Der Blick über den digitalen Tellerrand

Eines steht fest: Um das Silicon Valley ranken sich Mythen und Legenden, wie früher um unbesiegbare Ritterburgen. Ist dieses Buch ein Reiseführer nach Kalifornien, oder doch der Aufruf zur digitalen Revolution in Deutschland? Wie geht es wirklich zu im Tal der Netzkultur?

Christoph Keese, eigentlich bei Axel Springer SE tätig, war dort, wo die Zukunft von Google und Twitter und somit auch unsere Zukunft liegt. Er spricht mit den marktführenden Unternehmern, besucht hippe Start-ups, trifft auf Rebellen und Gründer und bekommt somit einen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise der Trend-Branche in Kalifornien.

Es wird Tag und Nacht getüftelt. So entsteht zum Beispiel eine App in einem der sogenannten vier Tage Sprints. Danach, gehört auch mit zum Konzept, geht es ab mit der Familie an den Strand; Zelten, Natur, hinter den Dünen, Tofu grillen, um sich anschließend in den nächsten Sprint zu stürzen. Schnell, intensiv, komprimiert und viel Nähe zum Team: Die Erfolgsformel der IT- Konzerne.

Der Autor lässt nichts aus und somit behandelt er auch kritische Themen, wie das ungehemmte Sammeln von Daten. Ein Thema, was uns alle angeht, da jeder mitmacht. Freiwillig, wie gerne betont wird. Täglich geben wir Daten von uns preis, indem wir die Tools nutzen, die in Palo Alto entwickelt werden. Und wer die Programme entwirft, die wir täglich nutzen, hat die Macht über den Datenverkehr und damit automatisch über uns.

Das Buch ist ein Plädoyer für eine größere Gründer-Szene, die man in Deutschland vergebens suchen würde. Dabei ist es einfach geworden und viele verlassen ihren sicheren Job und ziehen ins Tal. Dort gibt es Geld an jeder Ecke, eine rebellische Risikokultur, Abenteuergeist und jede Menge Nerds, die sich dort wohl fühlen und gerade für ihr schrulliges Auftreten geschätzt werden. 

Wenn man dem Autor Glauben schenkt, hat Deutschland die digitale Revolution verpasst. Und dieses Buch macht Mut, wieder den Anschluss zu gewinnen. Jede*r sollte sich mit Programmieren auseinandersetzen. Es sollte als Schulfach eingeführt werden. Eine Sprache, die von nun an beherrscht wird, wie Englisch. Denn nur wer sich in Zukunft digital behaupten kann, hat noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die meisten Kapitel richten sich an Unternehmer, IT-Marktführer und Gründer der Szene, aber abgesehen von einigem Wirtschaftsvokabular ist das Buch in einem einfachen Ton gehalten und leicht weg zu lesen. Am Anfang gleicht es einem Reisebericht mit einem naiv drein blickenden Reiseleiter Keese, der so tut, als würde er zum ersten Mal über den Tellerrand hinweg blicken. Dadurch wird die eigenwillige Kultur des Valley’s umso deutlicher gemacht.

Lisa Immer (academicworld.net-userin)

Christoph Keese. Silicon Valley.
Knaus. 19,99 Euro.

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