Der Bilderbogen des Lebens

In manchen Kulturen glaubt man, dass in jedem Bild, dass von einem Menschen gemacht wird, ein Stück seiner Seele zurück bleibt. In Juliet Montagues Fall haben Porträts eher selbsterkennende Wirkung. Mit jedem Bild, das von der quirligen Frau entsteht, passt sie weniger in die engen Konventionen ihrer jüdischen Gemeinde.

Der Bilderbogen des Lebens

Ein Leben in Wartestellung?

Was hatte sie auch den gutaussehenden Fremden heiraten müssen. Nun steht sie da. Anfang 20, zwei kleine Kinder, der Mann spurlos verschwunden. In der jüdischen Gemeinde im londoner Umland macht das Juliet Montague zur Ausgestoßenen. Ohne Scheidungswunsch von Seiten des Gatten ist sie eine Aguna, eine lebende Witwe, ohne Möglichkeit zur erneuten Heirat. Also fügt sie sich. Lebt ein vergeudets Leben zwischen der Arbeit in der Brillenfabrik des Vaters, die sie nicht ausfüllt und der Mutterrolle, die ihr eigentlich nicht genügt. Und alle finden sie tapfer. Bis sie ausbricht und plötzlich eine Zumutung wird. Denn: Zum 30. Geburtstag kauft sie sich statt eines Kühlschranks ein Porträt. Während des Modellsitzens freundet sie sich mit dem Maler Charlie an, der sie mit in die schillernde Kunstszene Londons nimmt. Und die hat es in den 50ern in sich.

Die lebensfrohe Frau zieht bald auch die Aufmerksamkeit von Charlies Freunden auf sich. Gemeinsam gründet man eine Galerie, die Juliet endlich die willkommene berufliche Option bietet, der väterlichen Firma zu entkommen. Der familiären und nachbarschaftlichen Enge entkommt sie damit aber nicht wirklich. Und über allem immer der Schatten von George, der sie einfach von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung oder Abschiedsbrief verlassen hat – und das mitsamt ihres ersten Porträts, das sie fast mehr vermisst als den Kerl. Dazu ist ihr mittlerweile auch ihre Unabhängigkeit viel zu wichtig. Um diese wieder in den Griff zu bekommen, geben eine Anzeige in einer amerikanischen jüdischen Zeitung auf. In der „Galerie der verschwundenen Ehemänner“ wird nach ebenjenen gefandet und tatsächlich erhalten sie einen Hinweis auf den verschollenen Schwiegersohn. Aber will sie ihn überhaupt finden?

Liebevoll, humorvoll, aber durchaus wissend ist der Blick, den die Geschichte zusammen mit ihrer Hauptfigur Juliet auf ihre Umgebung wirft. Weder die konservative Gemeinde, noch die freizügige Künstlerwelt wird dabei der Lächerlichkeit preis gegeben oder aber verherrlicht. Und faszinieren kann sowieso nur die schillernde Frau im Zentrum. Die große Liebesgeschichte ihrer Namensgefährtin teilt sie zwar nicht, aber statt einen Romeo anzuschmachten liebt diese Juliet das Leben selbst. Die Probleme, die ihren Weg kreuzen, sind zwar zahlreich, können sie aber niemals auf ihrem Weg aufhalten. Ein turbulenter Familienroman voller starker Frauen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Natasha Solomons. Die Galerie der verschwundenen Ehemänner.
19,95 Euro. Kindler.

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