David Hewson: Epiphanias

© Rolf van Melis / pixelio.de

Drogenrausch, eine Entführung, ein Mord, fünf Beteiligte – das ist es, was mich die letzten fünf Tage beschäftigt hat. Nein, nein keine Sorge, ich stand weder unter Drogen, noch wurde ich entführt oder war gar an einem Mord beteiligt. Ich rede von dem Buch, das ich gerade gelesen habe, über eine Zeit, zu der ich noch gar nicht gelebt habe, ja noch nicht einmal Quark im Schaufenster war.

David Hewson: Epiphanias (=ist der ursprüngliche und heute noch meist gebrauchte Name des am 6. Januar, dem historischen Weihnachtsdatum, begangenen christlichen Festes.)

Ich fand, es war mal wieder Zeit für etwas Spannung in meinem Leseleben. Also griff ich zu einem blutigen, aufreibenden Thriller, der mit meinen Nerven spielen sollte. Aber nicht, weil er so grausig sondern eher so anstrengend zu lesen war.

Das Geschehen

1975: Fünf Studenten versuchen sich an LSD und führen dabei ein Experiment durch – am lebenden Menschen. Es handelt sich um einen Jungen, der entführt wurde. Tage später versuchen sie die Situation zu retten und heil herauszukommen. Doch einer von Ihnen geht für zwanzig Jahre hinter Gitter.

1995: Michael wird entlassen und Hal kümmert sich schleunigst darum, ihn von der Öffentlichkeit abzuschotten. Alle sind aufgewühlt, weil sie nicht wissen, was die nächste Zeit bringt und haben Angst, dass alles herauskommen könnte und sie alle büßen würden.

Eine junge Frau bringt das Unheil ins Rollen. Sie kommt aus England und stellt Fragen nach dem vor zwanzig Jahren entführten Jungen. Will herausfinden, was geschehen ist. Denn das wurde nie aufgeklärt. Leider werden die falschen Leute auf sie aufmerksam und das blutige Ende muss zwangsläufig seinen Lauf nehmen.

Eindrücke

Hauptfigur des Thrillers ist Joni Lascelles, die früher Flora Seymour hieß und sich die Schuld am Verschwinden ihres Bruders gibt. Als sie beide fünf Jahre alt waren, hat sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihn los zu werden und dann passierte es tatsächlich – am Heiligabend 1975. Kurze Zeit später wird eine abgehackte Hand gefunden, die auf nichts anderes schließen lässt, als auf den Tod des Jungen. Und es sollte nicht das letzte Unglück des Abends sein.

Weitere Handelnde sind zwei Polizisten und natürlich die fünf Studenten, die an dem Verbrechen beteiligt sind.

Die zwei Handlungsstränge (Vergangenheit und Gegenwart) laufen nebeneinander her, sind jedoch meist durch abgetrennte Kapitel leicht erkennbar. Am Anfang jeden Kapitels finden sich Zitate aus Büchern, Gedichten oder Liedern aktueller oder älterer „weiser“ Menschen. Ich muss gestehen, ich habe sie nicht alle interpretieren und später dann auch nicht mehr lesen können. So ging es mir auch mit manchen Zeilen des Thrillers.

Schwer verständlich, schlecht konzipiert

Der Autor beschreibt hier eine gelungene Geschichte, dennoch fällt es ihm schwer, sich verständlich bzw. passend genug auszudrücken. Auf den ersten Seiten gibt er die verwirrten und entrückten Gedanken des kleinen Mädchens wieder, als wäre sie eine erwachsene Verrückte, die in Phantasien entgleist. Nicht ganz glaubwürdig, leider.

Im weiteren Geschehen werden die Studenten personifiziert, gemalt sozusagen. Denn immer wieder erhalte ich den Eindruck, dass der Autor selbst nicht ganz „nüchtern“ in seinem Schreiben war. Vielleicht will er auch genau diesen Eindruck erwecken, dann ist ihm das zu 100 % gelungen. Doch es macht das Lesen und Erfassen der wirklich wichtigen Informationen und Details schwieriger, wenn er immer wieder abschweift in Farben, Illusionen und Eindrücken.

Der Autor schreibt selbst in seiner Danksagung: „Es war ein langer Trip, aber ich hoffe, Sie alle denken, dass er sich gelohnt hat.“ Allerdings meint er damit nicht seinen eigenen Drogenexzess. Stattdessen ist er selbst ständig zu den Schauplätzen seinen Thrillers gefahren: Seattle und San Francisco. Er selbst ist freischaffender Journalist für zahlreiche Zeitungen und hatte bereits große Erfolge mit Reisebüchern über Südspanien. Das erklärt vielleicht seine ausschweifenden Beschreibungen der Umgebungen in Natur und Stadt. Ich habe sehr schnell angefangen, Zeilen zu überlesen. Ganz ehrlich – hätte ich diese Rezension nicht schreiben wollen, hätte ich das Buch nicht zu Ende gelesen.

Doch dann hätte ich das überraschende Fortkommen der Geschichte verpasst, welches den noch so gewieften Thrillerleser und Rätsellöser gefordert hätte. Ich selbst hab mich auf den letzten 200 der insgesamt 590 Seiten einfach gleiten lassen, schon längst nicht mehr auf der Suche nach etwas Spannenderem als Drogenrausch und seine Auswüchse. Doch dann gelingt es dem Autor, mich in die Story zurückzuholen, in dem er endlich zum Ursprung kommt und gleichzeitig das Ende des Ganzen einleitet.

Wirklich geschickt sind letzten zwei Seiten, auf denen der Autor die ersten beiden, die er meiner Meinung nach so überhaupt nicht getroffen hat, noch einmal wiederholt – nur mit einem anderen Ausgang. Das hat mich dann doch wieder fasziniert. Nur ein Satz lautet anders – und die ganze Geschichte wäre nie passiert.

Schlußwort

Ein Thriller der von Drogen, Experimenten, Träumen, Erwachen, die Verantwortung für das eigene Handeln erzählt. Ein aufreibendes Buch, mit manchen Schwächen in den Längen, aber dennoch beeindruckend, verwirrend und überraschend.

Regina Grauwinkel

David Hewson

Epiphanias

590 Seiten

9,95 Euro

Ullstein

Stand Mai 2009
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