„Dein Weg“: Immer der gleiche Trott

Einst konnte man nur Spazierengehen oder Wandern. Dann kamen Joggen, (Nordic) Walking und Trekking hinzu. Heute pilgert man – in „Dein Weg“, ab 21.6. im Kino, sogar mit dramatischer Note.

„Dein Weg“ muss nicht unbedingt ins Kino führen

Pilgern als Selbsthilfe
Der verwitwete Augenarzt Tom Avery (chronisch grimmig wie sein Sohn Charlie: Martin Sheen) hat sich zwischen eigener Praxis und Golfplatz unter kalifornischer Sonne etabliert. Sein erwachsener Sohn Daniel (Auch im wahren Leben Martin Sheens Sohn: Emilio Estevez) hingegen bevorzugt die unkonventionelle Weltenbummelei. Offenbar ohne sonderliche meteorologische Kenntnisse, denn auf dem Jakobsweg kommt er gleich während der ersten Tagesetappe bei einem Unwetter ums Leben.

In seiner Trauer reist Tom nach Europa, entscheidet sich vor Ort für eine Feuerbestattung des Sohnes und begibt sich nun selbst samt Asche auf Pilgerreise. Bald bildet er zusammen mit Joost (anhaltend leutselig: Yorick van Wageningen), Sarah (konstant verhärmt: Deborah Kara Unger) und Jack (beharrlich vielschichtig: James Nesbitt), die alle ihr Schicksalspäckchen zu tragen haben, eine Wandergemeinschaft.

Selbsthilfe/-erfahrung/-findung on the road: Etwas in dieser Art wird gegenwärtig mit dem mittelalterlichen „Camino de Santiago“, explizit mit der Hauptroute „Camino Francés“ assoziiert, jenem rund 800 Kilometer langen, von den Pyrenäen bis zur galizischen Stadt Santiago de Compostela reichenden Pilgerweg. Entstanden im 11. Jahrhundert erfreut er sich mittlerweile wieder großer Beliebtheit als kulturelle, soziale wie mystisch-spirituelle Strecke, die die Beine schwer, doch den Kopf frei machen soll. Ganz nach dem Motto: Hast du dich auf deinem Lebensweg verirrt, geh pilgern!

Pilgern für den Reifeprozeß
Längst hat auch der Buchmarkt das kommerzielle Potential des Jakobsweges erkannt, wobei Hape Kerkelings extrem populärer und tatsächlich guter Erfahrungsbericht aus dem Jahre 2001 sogar für einen Zustrom an Pilgerwilligen sorgte. 1994, als das Pilgern noch nicht derart hip war, veröffentlichte der amerikanische Autor Jack Hitt bereits „Off the Road: A Modern-Day Walk Down the Pilgrim?s Route into Spain“. Von diesem Werk fühlte sich Regisseur, Drehbuchautor und Nebendarsteller Emilio Estevez für sein Wanderdrama inspiriert und liefert doch nur ein herkömmliches Roadmovie über das Problemlösen und charakterliche Reifen beim Gehen ab. 

Wie humorvoll, einfühlsam und phantasienreich hatte sich vor einigen Jahren Coline Serreau mit „Saint Jacques… Pilgern auf Französisch“ (2005) diesem Thema genähert. In „Dein Weg“ ist das anders. Schon die Figuren und ihr seelischer Ballast sind viel zu schematisch gezeichnet. Da ist der gut gelaunte, sein Übergewicht bekämpfende Holländer, der natürlich Drogen im Angebot hat; neben ihm die launische Kanadierin, die immer noch an einem Beziehungsdesaster leidet; zum Schluß der exaltierte Autor aus Irland, den eine Schreibblockade quält. Unter ihnen Tom, der zwar kein schlechtes, aber wenig inniges Verhältnis zu seinem Sohn pflegte.

Nach dessen Tod will er ihm nahe sein, indem er Daniels Pilgerweg vollendet und gleichzeitig sein Nomadendasein nachzuleben versucht. Das mag löblich, freilich kaum originell sein, zumal sich zur überbordenden Spannungslosigkeit noch schockierend banale Weisheiten à la „You don’t choose a life, you live one!“ gesellen.

Pilgern mit Popsongs

„Dein Weg“ verläuft sich – man verzeihe das naheliegende Wortspiel – auf ausgetretenen Pfaden, ist langweilig, überlang, belanglos. Etwas wie eine dramatische Fallhöhe gibt es schlichtweg nicht, weshalb Konflikte künstlich herbeiinszeniert werden müssen. Einmal betrinkt sich Tom völlig motivationslos, sagt seinen Mitreisenden schnell mal die Meinung und muss wegen Randale kurzzeitig ins Gefängnis. Ein andermal geraten die Vier an einen irren Herbergsvater. Später wird Toms Rucksack von einem Roma-Jungen gestohlen, dessen Vater die Missetat jedoch rückgängig macht und zwecks Wiedergutmachung die Pilger zu einem typischen Zigeunerfest einlädt. Was Emilio Estevez halt unter „typisch“ versteht … fidele Folklore.

Ohnehin besitzt er weder ein Gespür für europäische Landschaften noch für das besondere Flair des Jakobsweges, was sich allein in der Auswahl des Soundtracks ausdrückt. Der gitarrenlastige Score von Tyler Bates wäre besser in einem amerikanischen Western-Abenteuer aufgehoben gewesen, und die ergänzenden Popsongs betonen in ihrer Einförmigkeit nur die oberflächliche Story. Cold Play und Alanis Morissette als musikalischer Hintergrund für eine Wallfahrt! Das sagt eigentlich schon alles.

Pilgern über den Abspann hinaus

Die ursprüngliche Idee hinter einer Pilgerreise, nämlich den Weg zu sich, letztlich zu dem Sinn im Leben zu finden, ist zeitlos. Ebenso wie die Suche nach Transzendenz in einer flüchtigen Welt des Pragmatismus. Für beides steht der Jakobsweg, und beides geht in Emilio Estevez` vorhersehbarer Inszenierung unter. Gegen Ende besinnt er sich noch schnell auf etwas Spiritualität, läßt seine vier Wanderer in der Kathedrale von Santiago de Compostela demonstrativ vor Ehrfurcht erstarren, als das berühmt-gewaltige Weihrauchfass bis hoch unter das Gewölbe geschwungen wird.

Gleichwohl findet der Film sein Finale am Meer, wo Tom die letzten Aschereste seines Sohnes verstreut. Dann ist es überstanden. Nur Tom wird weiterlaufen, ist in der Abschlußsequenz als fröhlicher Wanderer in irgendeinem arabisch anmutenden Stadtgewimmel zu sehen. Als Zuschauer muss man da glücklicherweise nicht mehr mitpilgern.

(von Nathalie Mispagel)

Dein Weg
Regie: Emilio Estevez
Besetzung: Martin Sheen, Emilio Estevez,Yorick van Wageningen, James Nesbitt, Deborah Kara Unger
Im Verleih von Koch Media


Stand Juni 2012

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