Dement und glücklich

Das Alter bietet viele Vorzüge: endlich nicht mehr arbeiten müssen, endlich Ruhe und vor allem mehr Zeit mit der Ehefrau und den Kindern verbringen! Aber was, wenn einen diese Vorstellung schaudern lässt, weil man seine Frau gar nicht so gut leiden kann? Dann hilft nur noch der Ausweg in die Demenz.

Demenz: Eigentlich ein heikles Thema für einen Roman. „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ von Dimitri Verhulst ist ein Buch über den eigentlich gesunden knapp siebzigjährigen Désiré Cordier, der zum einen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, vorallem aber auch ein begnadeter Schauspieler ist. Das Leben mit seiner Frau frustriert ihn schon jahrelang. Nun im Alter bleibt ihm mit dem Nachlassen der körperlichen Kraft nur die Aussicht auf eine kleine Wohnung mit Balkon auf der die beiden noch enger zusammen sein werden. Ein Graus für ihn, bis ihm eine Idee kommt: er wird einfach dement.

Mit Absicht dement

Unglaublich? Ein wenig schon. Akribisch beschreibt der Mann wie er seine Demenz entwickelt, immer auch darauf achtend nicht zu übertreiben und zu überschwänglich zu werden. Er zeigt die Reaktionen der Außenwelt, das Abwerten seiner Handlungen, das hämische Lachen einiger Mitbürger, die Fassungslosigkeit seiner Familie. Es ist ein wenig, als ob der Erzähler der Welt einen Spiegel vorhält: wie würde jemand, der an Demenz erkrankt ist, das Verhalten seiner Mitmenschen beurteilen, wenn er es denn könnte?

Persönlich erzählt – direkt ansprechend

Die scharfsinnige Beobachtung seiner Mitmenschen und die fast sarkastisch anmutenden Bemerkungen zu dem Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber sind sehr gelungen. Durch die direkte Ansprache des Lesers wird dieser zum Komplizen. Der Ich-Erzähler zieht ihn in seine Geschichte mit hinein und lässt ihn zu einem Teil dieser merkwürdigen Welt werden.

Im Spiegel des Kranken

Als Leser macht einen das Buch durchaus nachdenklich. Was bringt einen Mann dazu, sein Leben aufzugeben und so in dieser zunehmenden Hilflosigkeit zu verharren, obwohl er eigentlich geistig gesund ist? Und auch das Verhalten der Umwelt, die Häme, Schadenfreude, Neugier spiegelt sich in den Schilderungen des Bibliothekars. Das lässt den Leser nachdenklich zurück und bringt ihn dazu, Situationen, die wir im Umgang mit Kranken vielleicht selbst schon erlebt haben aus Sicht des Betroffenen zu sehen: Aus Überforderung ergibt sich Nachlässigkeit, Gefühllosigkeit und obwohl die Angehörigen es natürlich eigentlich besser wissen beginnen sie, den Kranken und seine Wünsche zu ignorieren und nicht mehr ernst zu nehmen.

heimlich Rache

 Trotzdem lässt die Geschichte den Leser auch schmunzeln und man spürt die Genugtuung, die der ehemalige Bibliothekar verspürt, wenn er seiner Frau durch sein unmögliches Verhalten eins auswischen kann. Denn durch die erfundene Krankheit hat er sich selbst einen Freifahrtschein ausgestellt – und erhält so auf eine ganz besondere Weise die Selbstbestimmung über sein Leben wieder: indem er es komplett in fremde Hände gibt.

Kerstin T. (academicworld.net-userin)

Dimitri Verhulst. Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
Luchterhand Literaturverlag. 12,99 Euro

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