David Belbin: Der Hochstapler

„Der Hochstapler“ ist David Belbins erster Roman für Erwachsene, in dem er den Leser in die Welt der Literatur entführt. Bekannt wurde der britische Autor bereits durch seine Romane und Kriminalgeschichten für Jugendliche, die bereits in 20 Sprachen übersetzt wurden.

Ein Hochstapler entdeckt sein Talent

»Ich möchte, dass ihr so tut, als wärt ihr Dickens.« Diese Aufforderung seines Englischlehrers, ein Kapitel im Stil von Charles Dickens zu schreiben, verändert das Leben des vierzehnjährigen Mark Trace auf entscheidende Weise. Er imitiert Dickens Schreibstil so gut, dass sein Lehrer ihm unterstellt, geschummelt zu haben. Nach dieser schriftstellerischen Ohrfeige verfasst er während seines nachschulischen Aufenthalts in Paris zwei weitere Storys im Stile Hemingways. Diese werden vom Kulturbetrieb der französischen Metropole hochgelobt. Mark Trace scheint seine Bestimmung gefunden zu haben: das Schreiben.

Ein ungewöhnlicher Rettungsplan

Um sich nach seinem Auslandsaufenthalt in Frankreich über Wasser zu halten, unterbricht er sein kurz zuvor begonnenes Literaturstudium und beginnt bei der renommierten und doch erfolglosen Literaturzeitschrift „Little Review“ in London eine Assistententätigkeit. Als der Ruin der kleinen Zeitschrift noch vor deren Jubiläumsausgabe unausweichlich scheint, packt den jungen Kopisten der Ehrgeiz. Hoch motiviert will er seinen Beitrag dazu leisten „Little Review“ zu retten. Er tarnt von ihm verfasste Texte im Stil von Graham Greene und Roald Dahl als Archivfunde, um sie auflagenerhöhend zu veröffentlichen. Der Fund einer historischen Schreibmaschine untermauert dabei die vorgespielte Echtheit der Manuskripte.

Zunächst scheint es, als ob Marks Rettungsplan aufgehen würde. Doch auch in seiner kleinen Literaturwelt haben Lügen kurze Beine und schon bald holt ihn seine Fälschervergangenheit ein. Für Mark besteht die Gefahr, dass sein Betrug auffliegt und seine gesamte Existenz dadurch zerstört wird.
Vermischung von Fakten und Fiktion

David Belbin verschiebt in seinem Roman die Fakten in Richtung Fiktion und erzählt somit seine ganz eigene Variante der Literaturgeschichte. Dem Leser wird nicht immer klar, was nun historische Wahrheit ist und was nicht. Obwohl der Autor sein Realitätsgemisch sehr spannend gestaltet, stört dieses Spiel immer wieder auch den Erzählfluss. Wer sich mit der hier beschriebenen Literaturszene nicht auskennt, verliert schnell das Interesse an der eigentlich gelungenen Geschichte. Insbesondere die Spannungsmomente leben ausschließlich von der Beschreibung des Protagonisten, dem Literaturfälscher und „Hochstapler“ Trace. Gekonnt setzt Belbin Marks Fälschertalente in Szene, die Randerzählungen fesseln aber nur wenig. Die Übergänge mit Erzählungen über Freunde, Bekannte und Verwandte reduzieren den sonst guten Erzählfluss, lenken vom Hauptplot ab, ziehen die Geschichte unnötig in die Länge und können eine gähnende Langeweile beim Leser erzeugen.

Persönliches Fazit:
Alles in allem ist David Belbin nur ein durchschnittlicher Roman gelungen. „Der Hochstapler“ zeichnet zu Beginn eine steile Spannungskurve, konzentriert sich aber im weiteren Verlauf des Buches nicht auf seine Stärken – der Erzählung vom Leben und Streben des Hauptakteurs – sondern verliert aufgrund seiner langatmigen parallelen Handlungsstränge an Fahrt und dadurch das Interesse des Lesers.

288 Seiten
Kindler (März 2010)
19,95 Euro


Stand Februar 2011

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