichen überhaupt noch nicht. Deshalb war Pixar immer mein großes Ziel. Als ich dann im Laufe der Zeit die Langfilme, wie Monster AG, gesehen habe, wurde mein Wunsch nur noch stärker.

Und letztlich hat es ja auch geklappt.
Genau. Ich habe mein Ziel immer weiter verfolgt. Wenn man für etwas eine große Leidenschaft aufbringt, ist es ja auch so, dass einem oft Dinge in den Weg fallen. Eigentlich wollte ich in Amerika studieren, dort, wo Disney seine Animatoren ausbildet. Da hätte aber ein Trimester schon etwa 25.000 Dollar gekostet. So war diese Möglichkeit schnell gestorben. Alternativ wollte ich dann in Berlin Animation studieren, habe mich ein Jahr lange auf die Bewerbung vorbereitet. Und kurz vor der Abgabe wurden meine sämtlichen Zeichnungen aus dem Atelier gestolen. Unfassbar. Zu diesem Zeitpunkt war der Traum für mich fast gestorben. Schlussendlich habe ich dann an der Filmakademie Baden-Württemberg angefangen zu studieren. So war also der letzte übrig gebliebene Weg, den ich mir für mich vorstellen konnte, letztlich genau der, über den es geklappt hat.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der digitale Puppenbauer

Prinzessin für eine neue Generation

Angesichts dessen, was kleinen Mädchen heute als Identifikationsfiguren angeboten wird muss man Merida fast schon hymnisch loben. Jenseits von rosaroten Glitzerwelten behauptet sich die aufmüpfige junge Königstochter mit dem wilden Haupthaar gegen Zwänge und Vorgaben der Gesellschaft. Das geht nicht immer gut – in Handlung wie filmischer Umsetzung – ist aber durchweg unterhaltsam und nett anzusehen. Vor allem die Kulisse der schottischen Highlands weiß zu begeistern. Und am Ende braucht die moderne Prinzessin von heute nicht einmal mehr einen holden Prinzen, der sie rettet. Wenn das mal nicht vorbildlich ist.

Merida – Legende der Highlands

Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman, Steve Purcell
Seit 5. Dezember im Handel

Der Trailer zum Film – man beachte die Hintergrundmenschen

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